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Fronleichnam: katholisches Demonstrieren

Fronleichnam: katholisches Demonstrieren

Reiner Jöckel
Ein Beitrag von

Reiner Jöckel,

Pastoralreferent, Frankfurt
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Gelbwesten-Demonstrationen, Ostermärsche, Friday-for-Future-Demonstrationen von Schülern für ein besseres Klima oder die aktuelle Maria 2.0 -Bewegung für mehr Gleichberechtigung der Frauen in der Katholischen Kirche: Immer wieder gehen Menschen auf die Straße, weil ihnen Probleme unter die Haut gehen. Sie möchten das gesellschaftliche Bewusstsein für eine Sache ändern und Menschen zum Umdenken und Handeln bewegen. Die meisten Demonstranten kann ich gut verstehen – und wünsche Ihnen, dass sie Erfolg haben mit ihrem Einsatz zum Beispiel für mehr Gerechtigkeit, Frieden und Klimaschutz.

Am heutigen Feiertag gehen auch Christen alljährlich auf die Straße. In einer Art katholischer Demonstration: Sie feiern in einer bunten Prozession Fronleichnam. Dieses Fest ist über 700 Jahre alt. Von seinem Ursprung her ist es nicht als Abgrenzung gegenüber der nicht­katholischen Welt gedacht. Auch evangelische Christen feiern deshalb mancherorts mit Katholiken. Der Festtag hat einen althochdeutschen Namen, den man heute schnell falsch verstehen kann: „vron" heißt soviel wie „heiliger Herr". Und „lichnam" bedeutet „lebendiger Leib". Im Mittelpunkt steht also der Gedanke an Jesus Christus, der mit seinem Leib in geheimnisvoller Weise in Brot und Wein im Abendmahl für die Gläubigen lebendig gegenwärtig ist. Das Fest Fronleichnam erinnert auch an den Moment, als Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jünger dieses Mahl zum ersten Mal gefeiert hat, am Abend vor seinem Leiden und Sterben. Die Feier des Abendmahls — katholisch nennt man sie auch Eucharistie, Danksagung - ist für die Christen eine geistige Kraftquelle und ein Höhepunkt des kirchlichen Lebens. Aus diesem Grund wird dieses Fest bis heute begangen.

Auch wenn Fronleichnam vom Namen her ein etwas altmodisch klingendes Fest ist: Mir sagt es heute noch etwas. Denn Menschen, die miteinander Eucharistie oder das Abendmahl im Namen Jesu feiern, für die ändert sich auch etwas in ihrem alltäglichen Leben und in ihrer Haltung zur Welt: Sie können eigentlich nicht mehr aneinander vorbeigehen, einander übersehen, aneinander vorbeireden oder einander und die Probleme in der Welt links liegen lassen. Dieses Brot und dieses Mahl, in dem Jesus gegenwärtig ist: Für mich ist es immer wieder Auftrag und Ermutigung, im Alltag gut und gemeinschaftlich mit anderen umzugehen. Auch zum Beispiel: anderen das Brot und die Nahrung zu geben, die sie zum Leben brauchen. Oder der Frage nachzugehen: Was und wer stillt meine geistig-seelischen Bedürfnisse? Auch hier ist der Hunger groß.

Musik 1: „Sing joyfully“ (William Byrd)  Aus: The King’s Singers Gold Cd 2 Spiritual

Manche Leute sagen: Religion ist Privatsache und hat deshalb im öffentlichen Raum nichts zu suchen. Zumal insbesondere die Katholische Kirche aufgrund ihrer Skandale in der letzten Zeit leider keinen guten Ruf hat. An Fronleichnam bekennen katholische Christen aber: Es ist natürlich zunächst einmal meine eigene - private ­- Entscheidung, was und ob ich im religiösen Sinn etwas glaube. Ich selbst glaube als Christ an einen unter uns lebendigen Gott und respektiere gleichzeitig andere Religionen oder Nichtgläubige.

