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Alles hat seine Zeit – wirklich?
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Alles hat seine Zeit – wirklich?

Stephan Krebs
Ein Beitrag von Stephan Krebs, Evangelischer Pfarrer, Langen

Hier war bis sechs Wochen nach Sendung die Band "The Byrds" zu sehen. Sie coverten 1965 mit "Turn, turn, turn" einen Song von Folksänger Pete Seeger von 1959. Der Text des Songs stammt aus der Bibel, Kohelet / Prediger Salomo, Kapitel 3. Ab Februar 2024 sehen Sie aus Rechtegründen nur ein Schmuckbild. 

Sprecher der Zitate: Uli Höhmann

2023 ein turbulentes Jahr geht zu Ende

Das Jahr geht mit einer kleinen Verschnaufpause zu Ende. Silvester am Sonntag. Das bietet vielen ein wenig Freiraum zum Durchatmen, zum Runterkommen und Nachdenken. Ein turbulentes Jahr war das. Sein Anfang war geprägt von der Sorge um die Energie-Sicherheit – Stichwort Gas-Krise. Zum Glück gut gemeistert. Im Frühling flaute die Corona-Epidemie ab. Die Masken fielen. Großes Aufatmen. Andernorts nahmen schreckliche Natur-Katastrophen ihren Lauf. In Deutschland legte die Natur dagegen eine Verschnaufpause ein mit gemäßigten Temperaturen und allerhand Regen. Das Jahr war auch von Kriegen geprägt: in der Ukraine und nun auch in Israel und im Gaza-Streifen. Vielmehr ist passiert: Trauriges, aber auch viel Schönes. Im persönlichen Leben gilt das ebenso. Viele werden zurückschauen auf schöne Feste und Reisen, auf neue Freundschaften und berufliche Erfolge. Aber auch auf traurige Ereignisse.

Das Jahr mit Gelassenheit verabschieden

Nun ist der Moment gekommen, dieses Jahr zu verabschieden. Mit welcher inneren Haltung? Ich merke: Je turbulenter die Zeiten sind, desto mehr wünsche ich mir Gelassenheit. Ein Text aus der Bibel bietet sie an. Er stammt aus dem Buch des Predigers Salomo.

Für alles gibt es eine bestimmte Stunde. Und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit:
Eine Zeit für die Geburt und eine Zeit für das Sterben.
Eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen des Gepflanzten.
Eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen.
Eine Zeit zum Klagen und eine Zeit zum Tanzen. (Kohelet 3, 1-4, Übersetzung Basisbibel)

Der Prediger Salomon und seine persönliche Rückschau auf das Leben

Der Text verströmt für mich Gelassenheit. Er vermittelt das beruhigende Gefühl, alles habe schon seine Richtigkeit. Der Verfasser ist nicht bekannt, die Bibel nennt ihn den Prediger Salomos. Offenbar hat er viel Lebensweisheit, denn er wirkt sehr abgeklärt – und befindet sich selbst wohl in einer gesicherten Position. Dann kann man so auf das Leben blicken. Aber mir ist schon klar: Diejenigen, denen das Leben gerade übel mitspielt, empfinden das sicher anders.

Der älteste Text, den ein Popsong je hatte

Die Verse geben eine persönliche Rückschau auf das Leben wieder. Aufgeschrieben vermutlich um 300 vor Christus. Damit sind sie wohl auch der älteste Text, den ein Popsong je hatte. Denn Pete Seeger hat diese Verse 1959 vertont. Seinen Song hat die Popgruppe The Byrds ein paar Jahre später weltberühmt gemacht. Der Song trägt den Titel „Turn, turn, turn. To everything there is a Season".

Musik: Turn, Turn, Turn

Text: To everything - turn, turn, turn - there is a season - turn, turn, turn -. And a time to every purpose under heaven. A time to be born, a time to die. A time to plant, a time to reap. A time to kill, a time to heal. A time to laugh, a time to weep.

