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Erntedank
Bild: pexels / Jill Wellington

Erntedank

Gabriele Heppe-Knoche
Ein Beitrag von Gabriele Heppe-Knoche, Evangelische Pfarrerin, Kassel
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Im Oktober sind an meinen Apfelbäumen die Äpfel reif. Sie zu ernten ist für mich immer ein Vergnügen. Gerade wenn ich einen Apfel pflücke, der rundum perfekt ist. Jedes Jahr neu freue ich mich, wenn die Schale unverletzt ist und die Form und Größe vollendet. Die schönsten lege ich in eine Schale und stelle sie auf den Tisch im Esszimmer. Nach einer Weile riecht es im ganzen Raum nach Äpfeln, nach Frische und nach klaren Herbsttagen.

Kindheitserinnerungen bei der Apfelernte

Die Apfelernte ist mein persönliches Erntedankfest. Während ich meine Äpfel pflücke und in die Körbe lege, gehen mir viele Erinnerungen durch den Kopf. Ich denke daran, wie wir in meiner Kindheit mit der ganzen Großfamilie mit Leiterwagen und Schubkarren zu der Obstwiese am Wald gezogen sind. Dort haben wir gemeinsam Äpfel gepflückt. Es gab dort viele Apfelbäume. Ganz verschiedene Sorten. Manche musste man gleich verbrauchen. Andere konnte man bis in den Winter hinein lagern. Boskop, Goldparmäne und Renette. Und noch andere Sorten, deren Namen mir nicht mehr einfallen. Nach und nach füllten sich die Körbe und Schubkarren.

Besondere Erinnerungen an die Tante und den Vater

Ich denke auch an meine Tante. Sie rieb für mich einen besonders schönen Apfel an ihrer Schürze, bis er glänzte. Zum Sofort-Essen. Und wenn fast schon alle Äpfel gepflückt waren, lehnte mein Vater die längste Leiter an die dünnen Äste ganz oben und ließ mich hinaufklettern, um dort die besten Äpfel zu holen. Das ging gut, denn ich war noch klein und leicht, sodass die Äste mein Gewicht trugen. Ich war stolz wie ein Schneekönig, sowie ich an einen dieser besonderen Äpfel herangekommen war. Wenn wir dann mit den vollen Körben nach Hause liefen, war es ein wunderbarer Tag. Nicht nur wegen der vielen Äpfel, sondern weil wir alle zusammen diesen Tag verbracht und gemeinsam geerntet hatten auf der Wiese am Wald.

Musik: Joseph Haydn, Die Jahreszeiten: Der Herbst

Auch Erinnerungen an Apfelernte mit den eigenen Kindern

Ich denke auch immer noch gerne daran, wie ich früher mit meinen damals noch kleinen Kindern die Äpfel hier in unserem Garten geerntet habe. Wie sie, damals noch klein und flink, bis in die obersten Äste geklettert sind, um auch die besten dort oben noch zu erwischen. 

Erntedank ist deshalb für mich mehr als nur für die Ernte der Felder und des Gartens zu danken.

Erntedank ist auch immer Lebensdank

Erntedank ist für mich auch immer Lebensdank. Dank für alles Gute, was mir zufällt. So wie ein besonders schöner Apfel. Dankbar sein ist eine Lebenshaltung. Nicht einfach alles selbstverständlich nehmen. Spüren, wie behütet und umsorgt ich lebe. Auch den Einkaufskorb im Supermarkt nicht einfach hinnehmen wie etwas, was mir zusteht.

Worüber ich froh und dankbar bin

Ich bin froh und dankbar, weil ich arbeiten kann, weil ich habe, was ich zum Leben brauche und mehr. Ich kann morgens aufstehen ohne Schmerzen und kann meine Dinge erledigen. Ich habe gute Freundinnen und Freunde, mit denen ich viel Schönes teilen kann und auch meine Sorgen. Nicht bei allen Menschen ist das so. Das alles ist nicht selbstverständlich. Das ist mir bewusst. Manche schreiben solche lebenswichtigen Dinge vielleicht ihrem eigenen Verdienst zu. Für mich ist das immer wieder ein Grund dankbar zu sein. Das verändert den Blick auf mein Leben. 

Dankbar für Menschen, die mich begleiten und begleitet haben

Ich bin froh, eine Familie zu haben. Ich bin froh, Menschen zu kennen, die zu mir stehen und mit denen ich eine lange Lebenszeit teile. Zuwendung und Vertrauen, gemeinsame Erlebnisse - all das schließt mein Dank ein.

Viele von denen, an die ich beim Äpfel Pflücken denke, sind schon längst gestorben. Und doch begleiten sie mich in meinen Gedanken. Ihre Fürsorge und Liebe trage ich in mir und sie bringen immer noch, so wie die alten Apfelbäume, Früchte hervor, - in meinem Leben, im Leben meiner Geschwister und sogar noch im Leben unserer Kinder.