Aber dieser lebendige Gott: Er ist eben auch einer, der nicht nur für sich gelebt hat, privat. Er hat öffentlich in Jesus gewirkt und überzeugend das Bild eines zärtlichen Gottes vorgelebt. Er ist den Menschen nicht von oben herab begegnet, sondern auf Augenhöhe. Sie konnten ihn sehen, erleben und prägende Erfahrungen mit ihm machen. Bis heute hat ja alles, was Menschen tun oder lassen, immer auch eine öffentliche Dimension. Im stillen Kämmerlein und einer nur privaten Komfortzone kann ich zum Beispiel nicht wirklich etwas in der Welt verändern. Eucharistie feiern: Es ist stärkende Nahrung, elementare Kraftquelle für Menschen, die sich mit den vielen Ungerechtigkeiten dieser Welt nicht abfinden wollen, die diese Welt mit Gottes Hilfe zum Besseren verändern wollen.

Was ich als Christ glaube, hat für mich also auch im öffentlichen Leben eine Bedeutung. Mein Glaube muss Hand und Fuß haben, muss zum Handeln werden Gott, der unter uns Menschen wohnt: Er bekommt deshalb am heutigen Festtag im wahrsten Sinne Füße: Menschen gehen in Prozessionen mit diesem lebendigen Gott im Zeichen des Brotes singend und betend - in Sprechchören sozusagen - auf die Straße. Sie demonstrieren: Was Christen für alle Menschen erhoffen und wovon das Herz erfüllt ist, das darf als Sinnangebot für eine menschlichere Welt nicht in Kirchenbauten eingeschlossen bleiben. Ein menschenfreundlicher und zum Frieden, zur Freiheit und Gerechtigkeit anstiftender Gott gehört auch für mich mitten unter die Leute. Und ich glaube, er ist auch mitten unter den Menschen mit ihren Fragen, Sorgen, ihrer Lebensfreude und ihren Sehnsüchten. Meine Sehnsucht: die hat wirklich etwas zu tun mit Freiheit und Gerechtigkeit in unserer Welt. Was erfüllt mein Leben und stillt meine Sehnsucht nach sinnvoll gelebter Freiheit? Von woher nehme oder erhalte ich Kraft zur Hoffnung, dass es endlich friedlicher und gerechter auf dieser Welt zugeht? Das sind Fragen, die ich mir am Fest Fronleichnam stelle.

Musik 2:  „Oculus non vidit“ (Rihards Dubra) Aus: Hail, Queen of Heaven

„Kein Auge hat jemals gesehen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“; so heißt es in dem Lied, das Sie gerade gehört haben. Die Worte stammen aus dem 1. Korintherbrief in der Bibel. Sie machen für mich deutlich: Meine Sehnsucht kann sich nicht nicht im Hier und Jetzt, in dem, was ich mir selbst vorstellen kann, erfüllen. Das, was Gott uns schenken will, ist nämlich seine Gemeinschaft mit ihm über den eigenen Tod hinaus. Eine Zusage, die mein Denken und Hoffen übersteigen wird. Gott sei Dank!

Einst wird Frieden herrschen, so die große Sehnsucht – aber heute wie in früheren Zeiten herrschen oft Kriege und Ungerechtigkeiten. Und an Fronleichnam, dem katholischen Fest, muss ich daran denken: Oft war das auch mit die Schuld der christlichen Religion. „Wess Brot ich ess, dess Lied ich sing!" Der Spruch stammt aus tdem dreißigjährigen Religionskrieg in Deutschland. In dieser Zeit gab es fürchterliche Gräueltaten und unwürdige Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten. Bürger eines bestimmten Landesfürsten mussten dessen Religionsbekenntnis vertreten. Wer dies nicht tat, fiel in Ungnade oder musste damals in vielen Fällen sogar mit dem Tod rechnen. Viel Gewalt wurde und wird auch heute leider noch im Namen oder unter dem Deckmäntelchen einer politisch missbrauchten Religion weltweit verübt. Ich bin froh, dass gerade am katholischen Fronleichnamsfest heute oft ökumenisch gefeiert wird, dass es zwischen den Konfessionen da keinen großen Streit mehr gibt. Das, was gefeiert wird, glauben ja auch alle ganz ähnlich: In den gewöhnlichen Gaben von Brot und Wein, Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit, ist Jesus anwesend. Christen aller Konfessionen glauben an seine Gegenwart. Auch ich glaube daran. Und für mich hat dieser Glaube Konsequenzen.

