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Trotz – der große, starke Bruder der Hoffnung
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Trotz – der große, starke Bruder der Hoffnung

Stephan Krebs
Ein Beitrag von Stephan Krebs, Evangelischer Pfarrer, Langen
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Trotz genießt nicht den allerbesten Ruf. Aber er ist auch eine Energiequelle. Und ich behaupte: sogar eine Glaubenskraft. Aber der Reihe nach. Wenn das Wort Trotz fällt, denke ich zuerst an ein kleines Kind in der Trotzphase. Es will partout nicht mitgehen und schreit lauthals. Egal wie eilig und dringend es die Eltern haben. Zum Wahnsinnigwerden! Wohl deshalb wollen die meisten Erwachsenen nicht als trotzig gelten. Trotz klingt nach halsstarrig, unbelehrbar, egoistisch, stur.

Die verschiedenen Arten von Trotz

Doch der Trotz verändert seinen Beigeschmack, wenn man genauer hinschaut. Dann entdeckt man, dass es verschiedene Arten des Trotzes gibt. Der leise Trotz meldet sich bei Rückschlägen und flüstert: Lass dich nicht unterkriegen! Jetzt erst recht! Der wütende Trotz stellt sich gegen die Angst und faucht: Kämpf weiter. Der unerschütterliche Trotz zeigt auf den inneren Kompass und sagt: Lass dich von deinem Kurs nicht abbringen – auch dann nicht, wenn sich um dich herum bedenkliche Wahrheiten breitmachen!

Der Trotz des Glaubens

Es gibt auch den Trotz des Glaubens. Der sagt: Bleibe dran an Gott, auch wenn Gott gerade fern zu sein scheint. So ergeht es ja vielen. Sie schauen sich auf der Welt um, und nicht wenige erleben es auch selbst: so viel Leid, Elend und Krieg. Wo ist in alledem Gott? Eine Antwort darauf gibt dieses kurze Gedicht.

„Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.

Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre.

Ich glaube an Gott, auch wenn ich ihn nicht sehe.“

Ein Gedicht aus dem Warschauer Ghetto

Diese drei Sätze entfalten ihre Kraft vermutlich erst so richtig, wenn man weiß, woher sie stammen: Jemand hat sie 1944 an eine Mauer im Warschauer Ghetto geschrieben. Dort hatte die Nazi-deutsche Wehrmacht alle noch lebenden Juden der Stadt zusammengepfercht – zum Sterben. An diesem scheinbar hoffnungslosen Ort schreibt ein unbekannter Mensch diese Sätze:

„Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint.

Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre.

Ich glaube an Gott, auch wenn ich ihn nicht sehe.“

Im Trotz liegt auch eine große Kraft

Die Welt versinkt im Grauen und kein rettender Gott ist zur Stelle. Trotzdem hält dieser Mensch an Gott fest. Sein Trotzdem führt ihn sogar in der größten Gottverlassenheit zu Gott. Erstaunlich: Offensichtlich steckt in diesem Trotzdem eine große Kraft. Diese Kraft ist auch der Songwriter Danger Dan begegnet, wie er in einem Song erzählt. Klar, er trägt den Titel „Trotzdem“.

Musik 1: „Trotzdem“ von Danger Dan

Irgendwo in dieser großen Stadt
Gibt's einen imposanten Mann
So ein Gewinnertyp, der alles hat
Alles kriegt, alles weiß und alles kann

Drei Gehaltsklassen über mir
Hat sogar einen Schulabschluss gemacht
Kann drei Fremdsprachen, spielt Klavier
Wär' er jetzt da, hätt er 'nen Blumenstrauß gebracht

Ein sehr schöner, sensibler Typ
Makelloser Mann, makelloses Gesicht
Der nicht trinkt, der nicht raucht, der nicht lügt
Wenn er's will, sicher ist, dass er's kriegt

Aber meine Freundin wollte trotzdem lieber mich
Aber meine Freundin wollte trotzdem lieber mich

Danger Dan staunt: Obwohl es viele tollere Männer als ihn gibt, entscheidet sich seine Freundin für ihn. Warum? Die Antwort überlässt er denen, die seinen Song hören. Ich denke: Ganz einfach: Weil sie ihn liebt. Und dafür brauchte sie von ihm keine Höchstleistungen, dafür muss er nicht besser sein als andere. Dafür braucht sie nur ihn. Das genügt.

