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Mutig ausprobieren
Bild: unsplash / Windows

Mutig ausprobieren

Maike Westhelle
Ein Beitrag von Maike Westhelle, Evangelische Pfarrerin, Studienleiterin, Hofgeismar
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„Ey, wo ist meine Pizza?“ – Immer wieder rufe ich das laut durch den Raum; aber Pizza gibt es nicht. Heute ist Stimmtraining mit Herrn Hof. Er ist Schauspieler und übt mit uns einen sicheren Auftritt und die richtige Stimmlage. Der Ruf nach der Pizza soll aus dem Bauch heraus kommen, kräftig und überzeugend. Also genau die Stimme, die man braucht, wenn man mit Kindern und Jugendlichen arbeitet.

Sprechen ausprobieren 

Wir probieren verschiedene Arten zu sprechen aus. Wir, das sind angehende Pfarrerinnen und Pfarrer und das Team, das sie ausbildet.
Herr Hof ist der bunte Vogel im Team; nicht so churchy, also kirchlich, wie wir anderen. Und genau das ist prima. Er merkt schnell, wenn wir uns hinter Sprachhülsen verstecken. „Kanzel-Singsang“ findet er langweilig. Jede von uns soll ihre eigene Sprache und Stimme finden. Dafür probieren wir viel aus. Lautes Flüstern, den Ton durch den ganzen Kirchenraum werfen oder wie eine Murmel vor dem Mund kreisen lassen. Klingt verrückt – hilft aber. Und es macht Spaß, so verschiedene Formen auszuprobieren.

Lernen auch durch Erfahrungen

Ausprobieren ist überhaupt das entscheidende Stichwort. Lernen funktioniert nur bedingt durch Theorie. Meistens muss ich Erfahrungen sammeln, damit sich wirklich etwas bewegt. Von Gott reden kann ich nur angemessen, wenn ich etwas mit diesem Gott erlebt habe. Alles andere droht floskelhaft zu werden.
Genau darum geht es, wenn wir mit Herrn Hof ins Ausprobieren kommen: Es gilt, Dinge zu erfahren, zu spüren, was jetzt gut und richtig ist. Darum spielen wir schwierige Situationen durch.

Durch Rollenspiel lernen

Zum Beispiel Trauergespräche. Auch wenn ich schon oft in dieser Situation war: Beim Ausprobieren lerne ich jedes Mal etwas Neues. Weil ich dabei auch gar nicht immer die Pfarrerin spiele, sondern zum Beispiel die Witwe oder das Enkelkind. Ich spüre dann viel besser, wenn eine Frage komisch rüberkommt oder der gespielte Pfarrer Dinge sagt, die ich nicht verstehe.

Das Ausprobieren, die Erfahrung am eigenen Leib, stärken mich. Auch wenn es nur ein Spiel ist, bekomme ich doch ein Gefühl dafür, wie sich die Situation anfühlt. 

Durch Ausprobieren den eigenen Weg finden

Ganz wichtig ist dabei, dass jede und jeder den eigenen Weg findet. Es gibt für viele Situationen eben kein Schema F, sondern ich muss flexibel und authentisch reagieren können. Genau dafür brauche ich Räume, in denen ich möglichst ungezwungen bin. Ohne enge Vorgaben. Spiel-Räume oder eine Probebühne. Dann traue ich mich, einfach aus dem Bauch heraus zu agieren. Das macht mir Mut, eigene Wege zu entdecken.

Auch der Jünger Thomas braucht eigene Erfahrungen 

Thomas ist einer der Freunde Jesu und auch einer von den Mutigen. Er will es genau wissen. Selbst Erfahrungen sammeln und ausprobieren, was trägt. Seit kurzem hört er schier Unglaubliches: „Jesus ist auferstanden“, erzählt man sich.

Aber Thomas ist skeptisch „Es ist noch niemand von den Toten zurückgekehrt – das weiß jawohl jeder“. Der Jünger Thomas gehört zu denen, die schon lange mit Jesus unterwegs waren. Er hat an seinen Lippen gehangen, wenn Jesus redete. Er war einer von den verlässlichen, treuen Gefolgsleuten.

Seine Skepsis überwiegt

Aber jetzt kommt er an seine Grenzen. Seine Weggefährten erzählen ihm von ihrer Begegnung mit Jesus. Auch die Frauen waren vor einigen Tagen atemlos vom Grab herbeigelaufen: „Wir haben ihn gesehen! Jesus lebt!“

Thomas - der „Ungläubige“

Aber Thomas ist nicht überzeugt. „Das muss ich sehen“, sagt er. „Wenn ich nicht selbst den Finger an seine Wunden legen kann, dann glaube ich nicht, dass Jesus lebt.“

Unerhört, was sich dieser Mensch herausnimmt. Warum glaubt er nicht einfach, was die anderen erzählen? Warum reicht ihm das Glitzern in ihren Augen nicht? Oder die neue Lebensfreude, die die Trauer der vergangenen Tage wegwischt.

