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Am Ende weiß man oft mehr
Bildquelle: Mabel Amber/Pixabay

Am Ende weiß man oft mehr

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Am Ende weiß man oft mehr. Als seine Mutter 102 Jahre alt ist, will er mit ihr darüber sprechen, was wirklich wichtig ist im Leben. Die Mutter ist einverstanden. Wenn der Sohn sie besucht, bringt er ein Tonband mit. Sie sprechen über Gott und die Welt und das Leben. Der Sohn macht ein kleines Buch daraus mit achtzehn Gesprächen.* Einmal fragt er: Mami, sag mal, wie sind die Menschen? Die Mutter zögert nicht und sagt: Sie überschätzen sich. Dem Sohn genügt das noch nicht. Er fragt nach: Was meinst du, Mami, was müssten Menschen dringend lernen? Die alte Mutter antwortet mit klarem Sinn: Bescheidenheit und Güte.

Am Ende sieht man oft klarer. Wer 102 Jahre alt ist und viel Leben gelebt hat, der darf man ein Urteil zutrauen und von ihr lernen. Mehr Bescheidenheit und Güte können nicht schaden. Menschen sind oft nicht so wichtig, wie sie sich geben. Ich merke dann, wie viele Pläne und Wünsche Seifenblasen waren, die schnell zerplatzt sind. Und welche Worte nur so dahingesagt waren. Niemand wird sich daran erinnern.

An Güte schon eher. An die mit gütigem Herzen denken wir gerne. Nach Jahrzehnten noch. Sie machten Mut, schenkten uns Hoffnung, erzählten von ihrem Glauben und dass Gott uns liebt. Immer. Auch wenn wir Fehler machen. Güte ist nicht, alles zu entschuldigen; Güte ist, auch mal drüber Hinwegsehen zu können. Wie damals im Stall von Bethlehem. Da fragt Gott nicht lange, ob wir gut genug sind, sondern sagt einfach: Fürchtet euch nicht! Wo jemand gütig ist, ist weniger Furcht vor dem Leben.

* André Heller: „Uhren gibt es nicht mehr“
Gespräche mit meiner Mutter im 102. Lebensjahr
Zsolnay Verlag, Wien 2017

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