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Keine Angst vor Riesen
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Keine Angst vor Riesen

Vera Langner
Ein Beitrag von

Vera Langner,

Evangelische Pfarrerin, Ober-Ramstadt
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Ein toller Kampf war das damals: Der kleine Hirtenjunge David gewinnt gegen den überheblichen Riesen Goliat!
Das Bild aus meiner Kinderbibel habe ich noch vor Augen: Der schwerbewaffnete Riese liegt am Boden mit Brustpanzer und Schienbeinschützern, mitten auf der Stirn der runde Kieselstein, der ihn umgehauen hat. Daneben steht der zierliche Junge, leicht bekleidet, mit seiner Steinschleuder in der Hand, und er lacht.
In seinen Augen habe ich als Kind gelesen: „Das hättet ihr nicht gedacht, dass ich das schaffe! Oder? Aber hier seht ihr, was ich kann, - auch wenn ich klein bin!“

Es waren wohl solche Geschichten, die mir als Kind geholfen haben, so manchen Kampf zu kämpfen gegen übermächtig scheinende Erwachsene, die mir Angst machen wollten.
Der Kampf des David gegen Goliat, - eine Kinder-Mut-mach-Geschichte, wie ein Märchen aus uralten Zeiten, - und doch viel mehr.
Die Geschichte von diesem Kampf ist nämlich nur ein Kapitel in der langen Geschichte des Volkes Israel. Sie spielt vor 3000 Jahren. Über Jahrhunderte wurde sie weitererzählt, dann aufgeschrieben und immer wieder abgeschrieben. So ist sie bis heute aufbewahrt im sogenannten Alten Testament, der jüdischen Bibel, die für Christen als erster Teil zur Heiligen Schrift gehört. Denn in diesen alten jüdischen Geschichten zeigt sich Gott, so wie die Menschen damals es erleben und beschreiben konnten. Es wird sichtbar und spürbar, welche Gesetze des Lebens bei Gott gelten.
Deshalb sind sie für mich bis heute spannend. Jahrtausendealte Erzählungen, die immer noch wirken bis in unseren Alltag hinein, sie werden weitererzählt als Mut-Mach-Geschichten. Und eine davon ist die von David und Goliat.
Bis heute erkenne ich das Motiv der Erzählung in aktuellen Ereignissen wieder, immer dann, wenn der Kleine gegen den Großen überraschend siegt.

Da war zum Beispiel im letzten Jahr die Sache mit dem Hambacher Forst. Demonstranten hatten sich dort im Wald Baumhäuser gebaut, Kundgebungen organisiert und Klagen eingereicht. Sie wollten die noch verbliebenen Reste eines alten Waldes schützen, der Stück für Stück für den Braunkohleabbau weichen musste. Es schien aber ein vergeblicher Kampf zu sein. Bilder von schweren Bulldozern, zerstörten Baumhäusern und abgeschleppten Demonstranten prägten einige Tage die Nachrichten. Aber dann sah man plötzlich im Fernsehen diese lachenden Gesichter der Aktivisten. Sie hatten einen Sieg errungen gegen einen riesigen Konzern. Es war ein Gerichtsurteil, mit dem niemand mehr gerechnet hatte. Vorerst dürfen keine Bäume mehr gefällt werden in diesem kleinen alten Wald. Und nun lachten und tanzten sie voll Freude über diesen Sieg.

Der Kampf des kleinen David gegen den Riesen Goliat wird wohl immer noch und immer wieder gekämpft. Bis heute erleben Menschen: Mein Mut hat sich gelohnt. Ich kann etwas erreichen, auch wenn alles dagegen spricht.
Aber wie war es eigentlich damals zu diesem Kampf gekommen bei Goliat?
Welche Strategie hat David zum Sieg verholfen?
Und warum freut es mich bis heute, dass David damals gewonnen hat?
Manchmal lohnt es sich, in den alten Quellen nachzulesen. Was steht da eigentlich genau? Hören Sie selbst:  Worte aus der Bibel verwoben mit Worten der Erzählerin von heute.

