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Advent macht immer Sinn, auch 2021!
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Advent macht immer Sinn, auch 2021!

Alexander Holzbach
Ein Beitrag von

Alexander Holzbach,

katholischer Pallottinerpater, Limburg
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Ich mag den Advent. Für mich gehören dazu schöne Erinnerungen, bestimmte Texte und Lieder. Wenn ich heute an meinem Adventskranz die erste Kerze entzünde, singe ich die erste Strophe von dem Lied „Wir sagen euch an den lieben Advent.“ 1954 haben die österreichische Dichterin Maria Ferschl und der Mainzer Kirchenmusiker Heinrich Rohr dieses Kinderlied geschaffen. Es wurde sofort gut aufgenommen und hat es im Laufe der Jahre in die Gesangbücher der katholischen und der evangelischen Kirche geschafft. Diese erste Strophe lautet:

„Wir sagen euch an den lieben Advent. Sehet die erste Kerze brennt. Wir sagen euch an eine heilige Zeit. Machet dem Herrn die Wege bereit. Freut euch, ihr Christen, freuet euch sehr! Schon ist nahe der Herr.“ (GL 223,1 / EG 17,1)

Machet dem Herrn die Wege bereit

Der Text atmet das, was die christliche Tradition unter Advent versteht. Und er atmet das kirchliche Lebensgefühl der 1950er Jahre. Wir würden heute die normalerweise hektischen Wochen vor Weihnachten nicht unbedingt eine „heilige Zeit“ nennen. Da unterscheiden sich unsere Lebensgewohnheiten von denen damals. Das Lied fordert auf: „Machet dem Herrn die Wege bereit.“ Das ist eine Sprechweise, die aus der Bibel stammt. Aber wie macht man das? Dem Herrn die Wege bereiten?

Eine Krippe anstatt eines Kinderbettchens

Da muss ich jedes Jahr an Tante Rosemarie denken. Sie war die Leiterin unseres Kindergartens in meiner Kinderzeit. Wir kannten das Wort „Erzieherin“ nicht, wir sagten damals „Tante“. Tante Rosemarie stellte in jedem Advent eine leere Krippe aus Holz in den großen Raum des Kindergartens. Daneben stand ein Korb mit Strohhalmen. Sie erzählte uns dann die Weihnachtsgeschichte und legte dabei besonders Wert auf den Umstand, dass das Jesuskind nach seiner Geburt keinen schönen Platz in einem Kinderbettchen bekam, sondern in einer Krippe in einem Stall liegen musste. Diese Vorstellung hat mich als Kind immer besonders angerührt, denn in unserem Dorf hatten viele Leute damals noch eine kleine Landwirtschaft und ich wusste, wie ein Stall aussieht und was eine Krippe, also ein Futtertrog, ist.

Ein Strohhalm für jede gute Tat

Jetzt kam in dem jährlichen Brauch von Tante Rosemarie der Teil, den ich heute „religionspädagogisch“ nennen würde, als Kind habe ich das einfach immer nur gerne mitgemacht. Wer etwas Gutes getan hatte – etwa freiwillig im Haushalt mitgeholfen oder brav mit den Geschwistern gespielt hatte -, sagte das Tante Rosemarie. Dann durfte man einen Strohhalm in die Krippe legen.

Damit Jesus weich gebettet liegen kann

Wir Kinder sorgten also mit unseren guten Taten dafür, dass Jesus weich in der Krippe lag. Ob unter uns damals ein regelrechter Wettbewerb an guten Taten stattfand, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch: die Krippe war gut mit Stroh gefüllt, wenn wir kurz vor Weihnachten beim Krippenspiel die Jesus-Kind-Puppe an ihren Platz legten.

Advent ist die Zeit der aufmerksamen Nächstenliebe

Heute würde ich sagen: wie nebenbei haben wir gelernt, was es heißt: „Machet dem Herrn die Wege bereit“. Einfach durch Gut-sein, durch gelebte Nächstenliebe. Advent ist die Zeit aufmerksamer Nächstenliebe.                                 

Musik 1: aus „Wir sagen euch an den lieben Advent“ (CD: Singer Pur – Adventskalender 2016 – Advents- und Weihnachtszeit mit Singer Pur, CD 1, Track 1)

Süßes gab’s erst an Heilig Abend

Wir durften im Kindergarten also durch gute Taten helfen, dass das Jesuskind weich in der Krippe liegt. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob auch ein Verzicht dazu berechtigte, einen Strohhalm in die Krippe legen zu dürfen. Der Verzicht gehörte zu meiner Kinderzeit noch fest zum Advent. Wir aßen zum Beispiel während der Woche nichts Süßes. Oma und Mutter backten zwar Plätzchen, aber die wurden versteckt. Die wurden nicht gegessen. Erst ab Heilig Abend.

Heute versüßen wir uns den Advent mit gutem Essen und Trinken

Für uns ist es in den letzten Jahrzehnten üblich geworden, in den Wochen vor Weihnachten viel und gut zu essen und zu trinken. Besonders auch auf den Weihnachtsmärkten. Da hat man sich mit anderen getroffen, Gemeinschaft erlebt. Das gehörte für uns in den letzten Jahrzehnten einfach zum Advent.

