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Grabstein für einen Obdachlosen
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Grabstein für einen Obdachlosen

Dr. Matthias Viertel
Ein Beitrag von Dr. Matthias Viertel, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Anmoderation: In der letzten Woche ist in Darmstadt ein Obdachloser ausgeraubt und ermordet worden. Die Öffentlichkeit ist schockiert von dem brutalen Vorgehen des jugendlichen Täters. Spontan haben sich Menschen entschlossen, Geld für eine würdige Beerdigung zu sammeln. Pfarrer Matthias Viertel berichtet in seinem hr1 Zuspruch von dieser Aktion und erinnert zugleich an die Tradition des Totensonntags.

Als Pfarrer habe ich in meiner Gemeinde mehrmals Obdachlose beerdigt. Einer war uns allen gut bekannt, weil er immer sonntags nach dem Gottesdienst vor der Kirche stand und um eine Gabe bat. Er gehörte irgendwie dazu, auch wenn niemand seinen Namen kannte. Als er starb, kamen wir zu dritt auf den Friedhof: Der Küster, der Organist und ich, der Pfarrer. Wir haben ein Lied gesungen, ich habe einen Text gelesen und ein paar Worte über den Verstorbenen gesprochen. Für Obdachlose kümmert sich in der Regel die Stadt um eine schlichte Beerdigung, aber mir war auch eine kleine Trauerfeier wichtig. Ich denke: Niemand sollte ohne Geleit aus dem Leben scheiden.

Erinnern an Totensonntag

Morgen ist in der Kirche Ewigkeitssonntag. Er wird auch Totensonntag genannt, weil viele Angehörige zu den Gräbern gehen, dort an die Verstorbenen denken und manchmal auch eine Kerze hinstellen. Im Gottesdienst werden dann die Namen derjenigen vorgelesen, die im letzten Jahr gestorben sind. Niemand darf vergessen werden, jeder und jede ist wichtig.

Jeder Mensch ist es wert, erinnert zu werden

Das gilt besonders für den Obdachlosen, der in Darmstadt ermordet worden ist. Ändern kann man diese brutale Tat nicht mehr, aber viele wollen seinen Tod auch nicht einfach hinnehmen. Sie haben deshalb eine Spendenaktion ins Leben gerufen und sammeln unter der Federführung des Diakonischen Werks Geld für einen Grabstein.

Ich finde, das ist ein schönes Zeichen. Auch dass viele angekündigt haben, zur Trauerfeier zu kommen. Noch wichtiger als das Sammeln von Geld ist nämlich die Teilhabe: Wenn ich anderen das Gefühl gebe, dass sie nicht allein gelassen sind. Niemand möchte übersehen werden und jedes Leben verdient eine Würdigung.

Ein Grabstein als Zeichen

Das Grab des unbekannten Obdachlosen kann dann gleich zweierlei: Zum einen diesem Menschen die Würde geben, die ihm im Leben versagt geblieben ist. Zum anderen aber kann es auch Anlass sein, jenen Menschen Beachtung zu schenken, die ich häufig übersehe: Auf der Straße und auch in der Familie.

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