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Zu spät
Bildquelle: annca/Pixabay

Zu spät

Tina Oehm-Ludwig
Ein Beitrag von

Tina Oehm-Ludwig,

Evangelische Pfarrerin, Versöhnungskirche Fulda
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Wenn Sie häufig mit dem Auto auf Bundesstraßen unterwegs sind, dann kennen Sie folgende Situation: Es gibt drei Fahrbahnen – die rechte Fahrbahn ist für einen selbst, die linke ist für den Gegenverkehr. Beide Fahrtrichtungen teilen sich die mittlere Fahrbahn aber untereinander auf. Mal steht sie einem selbst als Überholspur zur Verfügung, mal dem Gegenverkehr. Ich mag solche Straßen, denn es geht auf ihnen – zumindest zeitweise – zügig voran. Spannend ist bei diesen Straßen allerdings der Übergang. Das ist der Moment, in dem ich die mittlere Fahrbahn wieder an den Gegenverkehr abgeben muss. Dieser Übergang verläuft immer nach dem gleichen Prinzip. Zunächst kommen Schilder mit einem großen, nach rechts weisenden Pfeil und der Angabe „600 m“, „400 m“ und schließlich „200 m“. An diesem Punkt befinde ich mich gern schon wieder auf der rechten Fahrbahn. Sicher ist sicher. Andere sind da bedeutend mutiger – oder leichtsinniger. Es scheint ja auch noch so viel Zeit zum Wechseln der Spur zu sein. Denn nun erscheinen große, nach rechts weisende Pfeile auf der mittleren Fahrbahn selbst. Und auch, wenn diese Pfeile enden, kommt erst noch der Sperrstreifen. Das ist jener Abschnitt, bei dem die mittlere Fahrbahn mit dichten Querstreifen versehen ist. Dieser Sperrstreifen ist bisweilen sehr lang. Da fragt man sich, ob die Sache mit dem Wechseln der Spur überhaupt ernst gemeint ist. Denn anscheinend kann man trotz aller Hinweise und Aufforderungen immer weiter machen wie bisher. Doch irgendwann kommt der Moment, in dem der Sperrstreifen tatsächlich endet. Und wenn man sich dann nicht auf der rechten Fahrbahn befindet, dann ist es zu spät. Man fährt frontal in den Gegenverkehr hinein.

Musik 1    Franz Schubert, Impromptu c-moll op. 90/1

Zu spät! Solche Situationen kennen wir alle. Wir ziehen die Tür hinter uns zu und genau in dem Augenblick, in dem sie ins Schloss fällt, wissen wir: Der Schlüssel liegt noch auf dem Tisch. Zu spät! Oder: Wir sind mitten in einem Gespräch. Wir reden und reden und plötzlich ist das Wort heraus, das wir eigentlich nicht hatten sagen wollen. Zu spät! Oder: Wir treffen eine Entscheidung und merken erst hinterher: Es war genau die falsche. Zu spät! Gut, wenn wir die Situation noch irgendwie retten können, wenn wir die Dinge irgendwie rückgängig machen können, wenn die Folgen zwar unangenehm, aber nicht unwiderruflich sind.

Es gibt allerdings auch ein endgültiges „Zu spät!“. Meist bringt es der Tod mit sich. Denn dann kann man die Worte, die man gesagt hat, nicht mehr korrigieren. Dann kann man die Worte, die ungesagt geblieben sind, nicht mehr aussprechen. Dann kann man nichts mehr ungeschehen machen, nichts mehr nachholen. Zu spät!

Jesus hat einmal ein Gleichnis erzählt, in dem es um ein solches endgültiges „Zu spät!“ geht. Der Evangelist Lukas hat es aufgeschrieben:
Es war ein reicher Mann,
der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen
und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.
Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür,
der war voll von Geschwüren
und begehrte sich zu sättigen
von dem, was von des Reichen Tisch fiel,
doch kamen die Hunde
und leckten an seinen Geschwüren.

Es begab sich aber, dass der Arme starb,
und er wurde von den Engeln getragen
in Abrahams Schoß.
Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.

Als er nun in der Hölle war,
hob er seine Augen auf in seiner Qual
und sah Abraham von ferne
und Lazarus in seinem Schoß.
Und er rief und sprach:
Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus,
damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche
und kühle meine Zunge;
denn ich leide Pein in dieser Flamme.
Abraham aber sprach:
Gedenke, Kind,
dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben,
Lazarus dagegen hat Böses empfangen;
nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein.
Und in all dem besteht zwischen uns und euch
eine große Kluft,
dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill,
dorthin kommen kann
und auch niemand von dort zu uns herüber.

Da sprach er: So bitte ich dich, Vater,
dass du ihn sendest in meines Vaters Haus;
denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen,
damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.
Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten;
die sollen sie hören.
Er aber sprach: Nein, Vater Abraham,
sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge,
so würden sie Buße tun.
Er sprach zu ihm:
Hören sie Mose und die Propheten nicht,
so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen,
wenn jemand von den Toten auferstünde.