„Wess Brot ich ess, dess Lied ich sing." Ich frage mich: Wenn ich dieses Heilige Brot esse: welches Lied singe ich und welche Botschaft und Ausstrahlung im Alltag habe ich für meine Mitmenschen? Was ändert die Feier der Eucharistie in meinem Leben? Mir sagt dieses Fest: Ich soll mich wandeln und verwandeln lassen, wie dieses Brot. Mich immer wieder verändern und verbessern. Auch wenn das mühsam ist und manchmal Angst in mir auslöst. Aber es ist Gott selbst, der in dieser Feier an mir und mit mir handeln möchte, auch wenn das jetzt etwas fromm klingt. Auch ich brauche die Verwandlung in meinem Leben. Ich möchte z.B. nicht bei meiner Mittelmäßigkeit und Müdigkeit stehen bleiben. Nicht immer sind es die eigenen Kräfte, die mein Denken verändern und meinem Leben eine neue Richtung geben. Und ich habe oft gespürt: Gottes Geist führt mich den Weg, den ich gehe, wenn ich mir nicht wieder halbherzig ein Hintertürchen offen lasse. Die Tradition nennt es Erbarmen und Gnade, die an uns wirken möchten. Deshalb wird Eucharistiefeier auch mit Danksagung übersetzt. Es geht nicht um Leistung, sondern um Empfangen, Geschehen - und Wirken-Lassen.

Der Kirchenlehrer Augustinus hat es im 4. Jahrhundert einmal so formuliert: Durch den Empfang des Heiligen Brotes sollen wir selbst für- und miteinander Leib Christi, also Versöhnte und friedvolle Menschen in dieser Welt werden. Versöhnung, die Bereitschaft zum Umdenken und Umkehren, fängt bei mir selbst an: im Kleinen, im Alltag. Ich möchte darauf verzichten, immer recht haben zu wollen. Ich soll es wagen, nach einem Streit den ersten Schritt der Versöhnung zu tun. Und dies kann gelingen, wenn ich mir wieder klar mache: Es ist ein zärtlicher und mir zugewandter Gott, der schon immer den ersten Schritt auf mich zugegangen ist. Er fordert mich heraus: Verlasse Wege, die dich nicht weiterbringen. Überwinde die Trägheit, verzichte auf Komfortzonen, die das ungelebte Leben in Watte verstecken. Ich muss es mir eingestehen: Immer wieder bin ich tief von diesem Geschenk des Erbarmens Gottes berührt. So brauche ich eigentlich nicht mehr aus der Angst um mich selbst zu leben, die so gerne die Ursache für meine innere Friedlosigkeit ist.

Musik 3:  „Miserere nostri“ (Thomas Tallis) Aus: The Road to Paradise

Eucharistie feiern bedeutet für mich auch: Ich feiere mit meinen Mitmenschen, dass dieses Erbarmen Gottes meine vielen Neins zu mir selbst in ein Ja zu mir, zu meinen Mitmenschen und zu ihm selbst verwandeln möchte. Diese Neins: Sie haben viele Nuancen. Der Priester und Dichter Andreas Knapp hat einmal gut formuliert, wie ihre Verwandlung in mir geschehen kann:

„Jeder ist seiner selbst so voll;
Übergewicht des Sichwichtignehmens.
Selbstgesättigkeit der Seele.
Gott aber kann sich uns nur schenken
im Maße unseres Hungers nach ihm.
Gib dem Ehrgeiz keine Nahrung mehr,
bläh das Selbstbild nicht mehr auf,
dann lockert die Allsucht den Giergriff.
Mach dich also dünn, damit Weite wächst
in der dir alles zufällt leicht wie ein Geschenk.“


(aus: Andreas Knapp, Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Grundworte der Eucharistie)

Auch ich erlebe die wirklich wichtigen Dinge im Leben wie Liebe, Freundschaft, Vertrauen und Hoffnung als Geschenk. Sie sind nicht käuflich – auch deshalb heißt „Eucharistie“ übersetzt „Danksagung“.

Aber da ist noch ein Gedanke, der zu diesem Dank nicht so recht passen möchte. Gläubige sprechen im Gottesdienst nach der Wandlung der Gaben einen wichtigen Satz aus. Er lautet: „Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit". Dieser Satz macht für mich nicht nur an Fronleichnam und seinen Prozessionen deutlich: Im Kern ist es keine Folklore, kein Wohlfühl-Event oder eine rituelle Verschönerung meines Alltags. Wenn ich den Tod Jesu verkünde, dann ist das alles andere als harmlos oder ein Versuch billiger Vertröstung. Es bedeutet für mich auch immer ein deutliches Erinnern und kritisches Gedenken an geschehenes Unrecht und Leid in dieser Welt.

