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Hubertus: Der Heilige im Herbstwald
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Hubertus: Der Heilige im Herbstwald

Stefan Wanske
Ein Beitrag von

Stefan Wanske,

Katholischer Pfarrer und Dekan, Friedberg
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Buntes Laub bildet einen raschelnden Teppich auf den Straßen, morgens ist die Welt in dicken Nebel getaucht – man merkt es an allen Ecken, der Herbst ist da! Wenn sich nachmittags nach dem Nebel zwischen den Wolkenschleiern die Sonne sehen lässt, dann zieht es mich oft nach draußen. Ich bekomme Lust, durch die Farben des Herbstwaldes zu laufen.

Schon als Kind mochte ich das: Kastanien sammeln und zu Streichholztieren verbasteln und darüber staunen, was da auch im Herbst noch alles wächst. Hagebutten, Schlehen und Pilze.

Ab und zu hört man dann auch mal einen Schuss aus weiter Ferne. Die Jäger streifen durch die Wälder. In den besonders waldreichen Regionen, gerade auch bei uns in Hessen, wirkt sich das auch auf die Speisekarten der Gastronomen und Hoteliers aus. Viele erweitern ihr saisonales Angebot. Eine zusätzliche Wildkarte übt speziell im Herbst und Winter einen besonderen Reiz auf die Gäste aus. Spätestens jetzt, wenn auf den Speisekarten plötzlich Rehpfeffer, Wildschweinbraten oder Hirschragout auftauchen, ist mir klar: Mit dem Herbst kommt auch die Wildsaison.

Heute, am 3. November, steht das Fest eines Heiligen im Kirchenkalender, der als Patron der Jäger und Forstleute gilt: der heilige Hubertus. Er hat viele Spuren in der Musik, der Kunst und in der Geschichte hinterlassen. Sein Name wird im Herbst noch immer ziemlich oft genannt: Bei Konzerten oder in Gottesdiensten werden in diesen Tagen vielerorts „Hubertusmessen“ aufgeführt.

In dieser Morgenfeier will ich mal dem Hubertus-Tag und seiner Bedeutung nachgehen. Auch die Musik hab ich danach ausgewählt. Sie hören als erstes ein Menuett aus den „7 Menuetten mit Trio“ von Wolfgang Amadeus Mozart.

Musik 1:

Wolfgang Amadeus Mozart, Menuett KV 65a/7, CD: „Hubert Obry. Die St. Hubertus-Messe“, CD 2/2, Label Zyx Music (LC 07256), Track 12, 02:14

Kirchengeschichtlich war der Heilige Hubertus eine bedeutsame Persönlichkeit. Er wurde um das Jahr 656 geboren und starb als Bischof von Lüttich im Jahr 727. Dierick Bouts, ein Meister der niederländischen Schule, malte ihn im 15. Jahrhundert auf einem Altarbild, mit Mitra und Hirtenstab. In seiner Rechten hält er ein Jagdhorn aus Metall. Zu seinen Füßen ist ein Hirsch dargestellt, der zwischen den Stangen seines Geweihs ein Kreuz trägt.

Das ist eine Anspielung auf die fromme Legende um Hubertus, die in vielen Variationen überliefert ist. Als junger Mann, so wird berichtet, sei Hubertus ein leidenschaftlicher Jäger gewesen. Als er auf der Jagd einmal einen Hirsch stellte, habe er, umrahmt von dessen Geweih, in himmlischem Lichtglanz ein strahlendes Kreuz gesehen. Die Legende erzählt weiter:

„Auf die Knie sinkend, entfiel ihm die tödliche Waffe, und erstmals erkannte er im Wild ein Geschöpf Gottes, und es zu hegen und zu pflegen, schien ihm plötzlich die vornehmste Pflicht. Von Stund an änderte er sein wildes Leben, wurde ein vorbildlicher Waidmann und als gottgefälliger Priester sogar ein Heiliger.“

Diese Sätze stammen aus einem alten Buch mit Heiligenlegenden. Aber ich finde, sie klingen trotzdem ziemlich aktuell: Im Tier Gottes Geschöpf zu sehen und die Schöpfung pfleglich zu nutzen, das ist auch heute ein Thema.

In der Lebensbeschreibung des Heiligen Hubertus heißt es weiter, er habe seiner vornehmen Abstammung wegen in jungen Jahren das Amt eines Pfalzgrafen bekleidet. Später hätte er dann, wohl auch mitveranlasst durch schwere Schicksalsschläge, als Einsiedler in den Ardennen gelebt, wo er als Glaubensbote und Seelsorger gewirkt habe. Hubertus gründete Klöster und trug in der Bevölkerung schon bald den Namen „Apostel der Ardennen“. Um das Jahr 700 wählte das Volk ihn zum neuen Bischof von Tongern und Maastricht. Hubertus verlegte seinen Bischofssitz nach Lüttich und baute dort die erste Bischofskirche.

