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Entschleunigung vom Alltag
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Entschleunigung vom Alltag

Andrea Weitzel
Ein Beitrag von

Andrea Weitzel,

Katholische Schulseelsorgerin und Religionslehrerin, Hanau
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Meine Karte für die heutige Abendveranstaltung an meiner Schule liegt schon bereit: „Pubertät- Loslassen und Haltgeben“, so der Titel. Zu Gast ist der Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge, bekannt durch etliche Bücher sowie humorvolle und motivierende Vorträge zu Erziehungsfragen. Zur Einstimmung auf den heutigen Abend habe ich mir ein Video von ihm angeschaut.

In diesem Video spricht Rogge von Geduld. Seine These: Kinder sind Lehrmeister in Sachen Geduld. Das erstaunt mich und ich denke: „Was? Diese quengeligen, kleinen Wesen?“ Doch Rogge erklärt weiter: „Kinder lieben die Wiederholung. Die ungezählte Wiederholung!“ Jetzt bin ich bei ihm, denn mir fällt ein: Wer jemals einem Kind beim Laufenlernen zugesehen hat, weiß, wie viele unzählige Male dieses Kind umfällt: So viele Male Hinfallen und Aufstehen – bis die kleinen Beinchen endlich stark und geschickt genug sind. Manche Kinder lieben zeitweise ein bestimmtes Buch. Während den Vorlesern selbst der Text zu den Ohren herauskommt, lachen die Kleinen immer wieder an der gleichen Stelle. „Und später“, so sagt Rogge mit einem breiten Grinsen, „sei es das gleiche Phänomen, wenn Heranwachsenden Morgen für Morgen das Gleiche gesagt werden müsse: „ `Steh auf und zieh dich an! Komm und frühstücke. Putz die Zähne!´“

Eltern nervt das natürlich. Laut Rogge müssen Eltern in solchen Situationen aber nicht verzweifeln. Im Gegenteil! Sie können nämlich selbst etwas daraus gewinnen: die Weisheit der Geduld. Für weise hält Rogge es nämlich, die eigene Geduld zu üben. Denn geduldig zu sein, das sei ein erstrebenswertes Ziel, eine weise Eigenschaft – hin zu einem erfüllteren Leben.

Oh ja, ein bisschen mehr Geduld würde meinem alltäglichen Leben wirklich gut tun! Das eine oder andere Missgeschick ließe sich direkt leichter verarbeiten. Damit ist kein oberflächliches Hinwegsehen gemeint – vielmehr ein liebevollerer und eben geduldigerer Blick auf die eigenen Ecken und Kanten. Und auch auf die meiner Mitmenschen! Wenn ich vor einer beruflichen oder privaten Herausforderung stehe, dann hieße das, mir geduldig Zeit zum Üben, zum allmählichen Verbessern meiner Fähigkeiten zu geben. Und dazu gehören Fehler und Rückschläge selbstverständlich dazu.

In unserer komplexen und schnellen Arbeitswelt klingt das jedoch nahezu unmöglich: Denkprozesse und Handlungsabläufe sollen immer effektiver und effizienter sein. Aber auch dazu gibt es glücklicherweise eine Gegenbewegung: „Entschleunigung“! Entschleunigung ist der Entschluss, sich den immer schnelleren Zusammenhängen unserer modernen Gesellschaft zu entziehen. Es geht um einen achtsamen und – ACHTUNG: - geduldigen Umgang mit sich selbst, den Mitmenschen, der Umwelt. Sich bewusst Zeit zu nehmen für das, was das eigene Leben erst lebendig und reich macht, das ist wichtiger als sich von der umgebenden Hektik mitreißen zu lassen.

Zugegeben: Das Einüben in die „Entschleunigung“ erfordert Geduld. Aber der Mut zur Geduld verheißt zugleich ein sinnvolleres, glücklicheres Leben! Damit dürfte wohl auch Herr Rogge einverstanden sein.

Und noch jemand scheint das schon lange verstanden zu haben. Denn mit neuer Tiefe erfasse ich jetzt erst eine Stelle aus dem Evangelium nach Matthäus: Dort sagt Jesus zu seinen untereinander konkurrierenden Jüngern: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Und da bin ich mir sicher: Im Blick hat Jesus hier auch die unendliche kindliche Geduld.

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