Musik: Wilhelm Peterson-Berger, „Frösöblomster“ Bok I, Nr. 4: Till rosorna

In vielen Kirchen wird heute das Erntedankfest gefeiert

Heute wird in vielen Kirchen das Erntedankfest gefeiert. Ein besonderer Tag im Kirchenjahr. Der Altar wird mit Früchten und Blumen geschmückt. Gaben aus der Natur, für die wir danken. – In den letzten Jahren ist uns allen stärker bewusst geworden, wie eng verbunden, ja, wie abhängig wir sind von der Natur - und vom Wetter. Überschwemmungen, Hagel und dann die vielen Waldbrände.

Die Folgen des Klimawandels sind zu spüren

Viele von uns haben die Folgen dieses Jahr bitter gespürt. Wir Menschen, vor allem in den Industrienationen, haben durch unsere Art zu leben den Klimawandel in Gang gesetzt. Und nun müssen wir mit den Folgen leben. Viel zu spät wird versucht dem Anstieg der Erderwärmung etwas entgegenzusetzen.  

Sorge und Hoffnung zugleich angesichts des Klimawandels

Das wird eine große Kraftanstrengung brauchen. Und längst nicht alle auf dieser Welt ziehen dabei an einem Strang. Manchmal macht mir das Angst. Ich sorge mich um die Zukunft meiner Kinder. Aber ich hoffe dabei immer noch, dass die vielen kleinen und großen Bemühungen so vieler Menschen doch noch eine Wende herbeiführen.

Die Natur als Quelle, aus der ich Hoffnung schöpfe

Trotz dieser Ängste und all der schlimmen Nachrichten und Bilder ist die Natur für mich auch immer wieder eine Quelle, aus der ich Zuversicht und Hoffnung schöpfe. Ich sehe: Auch bei langen Hitzephasen stirbt nicht einfach alles ab. Wie schnell wachsen auch die Pflanzen wieder, wenn es dann endlich wieder regnet. Wie kraftvoll werden die kahlen Stellen im Wald nach dem Absterben der Fichten wieder grün! Birken und Ebereschen breiten sich aus, dazwischen auch die ersten Eichensprösslinge. Und zwischen den Stubben tummeln sich wieder ganz neu Kleinstlebewesen und Insekten, wo vor fünf Jahren nur abgestorbene Bäume standen.

In der Natur Gottes Wirken erkennen 

Die Natur birgt unglaubliche Kräfte. Ich sehe darin Gottes Kraft am Werk, eine Kraft, die nie versiegt. Die Leben will und Leben schafft. In vielfältigsten Formen. In der Natur und auch in mir. Daran will ich mich halten und mein eigenes Tun daran ausrichten. Ich will versuchen, Leben zu erhalten und Lebendigkeit zu befördern, da wo ich es kann, und nicht gleichgültig zu werden. 

Ein Lied über Gottes Schaffenskraft 

Daran erinnert mich auch immer wieder das wunderbare Lied von Matthias Claudius über die Schaffenskraft Gottes. Es beschreibt genau dieses Zusammenspiel von Natur, von menschlicher Arbeit und himmlischer Unterstützung: Im Liedtext heißt es: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand. Der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.“ (Ev. Gesangbuch 508)

Eine Beschreibung von Gottes Handeln und dem des Menschen

So zart beschreibt Matthias Claudius dieses Geschehen. Heimlich geschieht es, mit leisem Wehen. Und tröpfchenweise kommt Wachstum und Gedeihen zustande. Da muss der Mensch nicht groß dazwischen fuhrwerken. Das Wachstum kommt von allein. Nachher. Wenn die menschliche Arbeit getan ist. Dann kann man nur noch warten und hoffen und dankbar sein für alles, was wächst. Und so schließt das Lied jede Strophe mit dem Kehrvers: Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt, und hofft auf ihn.

Musik: EG 508, Strophe 1 und 2, Fassung für Frauenchor 

Vom Vorbereiten, Säen und Warten

Das Feld vorbereiten und säen. Und dann warten. Warten, dass die Saat aufgeht. Warten auf diese unbändige Lebenskraft, die aus dem Samenkorn einen Halm hervorsprießen lässt. Diese Erfahrung machen Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten jedes Jahr. Auch alle, die einen Garten besitzen, auch die, die auf ihren Balkonen vielleicht Kräuter in einem Topf aussäen. Manchmal geht es ganz schnell, bis man die ersten grünen Spitzen sieht. Bei Früchten dauert es länger, bis sich aus der Blüte dann etwa ein ansehnlicher Apfel gebildet hat.

In allem das Wunder erkennen, wie Gott Leben schafft

In allem sehe ich diese Gotteskraft, die Leben hervorbringt. Immer wieder neu und in den unterschiedlichsten Formen. Ein Wunder! Das lässt sich nicht bis ins Letzte planen. Und schon gar nicht erzwingen. Der Mensch kann den Anfang machen. Aber dann muss noch etwas anderes, ein anderer, wirken und Leben hervorbringen. 