Im Mittelalter begann man besonders in Belgien und in Frankreich, seiner um den 3. November herum zu gedenken. Speziell die Jäger und Förster verehrten ihn. Aber er war als „Schutzheiliger des Jagdwesens“ im Volksglauben auch für die Hunde zuständig. Man versprach sich von seiner Fürbitte auch besonderen Schutz gegen Wildtollwut.

Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts wurde es in vielen Ländern Europas zum Brauch, die „Hubertusmessen“ dieses Tages aus den Kirchen auch nach draußen zu verlagern und dort die zuvor streng liturgische Musik von Jagdhörnern darbieten zu lassen. Bis heute werden die überlieferten Kompositionen der klassischen „Hubertus-Messen“ typischerweise auf ventillosen Fanfaren und Parforce-Hörnern geblasen.

Damit entsteht ein ganz eigener Klang, weil diesen Instrumenten nur die Naturtonreihe zur Verfügung steht.

Hören wir die Eröffnungsweise der sogenannten „Grande Messe de Saint Hubert“, die der französische Komponist Jules Cantin auf Basis volkstümlich überlieferter Melodiemotive 1934 aufzeichnete und veröffentlichte.

Musik 2:

Jules Cantin: Introduction, aus: La Grande Messe de Saint Hubert, CD: „Detmolder Hornisten / Michael Höltzel, Hubertusmesse“, Label MDG (MDG 324 0098-2), Track 02, 03:20

Die Legenden und Geschichten um den Heiligen Hubertus erinnern mich heute neu daran, was schon seit biblischen Zeiten eine wichtige Glaubensbotschaft ist: Der Mensch ist Teil der Schöpfung, er steht nicht über ihr. Achtsamkeit schuldet er der gesamten Umwelt – den Pflanzen, den Tieren, dem Wasser, der Luft und der Erde. Das hat der heilige Hubertus in seiner Kreuzvision im Wald auf einmal begriffen.

Die Sorge für das Leben auf unserem Planeten wird immer wichtiger. Es wird immer deutlicher: die natürlichen Ressourcen sind nicht unendlich. Und Treibhausgase und Klimaerwärmung haben sehr konkrete Auswirkungen, hier vor der Haustür. Mir kommen sofort die Schlagzeilen der letzten Wochen in den Sinn: „HessenForst“ hat von staatlicher Seite darauf hingewiesen, dass es dem Wald bei uns gerade nicht gut geht.

Der Klimawandel ist da – das hat der Dürresommer 2018 auch bei uns vielen deutlich gemacht. Nach dem Orkan „Friederike“ im Januar haben letztes Jahr die Dürre und Hitze den Bäumen sehr zugesetzt. Auch die Massenvermehrung des Borkenkäfers hat 2018 enorme Schäden am hessischen Wald verursacht. Zurzeit herrscht in ganz Mitteleuropa eine Borkenkäferplage: Trockene Bäume aus dem Vorjahr, von den Stürmen umgeworfene Stämme und zuletzt der trockene Sommer hätten dem Borkenkäfer in den vergangenen Monaten "ideale Brutbedingungen" bereitet, heißt es.

Der „Garten Eden“, von dem die Bibel auf den ersten Seiten spricht, ist heute mehr denn je bedroht – daran besteht kein Zweifel. Deshalb setzen sich mittlerweile Hunderte von Organisationen und unzählige Einzelpersonen über kulturelle, religiöse und geographische Grenzen hinweg für den Erhalt der Schöpfung ein.

Der christliche Glaube sieht das Universum seit jeher als Gottes gute Schöpfung. Die Menschen haben darin den Auftrag, die Welt zu gestalten und die Schöpfung zu bewahren. Im biblischen Buch der Psalmen klingt die Freude über die gute Schöpfung an: „Herr, wie zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen.“ (Psalm 104,24) Johann Michael Bach hat diesen Psalm in einer eigenen Kantate vertont: „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel. Du hast sie alle weislich geordnet.“

Musik 3:

Johann Michael Bach: Chor „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel”, CD: Johann Michael Bach, Friedens-Cantata. Label cpo (cpo 999 671-2), Track 15, 02:32 min

Gerade am Gedenktag des heiligen Hubertus steht es mir deutlich vor Augen: Auch ich bin ja ein Teil dieser großartigen Schöpfung Gottes. Und ein Teil der Menschheit, die der Schöpfung und dem Klima auf der Erde geschadet hat. Mein eigener Lebensstil hat Einfluss darauf, wie sich die Welt entwickelt. Manchmal fühle ich mich ziemlich ohnmächtig, wenn es darum geht, etwas zu tun: was kann ich anders machen, damit die natürlichen Ressourcen geschont werden, oder damit weniger Plastik in den Meeren landet und weniger Müll in ärmeren Ländern? Oder damit die Luft wirklich besser wird?