Gott liebt die Menschen - trotzdem - eine Entdeckung in der Reformationszeit

Genau das haben im Grunde genommen auch Martin Luther und andere Menschen in der Reformationszeit erlebt. Sie entdeckten, dass Gott sie liebt - trotzdem. Nicht weil sie die besten waren. Sondern einfach so, weil sie sie waren. Diese Entdeckung war für sie eine ungeheure Befreiung, ein tiefes Aufatmen. Warum das so war, versteht man vermutlich erst, wenn man sich in ihre Lage versetzt:

Die damalige Kirche propagierte den zürnenden Gott

Die Welt, in der sie lebten, war hart und voller Schrecken mit Hungersnöten, Seuchen und Kriegen. Schon im Alltag taten Menschen einander viel Gewalt an. In Kriegen noch mehr. Weit blieben sie hinter den Ansprüchen Gottes zurück. So sahen sie es, und die damalige Kirche bestärkte sie darin. Sie verwies auf die Strafen eines strengen und zürnenden Gottes. Wer in diesen Zeiten lebte, hatte Grund genug, sich vor Gott zu fürchten und am eigenen Leben zu verzweifeln. Auch Luther und anderen ging das zunächst so. Trotzdem hielten sie an Gott fest.

Gott kehrt den Zorn immer wieder in Liebe

Und das war gut so, denn dadurch fanden sie heraus, dass es auch bei Gott ein Trotzdem gibt. Viele Male berichtet die Bibel von Gottes Zorn über die Menschen, über ihr Wesen und ihr Verhalten. Doch Gott kehrt den Zorn immer wieder in Liebe. Trotz vieler Enttäuschungen hält Gott an den Menschen fest und zeigt ihnen: „Ich bin da, für euch da.“ Diese Liebe kann und muss man sich nicht verdienen, indem man Höchstleistungen erbringt oder besser ist als andere. Diese Liebe ist schon längst da ist, sie wird quasi mit einem geboren. Dafür muss man gar nichts tun – nur eines: sie annehmen, sich Gott also anvertrauen und glauben.

Daran erinnert der Reformationstag am 31. Oktober, also übermorgen. Denn an diesem Tag vor gut 500 Jahren trat Luther mit seiner Entdeckung der unerschütterlichen Liebe Gottes an die Öffentlichkeit. Er wollte seinen Mitmenschen Mut machen, Mut zum Trotzdem des Glaubens. Das gilt bis heute und kann einem stark, mutig und hoffnungsfroh machen.

Musik 2: „Trotzdem“ von Danger Dan. Hier nur eine kurze instrumentale Musikbrücke, die man aus dem Schluss des Stückes gewinnen kann (2:14-2:28 ggf. durch Doppeln verlängern)

Trotzdem – dieses Wort steht im Zentrum des christlichen Glaubens

Trotzdem – dieses Wort steht für mich im Zentrum des christlichen Glaubens. Es ist ein doppeltes Trotzdem. Das menschliche Trotzdem lautet: „Eigentlich ist mir Gott ganz fremd und fern. Aber ich halte trotzdem an Gott fest und finde darin Kraft. Das Trotzdem Gottes lautet: Die Menschen sind zum Verzweifeln. Trotzdem liebe ich sie und setze darauf, dass ich sie dadurch verändere.“

Diese Liebe ohne Voraussetzungen macht einen stark. Viele finden darin die Kraft, sich gegen das scheinbar Unvermeidliche zu stemmen. Die Klimakatastrophe ist scheinbar unvermeidlich. Trotzdem setzen ihr viele etwas entgegen. Krieg ist scheinbar unvermeidlich. Trotzdem stehen viele für den Frieden ein. Ungerechtigkeit ist scheinbar unvermeidlich. Trotzdem stehen viele für Gerechtigkeit ein. Zwietracht unter Menschen ist scheinbar unvermeidlich. Trotzdem sind viele bereit, sich zu versöhnen. Der Tod ist scheinbar unvermeidlich. Trotzdem glauben viele an das ewige Leben im Himmelreich. Gott setzt das große Trotzdem der Liebe mitten in diese Welt.

Was lässt mich hoffen – gegen den Anschein?

Manchmal frage ich mich: Woher nehme ich mein Vertrauen in dieses Trotzdem? Was lässt mich aufbegehren gegen das scheinbar Unvermeidliche? Was lässt mich hoffen – gegen den Anschein?

Gott stellt der Realität der Welt die Hoffnung entgegen

Dann stelle ich mir das Trotzdem Gottes neu vor Augen: Der Realität der Welt stellt Gott eine eigene Realität entgegen: die Hoffnung auf das Himmelreich! Eine neue Welt wird kommen und sie wird geprägt sein von Sanftmut und dem Frieden Gottes. Das ist ein großartiges Versprechen – gerade angesichts der aktuellen Weltlage. Wer daran glauben kann – trotz allem, findet darin einen festen Halt und gute Gründe dafür zu kämpfen. Das Trotzdem bedeutet: Ich tue etwas, obwohl gewichtige Gründe dagegensprechen – weil ich noch stärkere Gründe dafür habe. Trotz – das ist also der große, starke Bruder der Hoffnung. Diesen Bruder ruft die Hoffnung, wenn sie Verstärkung braucht.

Musik 3: „Trotzdem“ von Danger Dan

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