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Schutzengel aus Papier
Bildquelle: Nappiness/Pixabay

Schutzengel aus Papier

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Sie steht im Laden und sucht. Ich hatte doch… sagt die alte Dame, ich hatte einen Zettel... Sie will ein Buch bestellen und hat vergessen, wie es heißt. Sie hat sich aber einen Zettel gemacht, sagt sie. Vorsichtshalber. Jetzt fehlt der Zettel. Die Handtasche ist nicht groß. Sie wendet den Inhalt von vorne nach hinten. Als ein neuer Kunde kommt, sagt sie: Bedienen Sie ruhig, ich bin gleich so weit. Ist sie aber nicht. Der Zettel ist nicht zu finden. Sie ärgert sich. Über sich und Gott und die Welt. Immer wieder sagt sie: Ich hatte doch einen Zettel. Zuletzt will sie gehen. An der Tür fällt ihr ein, welches Buch sie bestellen wollte. Ganz ohne Zettel. Name und Titel kommen flüssig über ihre Lippen. Sie strahlt. Sagt aber trotzdem: Ich hatte einen Zettel…

Ja, die Zettel. Ich habe sie auch. Sie machen ruhiger. Man muss sich weniger behalten. Es steht ja auf dem Zettel. Vorausgesetzt, man findet ihn. Das ist so beim Alt werden. Man ist seiner selbst weniger sicher. Hat mehr Fragen. Hab‘ ich das Licht ausgemacht? Wann hat der Enkel Geburtstag? Ist heute der Arzttermin oder morgen? Früher wusste man das. Heute ist man unsicher. Kann sich weniger auf sich verlassen. Mit Zetteln passt man besser auf sich auf. Dass einem die Welt nicht verrutscht. Dass man mit den Gedanken nicht stolpert. Und Schritt hält mit seinen Plänen.
Das ist so. Da soll man nicht jammern. Zettel sind kleine Freunde gegen das Vergessen. Schutzengel aus Papier. Selbstklebend. Klein und bunt. Sie ordnen mein Gestrüpp. Beleuchten jeden Weg. Gott weiß schon, wie er mich behütet.

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