"Alles hat seine Zeit"

„Alles hat seine Zeit“ Seit ich diesen biblischen Text kenne, ringe ich mit ihm. Er stellt mir Fragen: Was kann ich tun und was muss ich geschehen lassen? Was kann ich von Gott erwarten und was von mir selbst?

Einerseits spricht mich diese Gelassenheit an. Wenn alles seine Zeit hat, dann entlastet mich das ja auch. Dann kann und muss ich an vielen Stellen gar nichts tun – außer Gott machen lassen.

Gott machen lassen

Ja, es gibt eine Zeit zum Weinen und Lachen. Freude und Schmerz gehören zum Leben dazu. Ja, es gibt eine Zeit für die Geburt und für das Sterben. Zu einem Lebensanfang gehört irgendwann auch ein Ende. Und ja, Pflanzen und Ausreißen haben ihre Zeiten. Wer etwas sät, muss Geduld haben und warten, bis die Zeit der Ernte da ist. Schneller geht es nicht. Da müssen sich Menschen fügen in das, was die Schöpfung hergibt. Denn darin steckt auch der Auftrag, auf die Ressourcen der Erde zu achten. Doch der Text setzt weitere Akzente, zu denen es mir schwerfällt Ja zu sagen:

Eine Zeit, sich zu umarmen, und eine Zeit, sich zu trennen.
Eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen.
Eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden.
Eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen.
Eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden. (Kohelet 3, 5-8, Übersetzung Basisbibel)

Sind Trennungen eine Art göttliches Naturgesetz?

Haben wirklich Umarmen und Trennen ihre Zeit? Auch wenn Trennungen und Scheidungen alljährlich geschehen: Sind sie eine Art göttliches Naturgesetz? Immerhin ist dieser Satz eine Ermutigung für Paare, miteinander ehrlich zu sein: Wenn das gemeinsame Ideal unerreichbar geworden ist, ist es Zeit, sich davon zu trennen.

Krieg und Hass sind menschengemacht

Doch der biblische Text nennt auch Begriffspaare, bei denen ich nicht mitgehen kann. Hass und Liebe, Krieg und Frieden! Soll das heißen: Die Gräueltaten der Hamas in Israel hatten ihre Zeit, waren also berechtigt? Genauso der Tod von Tausenden Zivilisten im Gaza-Streifen? Damit auch die Jahrzehnte lange Spirale von gegenseitigem Hass, auf dem diese traurigen Ereignisse fußen? Gehört das wirklich zu Gottes Plan für die Welt? Demnach wären alle Beteiligten nur kleine Rädchen im großen Getriebe Gottes. Ich denke aber: Krieg und Hass sind menschengemacht. Und deshalb haben Menschen das auch zu verantworten. Mag sein, dass der Text einfach nur beschreibt, was Menschen in der Geschichte bislang erleben. Aber deshalb ist das noch lange nicht richtig.

Die Gruppe "Birds" ringt auch mit diesem Text

Ich bin nicht der Einzige, der mit diesem Text ringt. Auch die Popgruppe The Byrds hat das getan. In ihrem Song ergänzen sie den biblischen Text deshalb im Refrain um das dreimalige Wörtchen „Turn“. Das heißt im Deutschen so viel wie „Drehen, Umkehren, Verändern“. Die Gruppe wollte also den Impuls setzen, dass sich doch etwas zum Besseren wenden kann.

Musik: Turn, Turn, Turn

Text: A time of love, a time of hate. A time of war, a time of peace. A time you may embrace. A time to refrain from embracing.

Wer bestimmt, welche Zeit gerade ist?

„Alles hat also seine Zeit.“ Aber wer bestimmt, welche Zeit gerade ist? Man kann den Text auch als Auftrag lesen an alle, die nicht mehr miteinander reden, die Tischtücher zerschneiden oder gar Kriege gegeneinander führen. Ihr Auftrag lautet dann: Erkennt, wann nach Gottes Plan die Zeit ist miteinander zu reden, aufzubauen und zusammenzunähen! Das gibt der Text uns Menschen immerhin zu tun. Allerdings: Auch davon verspricht sich der Prediger nicht viel.