Mir ist klar: meine eigenen Möglichkeiten sind im globalen Maßstab wahrscheinlich ziemlich gering. Aber heraushalten kann ich mich mit meinem Alltag auf der anderen Seite auch nicht.

Einen immer achtsameren Umgang mit der Umwelt kann ich zu jeder Jahreszeit und in vielen Formen einüben. Möglichkeiten gibt es viele. Ich überlege zum Beispiel in den letzten Jahren immer öfter: Auf welche Verpackungen kann ich verzichten? Oder welche Wege kann ich statt mit dem Auto auch zu Fuß oder mit dem Rad erledigen? Welche neuesten technischen Spielereien sind für mich vielleicht gar nicht so nötig, wie ich im ersten Moment vielleicht denke? Und ist nicht mitunter ein  Herbstspaziergang im Wald eine gute Alternative zum Einkaufsbummel in der Innenstadt? All das macht mein Leben sicher nicht ärmer.

Jemand gab mir in einem Vortrag über „reflektierten Konsum“ mal eine Idee mit auf den Weg, die ich besonders interessant finde: Ich sollte doch einfach alle Ideen für Anschaffungen, die mir in den Sinn kommen, erst mal auf eine Vier-Wochen-Warteliste schreiben und nach diesem Zeitraum schauen, ob diese eine Anschaffung noch immer nötig ist.

Eine ebenso tolle Idee, finde ich, ist auch der Umsonstladen. Den gibt es seit ein paar Jahren in meiner Stadt. Mittlerweile ist er ein beliebter Treffpunkt. Ehrenamtliche sammeln Gegenstände des täglichen Lebens und verschenken sie kostenlos weiter  – all das eben, was ansonsten oft jahrelang unbenutzt daheim in den Schränken liegt: Geschirr, Besteck, Vasen, Bettwäsche, Lampen, Werkzeug, Haushaltsgeräte, Uhren und vieles mehr. Jeder kann hingehen und schauen, ob er etwas brauchen kann oder auch etwas hinbringen, ohne dass dabei Geld eine Rolle spielt. So mache ich zum einen die schöne Erfahrung des Schenkens und Beschenkt Werdens. - Und die Ressourcen schont es auch. Was mir dort von jemand anderem geschenkt wird, das muss nicht erst noch eigens hergestellt werden. Und es fühlt sich ganz anders an, etwas geschenkt zu bekommen, als loszurennen und es sich zu kaufen.

All das können kleine Schritte sein, im alltäglichen Leben und im eigenen Wirtschaften, die Freude über die Schöpfung und die Natur auszudrücken.

Der Dichter Christian Fürchtegott Gellert hat das 1757 in einem bekannten Gedicht getan. Es trägt die Überschrift „Die Ehre Gottes aus der Natur“. Es beginnt mit einem Zitat aus Psalm 19: „Die Himmel rühmen des ewigen Ehre“. – Hier ist es, in einer Vertonung von Carl Philipp Emanuel Bach, der das Gedicht schon ein Jahr nach dessen Veröffentlichung 1758 als geistliches Lied gestaltet hat.

Musik 4:

Carl Philipp Emanuel Bach: „Ehre Gottes aus der Natur. Die Himmel rühmen des ewigen Ehre“; CD „Carl Philipp Emanuel Bach – Johann Christoph Friedrich Bach. Geistliche und weltliche Lieder“ von Gotthold Schwarz und Sabine Bauer, Label Capriccio (18 856), Track 14, 02:21

An unterschiedlichen Orten und durch kleine, aber wichtige Schritte stehen auch die christlichen Kirchen für die Bewahrung unseres bedrohten Planeten ein.

Und auch ich wünsche mir heute am Hubertustag, dass die Freude über den Herbst mit seinen schönen Seiten wieder Mut macht: zu neuer Achtsamkeit gegenüber dem Leben.

Papst Franziskus hat diesen Wunsch 2015 am Schluss seiner Umwelt-Enzyklika „Laudato Si“ in einem Gebet niedergeschrieben, mit dem ich schließen möchte:

Heile unser Leben,
damit wir Beschützer der Welt sind
und nicht Räuber,
damit wir Schönheit säen
und nicht Verseuchung und Zerstörung.

Lehre uns,
den Wert von allen Dingen zu entdecken
und voll Bewunderung zu betrachten;
zu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind
mit allen Geschöpfen
auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht.
Danke, dass du alle Tage bei uns bist.

Musik 5:

Johann David Heinichen, Réjouissance aus der Sinfonia F-Dur „di Moritzburg“, CD: „Ludwig Güttler. Das Corno da Gaccia in der Jagdmusik“, Label berlin Classic (LC 0300213BC), Track 10, 01:16

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