Musik: Samuel Scheidt, Intrada, German Brass 

Seit Generationen waren sie nun schon angekommen im gelobten Land, wo Milch und Honig fließen, wie es im Volksmund hieß. Ja, es war wirklich ein fruchtbares Land, in dem die Israeliten jetzt lebten. Aber es gab auch andere Volksgruppen, die den Reichtum des Landes und die Vorherrschaft für sich beanspruchten. Und deshalb kam es immer wieder zu feindseligen Überfällen, besonders nach der Ernte. Gut bewaffnete Soldaten der Philister plünderten immer wieder die Früchte mühsamer Arbeit. Der gute Ertrag musste Jahr für Jahr verteidigt werden gegen diese Feinde. Schon das Wort „Philister“ löste inzwischen Panik und Schrecken aus.
Um mehr Stärke zu zeigen, hatten die Israeliten seit kurzem einen König zum Oberhaupt ernannt, König Saul. So ein starker Mann an der Spitze konnte die Verteidigung der kleinen Volksgruppe der Israeliten sicher besser organisieren. Ein König hatte Macht, Autorität und Ansehen. Das Volk Gottes wollte mit seinem neuen König aufrüsten. Das musste doch auch im Sinne Gottes sein. Schließlich hatte Gott sie doch in dieses Land geführt, damit sie in Freiheit leben konnten, dort wo Milch und Honig fließen. So erzählt die Bibel im ersten Buch Samuel:

Die Philister sammelten ihre Heere zum Kampf und kamen zusammen bei Socho und Aseka. Und König Saul und die Männer Israels kamen zusammen und sammelten sich im Eichgrund und rüsteten sich zum Kampf gegen die Philister. Und die Philister standen auf einem Berg jenseits und die Israeliten auf einem Berg diesseits, sodass das Tal zwischen ihnen war. Da trat aus dem Lager der Philister ein Vorkämpfer zwischen den Fronten, ein Riese mit Namen Goliat.“

Goliath hatte eine moderne militärischer Ausrüstung. Sein Panzer und die Schienbeinschützer waren aus Metall. So etwas gab es bei den Israeliten noch nicht. Goliat trug ein Sichelschwert auf seiner Schulter und hatte einen gewaltigen Speer in der Hand. Er blickte verächtlich auf die schlecht ausgerüsteten Männer auf dem anderen Hügel. Er war sich seiner eigenen Stärke bewusst. Gönnerhaft machte er ein Angebot, um ein größeres Blutvergießen zu vermeiden:

„Gebt mir einen Mann und lasst uns miteinander kämpfen“, rief er. „Vermag er gegen mich zu kämpfen und erschlägt mich, so wollen wir eure Knechte sein; vermag ich aber über ihn zu siegen und erschlage ihn, so sollt ihr unsere Knechte sein und uns dienen.“

Unter den Männern Israels verbreitete sich Angst und Schrecken. Niemand hatte auch nur den Hauch einer Chance gegen so einen Riesen. Das war auch dem König klar. Jeden Morgen und jeden Abend stellte sich der Riese auf und ließ die Menschen auf der anderen Seite seine Verachtung spüren. Die Propaganda wirkte, die Zermürbungstaktik funktionierte. Das Volk Gottes war wie gelähmt, eingeschüchtert von diesem Riesen, 40 Tage lang. 

Musik: Charles Marie Widor, Salvum Fac Populum Tuum, London Gabrieli Brass Ensemble

Und dann kam David, dieser junge Mann, der als Soldat noch gar nicht zu gebrauchen war. Er hütete stattdessen die Schafe seines Vaters und konnte zauberhaft der Harfe Musik entlocken.
Eigentlich sollte er an der Frontlinie nur mal kurz nach seinen drei Brüdern schauen, die dort zum Heer von König Saul gehörten. David war vom Vater geschickt worden, um die Brüder mit neuen Lebensmitteln zu versorgen.
Da sah und hörte er den Auftritt des Riesen. Er war empört: Was für ein arroganter Typ war das denn! Der glaubte wohl, er könne sich alles erlauben, nur weil er so groß war und reich genug, sich eine solch glänzende Ausrüstung leisten zu können!
In David entbrannte ein Feuereifer gegen diesen Riesen. Er kannte diesen Kampfgeist in sich. Immer wenn ein Bär oder ein Löwe eines seiner wehrlosen Schafe angreifen wollte, dann kämpfte er auf Leben und Tod. So konnte er das eine oder andere seiner Schafe retten. Manchmal hatte er das Schaf sogar noch aus dem Maul des Löwen befreien können.
Ja, so wollte er gegen diesen Riesen kämpfen, damit seine Brüder gerettet würden.
Aber alle waren dagegen und sie hatten plausible Argumente. Aber der Junge ließ sich nicht beirren und auch er hatte ein gutes Argument: sein Gottvertrauen.   