„Ich sah das vergebliche Tun: Gott hat es den Menschen aufgegeben, damit sie sich plagen. Alles hat er so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit. Auch hat er ihnen ans Herz gelegt, dass sie sich um die Zeiten bemühen. Nur kann der Mensch das alles nicht begreifen, was Gott von Anfang bis Ende tut.“ (Kohelet 3,10f)

Ein tiefer Graben zwischen Gott und den Menschen

Der Text beschreibt einen tiefen Graben zwischen Gott und den Menschen. Viele sehen es heute auch so: Ja, es gibt irgendwo einen Gott, eine Schöpferkraft, die alles geschaffen hat. Doch nun ist sie fern, man kann sie nicht ansprechen, um nichts bitten. Wozu auch? Alles vollzieht sich ohnehin wie vorgesehen.

Mir ist dieses Verständnis von Gott und den Menschen fern. Und nicht nur mir. Auch zu Zeiten des Predigers Salomo haben Menschen mehr von Gott erhofft und erwartet - von sich selbst auch. Einer von ihnen spricht Gott direkt an, sein Gebet ist im Psalm 39 überliefert:

„Nun, Herr, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich“ (Ps. 39,8).

Gott ist ansprechbar

Gott ist ansprechbar, diese Erfahrung machen viele: Gott kann trösten und lässt hoffen. Dazu gehört für mich, dass Gottes Plan für die Welt offen ist. Sie kann sich verändern. Da kann man etwas machen.

Wozu sich um Dinge kümmern, die man doch nicht ändern kann?

Das ist heute ein heikler Punkt. Einerseits pochen viele darauf, dass sie ihr Leben sehr wohl gestalten können. Doch eigenartig: Wenn es um Themen geht, die ihnen etwas abverlangen, nehmen viele eine andere Haltung ein. Beispiel Klimawandel: Den halten viele für nicht zu stoppen. Wozu sich also kümmern oder gar auf etwas verzichten? Lieber genießen viele das Leben, so gut sie können, und nehmen für sich persönlich mit, was noch geht.

Das scheint beim biblischen Prediger ähnlich zu klingen: Beim Großen-Ganzen kann man nichts machen, wohl aber im Kleinen sein Leben genießen. Doch der Prediger will auf etwas anderes hinaus.

„Es gibt kein größeres Glück bei den Menschen, als sich zu freuen und sich’s gut gehen zu lassen. Jeder Mensch soll essen, trinken und glücklich sein als Ausgleich für seine ganze Arbeit. Denn auch dies ist eine Gabe Gottes.“ (Kohelet 3,12f)

Eine gute Balance zwischen Engagement und Erholung

Als Gabe Gottes sieht der Prediger beides - das Sich-gut-gehen-lassen und die Arbeit. Er plädiert für eine gute Balance zwischen Engagement und Erholung, zwischen Mühe und Muße, zwischen Kümmern und Konsumieren. Ich finde: Das ist ein guter, ein wohltuender Gedanke.

Genau schauen, welche Zeit jetzt ist

Zwei weitere Anregungen des Predigers nehme ich mit in den Jahreswechsel: Zum einen genau schauen, welche Zeit jetzt ist: Was ist dran? Und zum anderen etwas von seiner Gelassenheit. Allerdings möchte ich sie verbinden mit etwas mehr Hoffnung auf Gottes Zuwendung für die Welt. Auch die Byrds beenden ihren Song optimistisch. Sie ergänzen den biblischen Text um den Satz: „Es ist nicht zu spät.“

Musik: Turn, Turn, Turn

Text: To everything - turn, turn, turn - there is a season - turn, turn, turn - and a time to every purpose under heaven. A time to gain, a time to lose. A time to rain, a time of sow. A time for love, a time for hate. A time for peace. I swear it's not too late.

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