Corona macht uns schon wieder einen Strich durch die Rechnung

In diesem Jahr wird es wie schon im letzten viele dieser schönen Gemeinschaftserlebnisse nicht geben, nicht daheim, nicht im Konzert, nicht auf dem Weihnachtsmarkt. Wir hatten uns darauf gefreut. Doch Corona macht uns schon wieder einen Strich durch die Rechnung. Etliche Veranstaltungen sind schon abgesagt. Andere können nur unter strengen Auflagen stattfinden. Das dämpft die Stimmung. Advent und Gemeinschaftserlebnis bei Musik oder Speis und Trank – das wird in diesem Jahr eher selten sein.

Fasten bereitet auf die großen Feste vor

Ich fühle mich ein wenig in meine Kindheit zurückversetzt. Da stand das Sich-zurücknehmen, ja das Fasten noch im Vordergrund. Denn von seinem Ursprung her ist der Advent mit der Fastenzeit vor Ostern zu vergleichen. Es geht um die beiden größten Geheimnisses des Glaubens der Christenheit und deshalb um die beiden größten Feste und die Vorbereitung darauf. Ostern feiern Christinnen und Christen die Auferstehung Jesu. Die Tage der Fastenzeit sind eine innere und äußere Vorbereitung. Nicht minder geheimnisvoll und eigentlich ebenso unglaublich ist, was wir an Weihnachten feiern: Gott wird Mensch in Jesus von Nazareth. Diese Ankunft des Herrn, diesen „Adventus Domini“, wie das lateinisch heißt, wollen die Tage des Advents vorbereiten. „Machet dem Herrn die Wege bereit“, singe ich in dem Lied zum Entzünden der ersten Kerze.

Selbst gewählte Stille tut gut

Dieses Den-Weg-bereiten kann ganz verschieden aussehen. Da ist die gute Tat, also meine Hinwendung zum Mitmenschen. Dazu gehört genauso das Bei-sich-sein. Gerade die Stille gehört wesentlich zum Advent. Früher sprach man in Bayern von der „staaden Zeit“. Ich setze mich gerne im Advent mit einem Buch in meinen Lesesessel. Eine Kerze brennt. Ich genieße die Ruhe, denke nach über das, was ich lese. Manchmal spreche ich auch Gedichte vor mich hin. Auch moderne oder uralte Gebete.

Erzwungene Stille ist schwer auszuhalten

Wenn ich hier von der Stille als wesentlich für den Advent spreche, dann meine ich    die selbst gewählte, nicht die erzwungene. Die gibt es zu oft in unserer Zeit, gerade jetzt wieder. Sie muss ausgehalten werden in Pflegeheimen oder im Krankenhaus, in der Seniorenresidenz oder in zerbrochenen Beziehungen. Ich meine nicht diese unfreiwillige, von der jeweiligen Situation auferlegte Stille, die weh tut und das Leben lähmt, sondern die sich selbst geschenkte Stille, die gut tut, das Leben sammelt, in die Tiefe führt und dem Herzen Frieden schenkt.

Für mich gehört zum Advent die gelebte Nächstenliebe und zugleich das selbst gewählte Bei-sich-sein in der Stille.                                                  

Musik 2: „Rorate caeli desuper“ (CD: Puer natus est, Track 2, Schola gregoriana des Domchores Limburg, Psalmvers: Carsten Igelbrink)

Schöne Erinnerungen an früheres Brauchtum

Der Advent ist eine schöne Zeit mit vielen Erinnerungen, mit bestimmten Texten, Liedern und Gebräuchen. Er war mal eine Art Fastenzeit vor dem Weihnachtsfest. Das ist in den letzten Jahrzehnten anders geworden.

Wacht und betet allezeit

Für viele Christinnen und Christen ist es heute, am Ersten Adventssonntag, dennoch selbstverständlich, Gottesdienst zu feiern. Viele werden sich freuen, wenn die altvertrauten Adventslieder gesungen werden, wenn die Orgel bestimmte Melodien spielt. Und manche – da bin ich mir sicher – werden erschrocken sein, wenn sie das Evangelium hören. Das hat nichts mit der schönen Atmosphäre zu tun, die wir am Advent so sehr lieben. Der Bibeltext, der heute vorgelesen wird, stammt aus dem 21. Kapitel des Lukas-Evangeliums. Da heißt es:  

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit.

Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe. Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht wie eine Falle; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen. Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt. (Lukas 21,25-28.34-36)

Ankunft und Wiederkunft des Herrn

Der christliche Advent hat eine doppelte Blickrichtung. Es geht um die Ankunft des Herrn damals vor gut 2000 Jahren, also um Christi Geburt. Und es geht um die Ankunft des Herrn am Ende der Zeit, am Ende der Welt, wovon die Bibel fest ausgeht.

Wer führt das Ende der Welt herbei?