Dass er so entschlossen ist, macht ihn bei den anderen nicht gerade beliebt. „Der Ungläubige“ nennen ihn jetzt einige. Spürbar öffnet sich eine Kluft zwischen Thomas und den anderen.

Die Begegnung zwischen dem auferstandenen Jesus und Thomas

Als die Jüngerinnen und Jünger wieder einmal zusammen sind und beratschlagen, wie es weitergehen soll, ist Jesus plötzlich wieder da. Er steht genau vor Thomas. Ganz still wird es im Raum. Einige blicken hämisch in Thomas‘ Richtung. „Siehst du?“, scheinen ihre Blicke zu sagen, „wir haben es doch gesagt!“. Bestimmt nennt Jesus ihn gleich einen Kleingläubigen. 

„Du darfst mich berühren!“

Aber Jesus spricht Thomas ganz freundlich an. „Hier bin ich. Fass mich ruhig an. Ich weiß, das ist schwer zu begreifen. Ich bin gestorben und trotzdem am Leben.“ Thomas bekommt seine eigene Chance, das schier Unglaubliche zu begreifen. Jesus versteht seinen Zweifel. Er begegnet ihm genauso, wie Thomas es braucht.

Was für eine Ermutigung! In dieser Szene aus dem Johannesevangelium (Joh. 20) konterkariert Jesus wieder einmal die üblichen Erwartungen.

Thomas darf sich ausprobieren

Thomas bekommt eine Sonderbehandlung; der vermeintlich ungläubige, schwächere Jünger Jesu wird nicht getadelt. Er darf sich ausprobieren! Sein Mut und seine Entschlossenheit werden belohnt. Thomas darf Jesus sehen und ihn berühren. Er wird mit seinen Bedürfnissen ernst genommen. Nicht alle brauchen das gleiche. Aber bei Jesus gilt, dass jede und jeder die Zuwendung bekommen soll, die er oder sie braucht - für den eigenen Weg.

Durch Ausprobieren eigene Wege entdecken 

Jeder bekommt, was er oder sie wirklich braucht. Sich ausprobieren, eigene Wege entdecken – das ist wichtig. Die Geschichte von Jesus und Thomas sperrt sich gegen eine Gleichmacherei. Manchen reichen die Erzählungen der anderen – aber eben nicht allen. Schon ganz früh wurde daraus eine Hierarchie gemacht: Einfach zu glauben, ohne zu sehen, das sei wahre Größe. Aber das ist nicht die Perspektive Jesu.

Jesus respektiert Individualität

Bei allen Begegnungen nimmt er die Menschen mit ihrer Situation in den Blick. Gerade die, die aus dem Raster des Normalen fallen, brauchen seine Nähe. Thomas ist dafür ein Beispiel. Er scheitert daran, sich von der Begeisterung der anderen einfach mitreißen zu lassen. Er hat da so seine Zweifel… 

Noch etwas zeigt mir die Begegnung von Thomas und Jesus: Die laute Mehrheit ist nicht unbedingt im Recht. Das, was als normal angesehen wird, ist nicht das einzig richtige. Im Gegenteil:

Jesus ermöglicht Sonderwege

Diese Geschichte ermutigt Thomas und damit den Sonderweg. Er ist der Einzige, der sich getraut hat, zu sagen, was er braucht. Er erhebt die Stimme, um auch dazuzugehören. Es sind eben nicht alle gleich. Wie gut, dass Jesus kein Gleichmacher ist, sondern ein Ermutiger und Ermöglicher. 

Warum Ausprobieren so wichtig ist

Auch deshalb ist Ausprobieren so wichtig. Alle kommen ihren eigenen Bedürfnissen auf die Spur. Die angehenden Pfarrerinnen bei uns im Studienseminar werden mutiger durch das Probieren und Spielen. Sie finden ihre eigene Stimme und Sprache. 

Die Geschichte von Thomas und Jesus macht genau dafür Mut: Die Stimme zu erheben, zu sagen, was man braucht. Sich nicht zu schnell vom vermeintlich Normalen einschüchtern zu lassen.

Auch in der Bibel gibt es kein Schema F

Und genau das ist doch eine zentrale Botschaft der Bibel: Gott will Leben in Fülle, keine Gleichmacherei. Vielfalt gehört zum guten Leben dazu. Es gibt kein Schema F – sondern viele unterschiedliche Menschen.

Ach, übrigens – ich mag gar nicht so gern Pizza. Aber bei diesem spielerischen Ausprobieren habe ich etwas ganz Neues entdeckt: Es ist nicht die Lautstärke, die dafür sorgt, damit ich mit meiner Stimme durchdringe.

Auf Entschlossenheit kommt es an

Es kommt vielmehr darauf an, wie entschlossen ich bin. Vielleicht so ähnlich, wie der entschlossene Wunsch des Thomas: selbst zu sehen und zu begreifen, welches Wunder geschehen ist. Damit ist er bis zu Jesus durchgedrungen. Er hat eigene Erfahrungen gesammelt und ist damit eine wichtige Stimme geworden – bis heute zu hören.
 

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