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Ehrfurcht vor der Schöpfung
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Ehrfurcht vor der Schöpfung

Daniel Stehling
Ein Beitrag von

Daniel Stehling,

Pastoralreferent und Katholischer Religionslehrer, Fulda
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Heute ist der internationale Tag der Artenvielfalt. Als ich das auf dem Kalenderblatt sehe, habe ich sofort eine Begebenheit vor Augen. Sie geschah vor einigen Wochen. Sonnenschein, angenehme Wärme, sanfter Wind. Am blauen Himmel ziehen kleine weiße Schäfchenwolken. Ich liege auf einer Decke auf der Wiese in unserem Garten. Neben mir mein fast einjähriger Sohn. Er spielt mit einem kleinen Spielzeugtraktor. Auf einmal krabbelt er los. Direkt auf unser Blumenbeet zu. Sein Gesicht strahlt vor Freude. Noch auf dem Rasen, vor dem Beet, bleibt er plötzlich stehen. Streckt seinen Zeigfinger aus. Macht sich ganz lang und streckt sich. Ich schaue gebannt zu. Und der Kleine berührt ganz vorsichtig mit seinem Zeigefinger die Blüte einer gelb leuchtenden Narzisse. Dann krabbelt er ein Stück weiter, und wie schon gerade eben streckt er sich, macht sich lang und berührt ganz langsam die Blüte einer großen roten Tulpe. Das Schauspiel wiederholt sich noch mehrere Male. Ich schaue immer noch gebannt zu. Und mich überkommt bei diesem Anblick Gänsehaut. Wie als wollte er die Blumen streicheln, fährt der Kleine ganz sanft mit seinem Zeigefinger über die Blüten. Ganz, ganz vorsichtig und behutsam, damit auch nichts kaputt geht, nichts von der Schönheit zu Schaden kommt. Als ich meinem kleinen Sohn so zusah, dachte ich sofort: Welch ein Beispiel für uns Erwachsene! Vielleicht haben die Kleinen, die Kinder noch ganz natürlich die Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung in sich. Setzen ganz von selbst das um, was die Bibel schon in der Erzählung von der Erschaffung der Welt beschreibt. Dort spricht Gott: „Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!“ (Gen 1, 28). „Unterwerfen“ und „walten“ beschreiben in alten Worten ein sich sorgendes Kümmern. Ein achtsames, ja ehrfürchtiges Umgehen mit Gottes Schöpfung. Ganz so, wie es mein kleiner Sohn mir mit seinem vorsichtigen Streicheln der Blüten gezeigt hat. Wahrscheinlich verstehen Sie, warum ich am heutigen Tag der Artenvielfalt sage: So wie mein kleiner Sohn ehrfürchtig mit der Schöpfung Gottes umgeht, ist dies ein gutes Vorbild auch für uns Erwachsene.

 

 

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