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Suchen und Finden an Ostern
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Suchen und Finden an Ostern

Lisa Neuhaus
Ein Beitrag von

Lisa Neuhaus,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt am Main
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„Eier verstecken und suchen, das muss schon sein“, sagt eine Freundin von mir. Sie fährt über Ostern immer mit ihrer Familie weg. Kirche und Gottesdienste sind ihr im Lauf der Jahre fremd geworden. Aber jedes Jahr packt sie reichlich Ostereier zum Verstecken ein. Ihr macht es einfach Spaß, die Eier an Ostern möglichst raffiniert zu verstecken, und ihre Familie macht sich mit Vergnügen auf die Suche.

Eier verstecken und suchen, das muss schon sein. Dieser Osterbrauch weist auf  den Sinn des Festes. Denn mit einer Art Versteckspiel fängt alles an, mit Suchen  und Finden. Das Ei ist ein altes Symbol für das Leben, und an Ostern geht es darum, das Leben zu suchen.

Der Evangelist Matthäus erzählt in der Bibel vom Ostermorgen in Jerusalem:  Zwei Frauen suchen in aller Frühe das Grab Jesu auf. Sie finden dort aber keinen Leichnam. Sie hören vielmehr eine Stimme. In der Bibel steht: „Der Engel  sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht. Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.  Er ist nicht hier, er ist auferweckt worden. Wie er gesagt hat.“ (Matthäus 28, 5-7 Zürcher Bibel)

Auf die Suche gehen und überrascht werden vom Leben, damit hat es vor 2000 Jahren zu Ostern in Jerusalem begonnen. Und bis heute ist das so bei jeder Reise nach Jerusalem. Ich habe in meiner Anfangszeit als Pfarrerin einige Jahre dort gelebt und seitdem zieht es mich immer wieder hin. Wenn ich mir in der Jerusalemer  Altstadt mit den heiligen Stätten meinen Weg bahne durch die Massen von Besuchern, frage ich mich manchmal: Was suchen eigentlich all diese Menschen aus der ganzen Welt? Und was finden sie, wenn sie von einer heiligen Stätte zur anderen geführt werden?

In der Grabeskirche mitten in der Altstadt suchen viele Menschen besonders intensiv. Die Kirche wurde nämlich an der Stelle gebaut, an der die Kaiserin Helena im dritten Jahrhundert Reste des Kreuzes Jesu gefunden haben soll. So wird erzählt.

In der Kirche befindet sich eine schlichte Kapelle aus Holz. Es ist das Gehäuse der Grabkammer Jesu. Davor sehe ich ungefähr 100 Angehörige einer philippinischen Reisegruppe Schlange stehen. Alle haben orangene Hütchen auf dem Kopf, damit sie sich im Gedränge wiederfinden. Mit Engelsgeduld warten sie, bis sie an der Reihe sind. Endlich sind sie dran und gehen nach einander in die Grabkammer hinein.

Was finden sie dort, am Ursprungsort des christlichen Glaubens? Kerzen, Ikonen, Blumen, den Geruch vieler Menschen, die vor ihnen da waren. Und eine Steinplatte, in die eingemeißelt ist: „Er ist nicht hier.“

Sie suchen Jesus, sie suchen Zeichen des Wunders der Auferweckung von den Toten. Und was finden sie? Eine Negation, eine Verneinung: „Er ist nicht hier.“

Musik: Christian Sprenger, Auf, auf, mein Herz, mit Freuden (Genesis Brass)

„Er ist nicht hier.“  So wird in der Bibel der Glaube umschrieben, dass Jesus von den Toten auferweckt worden ist, damals zu Ostern in Jerusalem. Seither suchen ungezählte Pilgerinnen und Touristen dort die Spuren dieses Menschen, der am Kreuz unschuldig hingerichtet wurde. Das ist schon bizarr genug. Und dann finden sie an diesem Nabel der christlichen Welt nichts als eine Negation: HIER ist er nicht.