David sprach zum König: „Keinem soll das Herz schwer werden wegen ihm. Denn dein Getreuer wird gegen diesen Philister kämpfen. Mein Gott, der mich von den Bären und Löwen errettet hat, der wird mich auch erretten von diesem Philister.“

Und der König willigte ein, zog ihm aber sicherheitshalber seine königliche Rüstung über, damit der Junge wenigstens gut gerüstet sei für den Kampf gegen diesen Riesen. David probierte die Rüstung an und merkte: 

Ich kann so nicht gehen, denn ich bin´s nicht gewohnt.“ Und er legte die schwere Rüstung wieder ab.

Stattdessen nahm er seinen vertrauten Hirtenstab in die Hand und ging hinunter zum Fluss. Fünf glatte Steine wählte er aus, nicht zu groß und nicht zu klein mussten sie sein. Mit den passenden Flusskieseln in der Hirtentasche nahm er die Schleuder in die Hand und ging dem Philister entgegen. So fühlte er sich gut gerüstet.

Als nun der Philister aufsah und David anschaute, verachtete er ihn, denn er war ein Knabe, bräunlich und schön. (…) Aber David sprach zu dem Philister: „Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß und Sichelschwert. Ich aber komme zu dir im Namen Gottes, gebietend über Heere, der Gottheit Israels, die du lächerlich gemacht hast. Wir sind sein Volk. Alle Welt soll sehen, dass dieser Gott nicht durch Schwert oder Spieß hilft. (…)Und David tat seine Hand in die Tasche und nahm einen Stein daraus und schleuderte ihn und traf den Philister an der Stirn und er fiel zur Erde. So überwand David den Philister mit Schleuder und Stein und traf und tötete ihn. David aber hatte kein Schwert in der Hand.

Der Riese war besiegt, die übrigen Philister flohen erschrocken und das Volk Gottes jubelte dem Retter und Erlöser zu. Für diesmal hatten sie Ruhe vor den Feinden.

Musik: Arthur Bliss, Antiphonal Fanfare, Philip Jones Brass Ensemble 

Die altorientalische Erzählung vom Kampf des Hirtenjungen David gegen den Elitesoldaten Goliat ist spannend erzählt. Auch mit Humor kann ich sie lesen. Ich frage mich, ob nicht sogar ein bisschen göttliche Schadenfreude durchschimmert. Schließlich gewinnt einer mit dem Kieselstein gegen einen vermeintlich unbesiegbaren Gegner. Ein Zeichen wird damit gesetzt und alle sollen es sehen: Gott ist nicht auf der Seite eines hochgerüsteten Heeres, sondern Gott ist auf der Seite der Schwachen und der Gedemütigten. Gottes Kraft erweist sich in den Schwachen als mächtig. Wer Gott verspottet und die Menschen, die ihm am Herzen liegen, behält nicht das letzte Wort. Und: mit Gott an ihrer Seite können auch Kleine und Schwache Großes bewirken. Das ist die Hoffnung, die mit dieser Geschichte konkret wird.
Und sie tauchen ja immer wieder mal auf, diese überraschenden Helden, die gar keine sein wollen. Sie sind oft wie David nur durch Zufälle vor Ort, aber erkennen, was zu tun ist. Die sich was trauen.
Ich höre von jungen Menschen, die sich nicht einschüchtern lassen, sondern den Mund aufmachen, auf die Straße gehen und andere mitreißen. Zwei Schülerinnen in der USA zum Beispiel. gehen gegen die Waffenlobby und gegen die Ausgrenzung von Armen auf die Straße mit einfachen selbergemachten Protestschildern. Immer mehr Menschen schließen sich ihnen an, unterstützen den Protest und es entsteht daraus eine große Bewegung für mehr Menschlichkeit und Solidarität. Der Einsatz der zwei Schülerinnen hat ein Zeichen gesetzt.  
Auch die Jesidin Nadia Murad wird zur Kämpferin für mehr Menschlichkeit. Sie war vom IS versklavt und misshandelt worden, aber nach ihrer Befreiung nimmt sie den Kampf auf gegen diesen Machtapparat. Hier in Deutschland findet sie Schutz und Hilfe. Schließlich hält sie eine bemerkenswerte Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Ihre Worte bewegen: „Ich flehe euch an, die Menschlichkeit nicht zu vergessen, den Frieden zu unterstützen. Was muss noch passieren, dass ihr etwas tut?“  Sie lebt heute in Baden-Württemberg und hat letztes Jahr den Friedensnobelpreis erhalten.

