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Anne Frank

Anne Frank

Michael Tönges-Braungart
Ein Beitrag von Michael Tönges-Braungart, Dekan, Evangelisches Dekanat Hochtaunus

Sie war gebürtige Frankfurterin und wäre heute 85 Jahre alt geworden: Anne Frank, Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie in der Mainmetropole. Schon 1933 – nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten – emigrierte der Vater nach Amsterdam; ein Jahr später folgten seine Frau und die beiden Töchter nach.

1942 beginnt Anne – gerade 13 Jahre alt geworden, Tagebuch zu schreiben.  Wenige Wochen später zieht die Familie in ein Versteck um, in dem sie mit vier weiteren Personen über zwei Jahre leben wird. In ihrem Tagebuch schreibt sie über die politischen Entwicklungen, die die Familie gespannt verfolgt, aber genauso auch über das Zusammenleben auf engstem Raum – und ohne Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Sie schreibt über ihre Ängste – und über das, was sie hofft und sich wünscht. Ein Mädchen mit Gedanken und Empfindungen wie alle in ihrem Alter – aber in einer extremen Situation, wie wir sie uns kaum vorzustellen vermögen. Unter einer permanenten Bedrohung, wie sie unsere Kinder – hoffentlich – nie erfahren werden.

Am 01. August 1944 schreibt Anne Frank das letzte Mal in ihr Tagebuch. Drei Tage später wird ihr Versteck verraten. Mit ihrer Familie wird sie zunächst nach Auschwitz deportiert. Im März 1945 – nur wenige Wochen vor der Befreiung – stirbt sie an Typhus im KZ Bergen-Belsen. Ihr Vater Otto Frank überlebt als einziger der Familie und gibt ihr Tagebuch später heraus.

Meine Tochter ist jetzt 16 – gerade so alt, wie Anne Frank geworden ist. Was damals in Deutschland geschah und von Deutschland ausging, ist für sie ferne Vergangenheit. Und es ist kaum vorstellbar, dass sich so etwas in unserem Land noch einmal wiederholen könnte. Gott sei Dank!

Aber  es ist wichtig, dass sie davon weiß. Und dass sie verstehen lernt, was damals geschehen ist – sofern man das überhaupt verstehen kann.  Vielleicht können die Gedanken und Empfindungen eines Mädchens in ihrem Alter dabei helfen, die den ihren in manchen Dingen ganz ähnlich sein mögen. Eines Mädchens, das in der Stadt zu Hause war, in die sie heute zum Einkaufen fährt oder ins Kino geht. Eines Mädchens, das damals gelebt hat – und das sterben musste, weil es Jüdin war.

Ob Anne Frank daran gedacht hat, dass einmal  Millionen Menschen ihr Tagebuch lesen würden? Ihr Vater  war sich sicher, dass er ganz im Sinn seiner Tochter gehandelt hatte, als er ihr Tagebuch veröffentlichte. Kurz vor seinem Tod hat er gesagt: „Ich bin jetzt fast neunzig und meine Kräfte lassen langsam nach. Aber der Auftrag, den ich von Anne habe, gibt mir immer wieder neue Kraft - für Versöhnung zu kämpfen und für Menschenrechte in der ganzen Welt.“

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