An einem Tag im Jahr ist das allerdings ganz anders. An einem Tag ist da mehr als nichts, wenn nämlich in der Grabeskirche Ostern gefeiert wird. Die Osterkerze wird aus dem Grab in die rappelvolle Kirche weitergereicht. Alle rufen, ja schreien: „Christos anesti“ auf Griechisch oder auf Arabisch „Il masich kam“. „Christus ist auferstanden!“ bedeutet das. „Er ist wahrhaftig auferstanden.“

Jetzt ist da wirklich mehr als nichts. Da ist eine Begeisterung, die man mit Händen greifen kann, und ein einziges Gebrüll, ein mitreißender Sturm der Freude und der Lebendigkeit. Alte Frauen aus Griechenland, die ihr ganzes Leben auf eine  Reise nach Jerusalem gespart haben, richten sich plötzlich auf. Junge Männer geben das Osterlicht an alle weiter und die Gesichter leuchten in seinem Schein. Und dann wird das Licht nach draußen gebracht und durch die Stadt getragen.

So ist das am Osterfest in der Grabeskirche: bei der Feier erschließt sich das Wunder der Auferstehung wie von selber, im Feiern und Schreien und Singen. Für einen Augenblick wird Wirklichkeit, was dem Verstand und dem Glauben sonst oft so viel Mühe macht: Christus ist wahrhaftig auferstanden!

Musik: Geor Philipp Telemann, aus der Kantate zum Osterfest: Victoria, victoria, mein Jesus ist erstanden (Berliner Barock-Compagney und Klaus Mertens, Bass)

Was suchen wir an Ostern? Und was finden wir? 

Ich möchte Sie in Gedanken noch einmal mitnehmen nach Jerusalem. Dort wurde Jesus gekreuzigt und ist am dritten Tag von den Toten auferstanden, so wird erzählt.

In Jerusalem steht die Kirche, in der das Grab Jesu gezeigt wird. Aber es gibt noch ein weiteres Grab von Jesus in Jerusalem. So ist das halt mit den christlichen Kirchen: Sie benehmen sich oft wie konkurrierende Geschwister und können sich in verschiedensten Dingen schlecht einigen. Daher gibt es zwei Grabstätten: die Grabeskirche und das sogenannte Gartengrab. Es ist nicht von einer Kirche überbaut, dadurch wirkt es ursprünglicher.

Dieses Gartengrab liegt an der Rückseite des Golgatha-Felsens. Der Felsen ist nach der Überlieferung der Ort, an dem das Kreuz Jesu stand. Und auch zahllose andere Kreuze, an denen die römischen Besatzer damals Menschen hingerichtet haben.

Heute ist ein Busbahnhof auf der anderen Seite von Golgatha: Gedränge, Dieselgestank, Alltag pur eben. Und daneben dieser stille Garten mit einem alten Felsengrab. Fromme Engländer pflegen diesen Ort, die fest überzeugt sind: Hier war es, hier ist es passiert, hier ist Jesus auferstanden.

Im Garten kann ich mir die österliche Szene mit den suchenden Frauen gut vorstellen. Da wird erzählt, wie die Frauen traurig zum Grab Jesu gehen. Aber sie finden keinen Toten, sie finden das  Leben. Im Frühling blühen hier am Gartengrab in Jerusalem die Mandelbäume und Alpenveilchen wachsen aus den  Mauersteinen. Ein schöner österlicher Anblick: Überall ist blühendes neues Leben!

In einer Mauer ist eine Felsenhöhle. Sie wurde im ersten Jahrhundert  als Grabstätte genutzt. Solche Felsengräber hat man damals mit einem großen runden Stein verschlossen. Jetzt ist der Stein weggerollt und der Blick in die Grabhöhle ist frei.

Auch hier findet sich wie in der Grabeskirche eine Steinplatte, auf der die Toten zur letzten Ruhe gebettet wurden. Und drum herum ist nichts als ein leerer Raum. Wohltuend leer, so empfinde ich es nach dem Gedränge in der Grabeskirche.
Draußen verrät eine Tafel die Botschaft des leeren Raums: „Er ist nicht hier.“

Allerdings sind auf der Steintafel auch die weiteren Worte aus der biblischen Ostergeschichte zu lesen: „Er ist auferweckt worden.“

Am Ursprungsort des christlichen Glaubens, an den heiligen Stätten der Christenheit in Jerusalem steht kein Kreuz. Kein ans Kreuz genagelter Jesus ist da zu sehen, festgehalten im Moment des qualvollen Sterbens. Wenn ich an diesen Gräbern in Jerusalem bin und wenn ich die Ostergeschichten in der Bibel lese, sehe ich: Am Ursprungsort der Tradition meines christlichen Glaubens ist ein leerer Raum. Und oft finden sich darin Menschen, die etwas suchen.