Immer wieder gibt es sie, diese besonderen Persönlichkeiten, die ohne eigene Eitelkeiten kämpfen für das, was sie als richtig erkannt haben. Sie nutzen die einfachen Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen. Auf den ersten Blick scheinen sie schwach. Aber ihr beherzter Einsatz zeigt große Wirkung. Ihre Strategie ist geprägt von leidenschaftlicher Liebe für eine großartige Sache. So machen sie auch anderen Mut.

Der Hirtenjunge David suchte sich damals nur fünf passende Kieselsteine aus für den Kampf gegen den Riesen. Den Hambacher Wald wollen Aktivisten mit den Mitteln des Rechtsstaates retten. Die Schülerinnen in der USA kämpfen mit schlichten selbstgemachten Plakaten und die Jesidin Nadia Murad kämpfte mit Worten vor der Weltgemeinschaft.
Jedes Mal ist die Wahl der Waffen wohlüberlegt. Sie dienen der Verteidigung und treffen die Schwachstellen des Gegners. Nicht immer sind sie so siegreich wie David, aber sie machen ihr Anliegen und sich für andere Menschen stark und lassen sich nicht unterkriegen.

Ich glaube, dass es immer wieder Menschen gibt und geben wird, die überraschend auftauchen und den übermächtig Scheinenden erfolgreich entgegentreten. Es freut mich bis heute, dass David damals Goliat besiegen konnte. Denn dahinter steckte, so erzählt es die Geschichte, der Plan Gottes. Diejenigen dürfen mit Gottes Beistand rechnen, die göttlicher Kraft und Liebe vertrauen. Die Angstmacherei gewaltiger Herrscher wird dadurch entlarvt und allmählich entmachtet.
Wenn Gefahren und Bedrohungen mich lähmen wollen und mutlos machen, erinnere ich mich an die Geschichte von David und Goliat. Mir hilft sie bis heute, aktiv und zuversichtlich zu bleiben. Ich brauche nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Ich kann mit dem kämpfen, was mir zur Verfügung steht. Ich kann die Wahrheit sagen, wenn manche meinen, man könnte nur mit Falschnachrichten den größten Erfolg erzielen. Ich kann mir Zeit nehmen für ein ausgewogenes Urteil, wenn einige meinen, die Wahrheit sei so einfach wie eine Kurznachricht. Ich kann Menschen beistehen, die von anderen verächtlich liegengelassen werden. Bei Gott zählt jeder Einsatz. Und für die Welt sind es wichtige Zeichen.

Der Kampf des David gegen Goliat war nur ein Etappensieg. Bis heute ist kein Frieden in vielen Teilen der Welt, auch nicht im Nahen Osten. Es muss immer wieder neu darum gerungen werden.
Der Kampf um den Hambacher Forst geht weiter. Das Gerichtsurteil, dass vorerst keine Bäume mehr gefällt werden dürfen, war nur ein Etappensieg. Es muss weiter um nachhaltige Lösungen gekämpft werden.
Auch die amerikanischen Schülerinnen werden weiter aktiv bleiben müssen für mehr Menschlichkeit und Solidarität rund um arme Menschen und die Waffengesetze.
Und das Volk der Jesiden bleibt als Minderheit auch weiterhin bedroht.
Ich bin zuversichtlich, dass es sich lohnt, immer wieder dieser Kraft zu vertrauen, die in David damals wirksam war.

Musik: Felix Mendelssohn Bartoldy, Wachet auf ruft uns die Stimme, Westfälisches Blechbläserensemble

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