Jesu Gleichnis vom Wachsen der Saat

Über dieses Zusammenspiel von menschlicher Arbeit und göttlichem Wirken spricht Jesus in einem Gleichnis. Das geht so:
Mit dem Reich Gottes ist es, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Tag und Nacht; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.

Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht gebracht ist, so schickt er alsbald die Sichel hin, denn die Ernte ist da. (Mk. 4, 26-29)

Musik: Wilhelm Peterson-Berger, „Frösöblomster“ Bok I, Nr. 2: Sommarsang

Das Gleichnis - eine Ermutigung zum Gottvertrauen

Mir gefällt dieses Gleichnis. Es lässt mich staunen. Der Mensch schläft und steht auf, Tag und Nacht. Seine Arbeit ist getan. Er hat gesät. Und der Same geht auf. Er weiß nicht wie. Ein Geheimnis. So wie es Matthias Claudius in seinem Danklied beschreibt. Ohne Zutun des Menschen beginnt es zu wachsen. Halm, Ähre und Weizenkorn. Bis es reif ist zur Ernte. Dieses schöne Bild ermutigt mich, auf die Gotteskraft zu vertrauen, die unsere Welt durchdringt. Heimlich und leise. Sie macht die Welt zu einem Ort voller Leben, auch dann noch, wenn vieles bedroht erscheint.

Mein Tun und Gottes Wirken

Das lässt mich für alles Leben auf dieser Welt hoffen. Die Rollen sind klar verteilt: Ich, Mensch, tue, was ich kann. Engagiert und sorgfältig. Aber dann lege ich mein Sorgen und Tun in Gottes Hand. Vertraue darauf: Mein Tun ist nicht vergeblich. Gott lässt aus meinen Anfängen etwas wachsen. Vielleicht sehe ich es nicht gleich. Vielleicht muss ich lange warten. Weil es im Verborgenen geschieht oder weil es Zeit braucht. Aber es kommt, so erzählt es das Gleichnis.  

Das gilt nicht nur für alles, was mit der Natur zu tun hat. Auch in Freundschaften und anderen Kontakten mit Menschen ist das so. Da entwickelt sich Vertrauen oder auch nicht. Ich kann nur meinen Teil dazu beitragen. Aber alleine kann ich das nicht herstellen. Das muss wachsen. Und manchmal braucht es eine lange Zeit. 

Bei der Erziehung von Kindern z.B. ist es auch so. 

Weitergeben und warten, was wächst

Ich gebe mir alle Mühe, eine gute Spur auszulegen auf ihrem Weg ins Leben. Ich gebe weiter, was mir selbst im Leben wichtig ist: Vertrauen, Zuversicht und liebevolle Zuwendung. Dazu Orientierung für das Zusammenleben mit anderen, Verhaltensregeln. Was sie daraus machen, wird sich zeigen. Und ich kann nur hoffen und warten, dass da etwas wächst. Etwas, das ihnen hilft, ihr Leben zu gestalten und auch, wenn es schwierig wird, nicht die Hoffnung zu verlieren. Auch hier vertraue ich: Gott lässt aus meinen Anfängen etwas Gutes wachsen, lässt seinen Segen mitgehen, da wo ich loslassen muss. 

Musik: Wilhelm Peterson-Berger, „Frösöblomster“ Bok III, Nr. 6: Under asparna

Gesegnet Segen weitergeben

In der nächsten Woche werde ich auch in meinem Garten die Äpfel pflücken. Dieses Jahr gibt es wieder reichlich. Mein persönliches Erntedankfest. Jedes Jahr bei der Apfelernte. Dankbar alles Gute bedenken, was mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Dabei geht es nicht um zählbare Erfolge. Es sind die Erfahrungen mit Menschen, die am meisten prägen. Erfahrungen, die ich an meine Kinder weitergeben möchte. Erfahrungen von Gemeinschaft und Zusammenhalt, Erfahrungen von Vertrauen und Liebe. Auch unbewusst aufgenommen und gesammelt entfalten sie eine große innere Kraft. 

Ich fühle mich gesegnet und möchte diesen Segen wie viele vor mir weitergeben.

Aus Dankbarkeit heraus anderen abgeben

Den Kindern und Enkelkindern mitgeben, was im Leben Halt und Sinn gibt. Sie mit hineinnehmen in das Gottvertrauen und die Hoffnungen, die das eigene Leben tragen. Und dabei auch an andere denken, deren Leben nicht so abgesichert ist. Abgeben von all dem Guten. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil ich dankbar sein kann für so vieles in meinem Leben. Das, was wir an andere weitergeben, nicht nur in der Familie, kann Früchte tragen weit über unseren Lebenskreis hinaus. 

Musik: Johann Sebastian Bach, „Die Elenden sollen essen“ BWV 75: Sinfonia

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