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Gerechtigkeit für ein Genie
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Gerechtigkeit für ein Genie

Christoph Schäfer
Ein Beitrag von

Christoph Schäfer,

Katholischer Religionslehrer, Rüsselsheim
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Heute ist der große Tag einer kleinen Zahl: Es ist der Tag der so genannten Eulerschen Zahl. Weltweit wird sie von Mathefans gefeiert, sie hat etwa den Zahlenwert 2,7 und ist für die Mathematik so wichtig wie die Zahl Pi. Ich denke heute vor allem aber an den Namensgeber der Zahl: an den Mathematiker Leonhard Euler, der im 18. Jahrhundert gelebt hat. Nicht nur, weil er ein faszinierendes Genie gewesen ist. Sondern vor allem, weil ich vor einer Weile von einem anrührenden Ereignis aus seinem Leben erfahren hab. Wenn ich mich daran erinnere, komme ich ins Nachdenken, wie ich heute eigentlich mit einer bestimmten Art von Berichterstattung umgehe. Vor allem in Online-Medien.

Überspitzt gesagt, ist Euler Opfer einer Shitstorm-Kampagne geworden. Das war passiert: König Friedrich der Große hat Euler für die Berechnung eines Bauprojekts engagiert. Es war extrem schwierig: Im Park von Schloss Sanssouci sollte eine riesige Wasserfontäne sprudeln. Euler war weder Ingenieur noch war er erfahren in höfischem Intrigenspiel, aber er hat redlich gerechnet. Doch das Projekt ist gescheitert: Die Fontäne wurde gebaut – aber sie hat nicht gesprudelt. Was für eine Pleite.

Am Hofe hat man sich über Euler sofort das Maul zerrissen. Ganz vorne dabei: der König selbst. In einem Brief hat er über die „Eitelkeit“ der Mathematik gelästert. Und sich über Eulers Augenprobleme lustig gemacht, indem er ihn „Zyklop“ genannt hat. Das Verhältnis war zerrüttet, Euler hat schließlich den Preußenhof verlassen.

Der Vorwurf, in der Praxis ein Versager zu sein, wurde auch nach Eulers Tod oft aufgewärmt. Erst vor ein paar Jahren hat ihn der Physiker Michael Eckert rehabilitiert: Ihm zufolge hat Euler völlig richtig gerechnet, aber auf der Baustelle ist schlechtes Material verwendet worden. Der Grund dafür: königliche Spar-Zwänge.

Mich macht es immer ziemlich nachdenklich, wenn ich mir diese Geschichte vor Augen führe. Denn mir wird dann klar: Wie gefährlich leicht wird es mir in der rasanten  Medienwelt gemacht, über prominente, aber auch weniger prominente Pechvögel zu urteilen und der Schadenfreude  freien Lauf zu lassen. Ich will daher nicht nur am Tag „seiner“ Zahl immer wieder mal an Euler denken. Sondern auch immer dann, wenn ich ähnliche negative Promi-News lese. Und vorsichtiger mit meinem Urteil sein.

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