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Edelsteine
Bildquelle: Pexels/Pixabay

Edelsteine

Andrea Wöllenstein
Ein Beitrag von

Andrea Wöllenstein,

Pfarrerin im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marburg
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In jeder Hand halte ich einen Stein. Der eine ist grau-schwarz – ein Schotterstein mit harten Kanten. Sie schneiden, wenn ich meine Hand schließe. Der andere ist ein kleiner Edelstein. Farbig und glatt, angenehm zu halten, wie ein Handschmeichler.

Wir feiern eine Andacht am Abschluss einer längeren Arbeitsperiode. Wir erinnern uns an das, was schön war, was uns Freude gemacht hat, was gut von der Hand ging. Und wir denken an das, was mühsam war, was nicht gelungen ist. An Aufgaben, an denen wir uns abgearbeitet haben. Auch an Verletzungen und Enttäuschungen. Die schönen Steine nehmen wir am Ende mit nach Hause. Ein Symbol für das, was uns kostbar ist, und was weitergehen soll. Die kantigen Schottersteine legen wir auf den Altar zum Zeichen für das, was wir ablegen und hinter uns lassen wollen.

Nach der Andacht kommt eine Frau zu mir. „Ich würde meinen Schotterstein auch gerne mitnehmen“, sagt sie. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Erlebnisse, die schwer und anstößig waren, für mich oft wertvoll sind. Ich möchte beide Steine nebeneinander legen. Den glatten und den kantigen.“
Ich wollte die Schottersteine wegwerfen. Durch den Einwand der Frau habe ich gelernt, dass sie zu „Edelsteinen“ werden können. Wenn ich aus schwierigen Erfahrungen lerne und an ihnen reife.

Der Stein, der wertlos scheint und weggeworfen wird, sich dann aber als kostbar erweist - dieses Bild gebraucht die Bibel, wenn sie von Jesus spricht. Er wird gekreuzigt und von den Mächtigen verworfen. Für die Welt ist er scheinbar wertlos. Aber von Gott ist er auserwählt. Etwas ganz Besonderes. Und auch für andere wird dieser Stein im Licht der Ostersonne zu einem Edelstein - und ist es bis heute. Oder, mit den Worten der Bibel: Er ist zu einem Eckstein geworden. „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden“ (Ps 118,22; 1. Petrus 2.4-6)

In einem gotischen Gewölbe wird der Eckstein als letztes eingesetzt. Er sitzt in der Mitte des Bogens und hält das Ganze zusammen. Es muss genau passen und vorher entsprechend bearbeitet werden. In der Geschichte Gottes mit uns Menschen ist Jesus zu diesem Eckstein geworden. Das lässt mich hoffen, dass auch die Brocken, an denen ich mich abarbeite, zu Edelsteinen werden.
 

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