Der Karfreitag - der Tag, an dem es um den Tod Jesu am Kreuz auf Golgatha geht. Der Karfreitag  ist schwer. Auch schwer zu verstehen. Jedes Jahr neu versuchen Christinnen und Christen das Geheimnis zu ergründen von Leiden und Tod und Versöhnung. Für viele ist das Kreuz der Ort, an dem alles Leid dieser Welt Platz findet. Der Ort, an dem Gott das Leid mit aushält. Das ist der eine Brennpunkt der christlichen Tradition: das Kreuz, der Tod Jesu, den Christen immer neu durchbuchstabieren.

Ostern ist der andere Brennpunkt des christlichen Glaubens, und da wird es erst recht rätselhaft. Mit Suchen und Finden in einem leeren Raum geht es los. Da gibt es kein Symbol wie das Kreuz, keine Bilder. Nur ein Engelwort: „Er ist nicht hier. Er ist auferweckt worden.“

Musik: Kay Johannsen, Heut triumphiert Gottes Sohn

Am Ostermorgen sagt der Engel zu den Frauen, die voller Trauer am Grab Jesu stehen: „Er ist nicht hier. Er ist auferweckt worden. Er geht euch voraus.“ Die Hilfe eines Engels braucht es manchmal, damit Menschen an Gräbern nicht Hören und Sehen vergeht. Das Grab, das ist die Leere des Todes, das Nichts am Ende.

Am Ostermorgen kommen angesichts dieser Leere Engel den Menschen zu Hilfe, so wird in der Bibel erzählt. Ein Glanz geht von Gottes Engeln aus, ein helles Licht, und sie haben überraschende  Worte im Gepäck. Federleichte Worte wirft der Engel aus dem Grab den Frauen zu: „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist auferweckt worden.“

So stelle ich mir vor, was an Ostern geschehen ist: Mit wenigen Worten holt der Engel die Frauen weg von ihrer Trauer um einen Toten. Er weckt ihre Erinnerungen an den Lebendigen und bewegt sie dazu, diese Worte auszuprobieren und selber in den Mund zu nehmen: „Er ist auferstanden. Er hat es euch doch gesagt.“

Das Osterspiel vom Suchen und Finden hat mit diesen Frauen angefangen. Sie suchen den toten Jesus und hören Engelworte vom Auferstandenen, so wird es im Matthäusevangelium in der Bibel erzählt. Und dann entdecken sie auch  eigene Worte. Sie laufen weg vom Grab zurück zu den anderen Jüngern von Jesus und sagen ihnen: „Jesus ist auferweckt worden von den Toten. Er hatte es uns doch gesagt. Er lebt und geht uns voraus.“ 

Die anderen spielen dann auch mit und werfen sich die Worte zu wie Bälle: „Fürchtet euch nicht! Er ist auferstanden.“ Und dann erzählen sie die Geschichten von der Auferstehung weiter. Ihre Osterbotschaften haben mit wunderbaren Verwandlungen zu tun:

Unser Herz war matt und leer, jetzt ist es wach und erfüllt. Eine Beziehung ist beschämend zu Ende gegangen, jetzt ist die Scham vorbei und eine neue Aufgabe stellt sich. Wir waren am Ende unserer Hoffnung, und dann kam eine Stimme und mit ihr Trost und Frieden. Da war der Geruch des Todes. Jetzt ist da Leben, ganz weiter Raum.

So könnte es gewesen sein mit dem leeren Raum an Ostern in Jerusalem, so kann ich davon erzählen. Etwas Unerhörtes geschieht: Aus der Totenstille kommen Worte und machen es leichter. Ein Glanz fällt ins Dunkel der Trauer.

Und ich merke, im Licht der Engelworte klärt sich etwas für mich: ich nehme wahr, wie viele Worte, die ich sonst zu hören bekomme, nur kalt und leer sind. Lebensfeindlich wie der Tod selber. Solche Worte  will ich nicht in mein Herz lassen. Aber es gibt auch diese anderen Worte, sie können wärmen und heilen und machen lebendig. Die will ich hören, die brauche ich.