Ich bin davon überzeugt: Gott selbst leidet mit den Menschen, die Unrecht erfahren. Ich werde auch nicht aus der Frage entlassen: Warum gibt es so viel Leid? Und wer ist dafür verantwortlich? Ich will auch dafür danken, dass es Menschen gibt, die gerade dies mutig immer wieder zum Thema machen; auch manchmal gegen alle politische Korrektheit. Sie wollen uns immer wieder in Erinnerung rufen: Keine Macht der Welt kann die Würde des Menschen zerstören, denn sie ist etwas Heiliges und Unantastbares.

Musik 4:  „Sanctus“ Aus: The Armed Man, A Mess for Peace

„Sanctus" — Heilig. So lautete diese Musik aus der „Messe für den Frieden" von Karl Jenkins. Ich finde die Aussage dieser Musik sehr wichtig. Heilig — das bedeutet nämlich im Zusammenhang mit der Auferstehung: Das Leben, jeder Mensch und alles, was dazu gehört, ist vor Gott in alle Ewigkeit heilig und einmalig.  Ihre ungesühnten Leiden sind in seinem Gedächtnis bewahrt. Insofern ist Fronleichnam feiern eigentlich auch eine gefährliche Angelegenheit, weil auch immer wieder hartnäckig zu fragen ist: Wer sind die Täter, warum gibt es immer noch so viele Opfer? Oder, wie Papst Franziskus es einmal in einer Rede sagte: „Welche Strukturen im gegenwärtigen Wirtschaftssystem sind sündig und töten"?

Fronleichnam: Das ist für mich ein Gottesdienst, der Gemeinschaft stiftet. Er ist nicht nur ein Dienst der Menschen untereinander und an Gott, sondern auch: ein Dienst Gottes an uns Menschen. Auch deshalb ist es ein heiliges Tun. Gott selbst ist der Gastgeber. Er lädt mich im Gottesdienst dazu ein, mich mit mir selbst und mit anderen Menschen zu versöhnen.

Fronleichnam: Der Gottesdienst mit einem heruntergekommenen Gott, der Mensch wurde. In einem kleinen Stück Brot der Erde möchte Gott bei mir ankommen. Er möchte sein Leben mit dem Leben aller Menschen teilen und es vollenden. „Brotbrechen" nannten deshalb die frühen Christen diese Hingabe Gottes in ihren Mahlfeiern.

Und damit dieses Tun niemals weltfremd wird, erzählt das Johannes-Evangelium: Das eigentliche Erkennungszeichen der Lebenspraxis Jesu ist nicht nur sein Abendmahl, sondern die Tatsache, dass er seinen Jüngerinnen und Jüngern die Füße wäscht.

Auch die Feier meines Gottesdienstes muss sich irgendwie in einem Dienst an Menschen auswirken. Und Dienst an Menschen ist auch immer ein Dienst an Gott.

Von Diethart Zils, einem Dominikaner aus Mainz, lese ich zum Abschluss einen Text zum Thema Fronleichnam. Er hat mit der Zusage Jesu zu tun: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." Es heißt dort:

„Zwei oder drei; das ist nicht viel. Bestimmt nicht, wenn der eine blind, der andere taub und ein Dritter lahm ist. Zwei oder drei, das ist unendlich mehr als einer allein. Denn der Blinde wird das Ohr für den Tauben. Und der Taube wird das Auge für den Blinden und gemeinsam tragen sie den Lahmen. Und so gehen sie alle drei; wohin einer allein nicht kommen kann. Zwei oder drei in deinem Namen - das ist deine Hoffnung, Gott für uns

Menschen und überall, wo Menschen zu zweit oder dritt ihre Stärke miteinander teilen und ihre Schwäche gegenseitig tragen. Wo wir das Brot teilen, entsteht der Hunger nach Gerechtigkeit. Wo wir den Kelch erheben auf eine Zukunft mit allen, halten wir den Durst nach Frieden lebendig. Wo das geschieht, da bist du in unserer Mitte.“

Musik 5:
„If Ye love me“ Aus: „Hear the Voice“ (Ensemble Amarcord)

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