Musik 2 Franz Schubert, Impromptu f-moll op. 142/1

Der reiche Mann im Gleichnis ist tot. Für ihn ist es nun zu spät, dem armen Lazarus vor seiner Tür etwas Gutes zu tun. Ihm einen Liebesdienst zu erweisen. Es ist zu spät, ihn an seinen Tisch zu holen. Es ist zu spät, seine Wunden zu verbinden. Es ist zu spät, ihn auch nur freundlichen anzuschauen. Zu spät!

Ich habe mich gefragt: Warum hat der reiche Mann dies alles nicht getan? Hat er den Armen vor seiner Tür etwa nicht gesehen? Das könnte sein. Der Reiche war sicherlich ein gefragter und vielbeschäftigter Mann. Vermutlich war er auch ständig in Eile. Unter diesen Umständen kann man so einen wie Lazarus schon einmal übersehen. Wie oft ich selbst wohl schon an einem Menschen vor meiner Tür achtlos vorübergegangen bin – ohne anzuhalten, ohne aufzuschauen, ohne zu helfen? Vielleicht hat der reiche Mann aber auch gedacht: „Selber schuld! Jeder ist seines Glückes Schmied! Mir ist schließlich auch nichts in den Schoß gefallen!“ Wie dem auch sei: Nun ist der Reiche tot. Nun ist es für ihn zu spät, dem armen Lazarus oder irgendeinem anderen Armen vor seiner Tür etwas Gutes zu tun. Ihm einen Liebesdienst zu erweisen. Nun ist es für ihn zu spät, um die Spur zu wechseln. Es ist endgültig zu spät.

Das Gleichnis bleibt jedoch nicht bei diesem endgültigen „Zu spät!“ stehen. Es malt in eindrücklichen Bildern vor Augen: Dieses endgültige „Zu spät!“ hat ewige Folgen. Der reiche Mann hat in seinem Leben nicht rechtzeitig die Spur gewechselt. Der Tod macht diese Entscheidung endgültig. Und nun steht der Mann sein ewiges Leben lang auf der falschen Seite. Nun befindet er sich sein ewiges Leben lang an einem Ort, der für ihn die Hölle ist. Von dort aus gibt es keinen Weg zurück.

Wenn ich das lese, dann erschrecke ich. Ich kann kaum glauben, dass Jesus dieses Gleichnis tatsächlich erzählt hat. Ich frage mich: Werde ich mich auch einmal auf der falschen Seite wiederfinden, weil ich an einem Menschen vor meiner Tür achtlos vorübergegangen bin? Was ist der Maßstab für die Beurteilung? Das Gleichnis gibt darauf eine eindeutige Antwort: Der Maßstab ist die Liebe. Sie ist das, was Gott in seinem Wort – durch Mose und die Propheten – von uns Menschen fordert. Sie ist das, was uns Jesus mit seinem ganzen Leben gezeigt und vorgelebt hat. Sie ist der Maßstab. Der reiche Mann hat das zu seinen Lebzeiten nicht erkannt. Er war in seinem Leben nicht auf der Spur der Liebe unterwegs – zumindest nicht genug. Ob ich mich mit meinem Leben auf der Spur der Liebe befinde? Diese Frage treibt mich um. Und sie wirft sofort weitere Fragen auf: Wie oft muss ich denn lieben, damit es genug ist? Wie stark muss ich lieben, damit es reicht?

Musik 3 Franz Schubert, Impromptu As-Dur op. 142/2

Was muss ich tun, um auf der Spur der Liebe unterwegs zu sein? Wie oft muss ich lieben und wie stark? Martin Luther hat sein halbes Leben lang mit sich und mit seinem Gott um genau diese Fragen gerungen: „Genügt das, was ich tue? Wie kann ich sicher sein, dass es genügt?“ Er hat mit sich und mit seinem Gott gerungen, bis er schließlich eines begriffen hat: „Es hängt nicht an mir, sondern ich hänge an Jesus Christus. Das genügt!“ Martin Luther sagt: „Mir ist es bisher wegen angeborener Bosheit und Schwachheit unmöglich gewesen, den Forderungen Gottes zu genügen. Wenn ich nicht glauben darf, dass Gott mir um Christi willen dies täglich [von mir] beweinte Zurückbleiben vergebe, so ist es aus mit mir. Ich muss verzweifeln. Aber das lass ich bleiben. Wie Judas an den Baum mich hängen, das tue ich nicht. Ich hänge mich an den Hals oder Fuß Christi wie die Sünderin. Ob ich auch noch schlechter bin als diese, ich halte meinen Herrn fest. Dann spricht er zum Vater: Dieses Anhängsel muss auch durch. Es hat zwar nichts gehalten und alle deine Gebote übertreten, Vater, aber er hängt sich an mich. Was soll’s! Ich starb auch für ihn. Lass ihn durchschlupfen. [Das soll mein Glaube sein.]“

Martin Luther hat begriffen: „Ich kann den Forderungen Gottes aus eigener Kraft nicht genügen. Ich kann dem Maßstab der Liebe nicht gerecht werden. Denn ich bleibe in meinem Leben immer wieder Liebe schuldig, so sehr ich mich auch bemühe.“ Martin Luther hat das begriffen, aber er ist an dieser Erkenntnis nicht verzweifelt. Weil er sich an Jesus Christus gehangen hat. Weil er sich an den gehangen hat, der sein ganzes Leben lang auf der Spur der Liebe unterwegs war. Martin Luther hat sich an Jesus Christus gehangen und darauf vertraut: Jesus zieht die, die sich an ihn hängen, hinter sich her. Jesus zieht seine „Anhänger“ auf die richtige Spur, auf die Spur der Liebe.