Von diesem Gedanken war auch das junge Christentum geprägt. Uns ist das heute eher fremd. Ich glaube nicht, dass ich, dass wir das Ende der Welt erleben werden. Ich teile die Furcht vieler Menschen, dass wir durch unser Verhalten das Ende der Welt schneller herbeiführen als uns lieb ist. Also nicht, dass Gott mit seiner Schöpfung Schluss macht, sondern dass wir Menschen sie nach und nach vernichten.

Naturkatastrophen – „normal“ oder Vorboten des Weltenendes?

Das Evangelium ist zu einer Zeit geschrieben worden, als die Menschen Naturkatastrophen als Vorboten des Weltenendes deuteten. Naturkatastrophen erlebt aber jede Generation, deshalb geht die Welt nicht unter. Wir heute wissen oft, wo sie herkommen, und spüren immer stärker unsere Verantwortung, die Ursachen zu bekämpfen.

Advent will Angst nehmen

Ich bin überzeugt: Das Evangelium des Ersten Advent mit seinen Bildern von der Endzeit will nicht Angst machen, sondern Angst nehmen. Denn es spricht vor allem und ganz deutlich von dem, dessen Ankunft, dessen Geburt wir am 25. Dezember feiern. Advent lenkt den Blick auf den Mitmenschen und die Welt, auf der wir leben, und auf mich selbst und meine Beziehung zu Jesus Christus.  

Musik 3: „O Heiland reiß die Himmel auf“ (CD: Weihnachtslieder SWR 2 / Carus, Vol. 2, Track 5)

Aufgerichtet und zuversichtlich aus der Kirche gekommen

Das Evangelium des Ersten Advent ist keine leichte Kost. Einen Satz daraus mag ich besonders, weil er sagt: Wenn du dich an Jesus Christus hältst, wird dir dein Leben gelingen. Diesen Satz gibt es als Antiphon in unseren Gottesdiensten, also als vertonten Bibelvers. Vielleicht wird er sogar heute in irgendeiner Kirche gesungen. Er heißt: „Richtet euch auf und erhebt euer Haupt, denn es nahet eure Erlösung.“ (GL 634,3) Wie das Lied „Wir sagen euch an den lieben Advent“ hat auch er eine schöne, eingängige Melodie. Wenn ich diesen Vers singe oder höre, fällt mir oft ein Mann ein, der mir eine Geschichte erzählte: Er ging an einem Abend im Advent in eine Kirche, in der er noch Licht gesehen hatte. Er war gerade in einer großen Krise, er hatte Mist gebaut, wusste beruflich nicht recht weiter, vor allem aber hatte er Angst, dass die Familie auseinanderbricht. Er war völlig mutlos und ratlos. Er blieb hinten in der Kirche. Vorne im Altarraum saß eine Gruppe von jüngeren Leuten im Kreis. Sie beteten, hörten Texte. Das war für den niedergeschlagenen Mann nur ein Klangteppich. Aber zwischendrin sang die Gruppe immer wieder den Vers: „Richtet euch auf und erhebt euer Haupt, denn es nahet eure Erlösung.“ Der adventliche Gesang erreichte das Ohr, das Herz, die Seele des Mannes. Das tat ihm gut. Ich weiß nicht mehr, ob er später ein Happy End erlebt hat. Ich erinnere mich nur noch gut daran, wie begeistert er beschrieb, dass dieser gesungene Bibelvers ihn in der Tat aufgerichtet habe, wie zuversichtlich er die Kirche verlassen habe. Er hatte wieder zu sich selbst gefunden und – so hoffe ich – dann auch wieder zu Beruf und Familie.      

In der Stille den Blick nach innen und nach vorne richten

Heute beginnt der Advent 2021. Schon zum zweiten Mal erleben wir einen Advent, in dem wir auf viele angenehme Gewohnheiten und Begegnungen verzichten müssen. Zerplatzte Hoffnungen. Viele Menschen sind niedergeschlagen, viele einsam. Und immer wieder kommt die Frage: Hört das denn nie auf mit dieser Corona-Krise?

Es klingt vielleicht etwas seltsam, aber auch durch die Erinnerung an meine Kinderzeit hoffe ich für mich, dass der Advent 2021 irgendwie ein innerlicher wird. Dass mir die Stille gut tut, das Lesen, das Gebet. Und dass es doch das eine oder andere Zusammentreffen mit Menschen gibt in adventlicher Atmosphäre.

Advent richtet auf

Denn diese besondere Zeit vor Weihnachten hat auch in diesem Jahr ihren uralten Sinn. Denn Advent zieht nicht runter. Advent richtet auf – im Blick auf den Mitmenschen, im Blick nach Innen und im Blick auf den, dessen Geburt wir feiern, wenn die vierte Kerze entzündet ist.            

Musik 4: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, 1. Choral aus der Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ von Johann Sebastian Bach (CD: Bach: Cantatas, Deutsche Grammophon, John Eliot Gardiner, The Monteverdi Chor, The English Baroque Soloists)

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