Suchen und finden: Das ist Ostern. Worte suchen und finden: Das ist Glauben. Auch über Ostern hinaus.

Ich erinnere mich an einen Ostermontag in der Grabeskirche in Jerusalem. Der Lärm der großen Osterfeier ist vorbei, und es ist nicht mehr so voll. An der Rückseite des Jesusgrabs sehe ich einen koptischen Priester sitzen. Er gehört zu dieser uralten ägyptischen Kirche, eine der ältesten Kirchen überhaupt. Immer wieder werden in Ägypten Attentate auf koptische Kirchen verübt und  viele Kopten bezahlten bis heute den Glauben an Christus mit ihrem Leben.

Der alte Priester sitzt da und betet. Es kommt mir vor, als täte er das stellvertretend für uns alle. „Arap Jesoa“, murmelt er vor sich hin. „Herr Jesus“. Zwei Worte hat er gefunden, die aus der Totenstille zu ihm sprechen. Die reichen ihm wohl für sein Leben. 

Nah bei dem alten Priester ist ein kleiner Raum, die Wände sind verrußt und ohne jeden Schmuck. Ich kenne diesen Raum sonst nur leer, aber jetzt sind ich ein paar Menschen darin, die mit großer Inbrunst Gottesdienst feiern. Es ist die syrische Gemeinde Jerusalems.

Sie sind nicht mehr viele. Vermutlich haben die meisten von ihnen Verwandte in den von Kämpfen zerstörten Gebieten in Syrien und Verwandte unter den Geflüchteten in der ganzen Welt. Sie haben wohl alle ihr Kreuz zu tragen im Leben. Aber jetzt feiern sie Gottesdienst. Sie fallen auf die Knie, rufen Worte der Klage und schreien nach Trost.

Und dann stehen sie auf und singen. Sie singen noch viel lauter, als sie eben geklagt haben und loben Gott aus vollem Hals. Was für ein Wunder erlebe ich da: Eben war die Macht des Todes und der Trauer spürbar. Und auf einmal ist der Raum erfüllt von Worten und Tönen der Hoffnung, er ist voller Leben und Glanz.

Musik: Michael Praetorius, Christ ist erstanden (Stimmwerk)

Leerer Raum, der sich mit lebendigen Worten füllt, das gibt es zum Glück nicht nur in Jerusalem und auch nicht nur an Ostern. Ich wollte ausprobieren, wie es ist, in einem leeren Raum zu sein. Deshalb war ich vergangene Woche auf dem Campus der Goethe-Universität in Frankfurt. Dort gehe ich in den interreligiösen Gebetsraum.

Er ist für offen für alle Religionen. Kein Kreuz, keine Bilder, keine Symbole irgendeiner Religion. Weiße Wände, ein paar Sitzhocker, ein Buch, in das man Gebete schreiben kann. Mir tut der leere Raum gut. Er macht den Geist frei von festen Vorstellungen und vorgegebenen Bildern des Glaubens.

Aber dann füllt sich auch dieser leere Raum. Drei junge Männer kommen mit ihren Teppichen herein und beten. Manchmal ist ein Flüstern zu hören, das klingt ganz mystisch. Und dann stehen sie auf und gehen. Eine junge Frau betritt den Raum, sie weint eine Weile still vor sich hin, steht auf und geht ihres Weges.

So kann Raum für Religion und Glauben sein, denke ich mir: ungewohnte Leere und eine  wohltuende Stille. Und dann sind da auf einmal auch andere. Ihr Glaube inspiriert und stärkt den meinen. Er verbindet, auch ohne dass wir miteinander sprechen. Durch die anderen werde ich angeregt, meinen Glauben zu suchen und meine eigenen Worte dafür zu finden. Und wir stehen auf und gehen unserer Wege.

Suchen und Finden: Das Osterspiel. Die Worte des Lebens kommen immer neu aus dem weiten leeren Raum in unsere Gegenwart und entfalten ihre Kraft. Ich hoffe darauf, dass diese Worte einmal die Kraft haben, mich und alle Toten aus dem Tod aufzuwecken.

Denn das ist die Hoffnung, die der Engel an Ostern mit seinen Worten nährt: „Fürchtet euch nicht! Er ist nicht hier. Er ist auferweckt worden und geht euch voraus.“

Musik: Kay Jojannsen, Tod, wo ist dein Stachel nun?

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