Dann ist ja alles gut. „Ende gut, alles gut!“ – wie man so schön sagt: Als Jesu „Anhänger“ ist man auf der Spur der Liebe unterwegs. Durch Jesus wird man einmal auf der richtigen Seite stehen. Punkt. Doch eines begreife ich nicht: Warum erzählt Jesus dann überhaupt dieses Gleichnis? Oder anders gesagt: Wir verdanken unser ewiges Leben nicht unserem eigenen Lieben, sondern allein Gott und seiner Liebe. Wir müssen und wir können uns unser ewiges Leben nicht durch unser eigenes Lieben verdienen. Wir dürfen uns ganz und gar Gott und seiner Liebe anvertrauen. Warum dann aber diese drastischen und erschreckenden Bildern von ewiger Seligkeit für die einen und ewigen Höllenqualen für die anderen?

Musik 4    Franz Schubert, Moment musical As-Dur, op. 94/2 

Warum hat Jesus dieses Gleichnis erzählt? Mir ist folgendes klargeworden: Man muss das Gleichnis bis zum Ende hören. Das Gleichnis will nicht die Armen dieser Welt auf den Himmel vertrösten. Es will auch nicht den Reichen die Hölle heiß machen. Es ist keine Geschichte über den Tod und es ist auch keine Geschichte über das Leben nach dem Tod. Es ist eine Geschichte über das Leben. Es ist eine Geschichte über dieses Leben, über das Leben hier und jetzt.

Wir alle sind nicht Lazarus, wenngleich uns die Person des Lazarus zum Trost werden kann. Denn sie bringt zum Ausdruck, dass der Leidende bei Gott nicht namenlos ist. Lazarus ist die einzige Person in einem biblischen Gleichnis, die einen Namen trägt. Und dieser Name bedeutet übersetzt: „Gott kommt zu Hilfe“. Wir alle sind aber auch nicht der namenlose Reiche, wenngleich wir uns wohl eher in ihm wiederfinden müssten. Wir leben schließlich in einem der reichsten Länder der Erde. Wir alle sind weder der arme Lazarus noch der namenlose Reiche. Von beiden unterscheiden wir uns grundlegend, und zwar dadurch: Wir sind noch nicht gestorben. Wir leben!

Wir alle leben – so, wie die fünf Brüder des Reichen leben. Zu ihnen möchte dieser den armen Lazarus zurückschicken, um sie zu warnen. Denn für sie ist es noch nicht zu spät – nicht zu spät, um die Spur zu wechseln. Ebenso ist es auch für uns nicht zu spät. Wir können eingeschlagene Wege verlassen. Wir können Worte nachholen oder korrigieren. Wir können Dinge bereinigen, wieder gutmachen oder ganz neu in Angriff nehmen. Kurz: Wir können jeden Tag aufs Neue auf die Spur der Liebe wechseln. Der 46-jährige Andreas hat das gemacht. Und er hat es nicht bereut. Er sagt: „Ich hätte wahrscheinlich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten können, bis Holger sich bei mir entschuldigt hätte. Er wäre eigentlich damit dran gewesen. Aber dann habe ich gedacht: Was soll’s! Es gehören schließlich immer zwei dazu. Und so habe ich ein paar Bier aus dem Kühlschrank genommen, habe mich ins Auto gesetzt und bin zu ihm hingefahren. Vor der Tür hätte ich fast noch weiche Knie bekommen, aber als ich dann seine verdutzte Miene und im nächsten Moment sein breites Grinsen gesehen habe, da wusste ich: Alles richtig gemacht! Die nächste Runde ging dann auf Holger.“

Wir können jeden Tag aufs Neue die Spur wechseln. Wir können jeden Tag aufs Neue auf die Spur der Liebe wechseln. Und warum sollten wir das tun? Nicht, weil wir uns damit das ewige Leben verdienen müssten. Unser ewiges Leben liegt allein in Gottes Händen. Sondern weil wir eine Verantwortung für dieses Leben haben. Wir sollen dieses Leben – unser einmaliges, unverwechselbares und unwiederholbares Leben – gut machen: gut für die in unseren Häusern und vor unseren Türen und damit auch gut, sinnvoll und erfüllend für uns selbst.

Wir sollen das Leben hier und jetzt gut machen. Und wir machen es gut, wenn wir es im Sinne Gottes gestalten – im Sinne Gottes, der die Liebe ist. Wir haben nur die Verantwortung für dieses Leben. Und für dieses Leben gilt: Es ist nicht zu spät. Denn wir leben!

Musik 5 Franz Schubert, Impromptu Ges-Dur op. 90/3

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