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Ein blaues Gemälde und die Sehnsucht nach Öffnung
Bild: Heike Kuenkler-Herok

Ein blaues Gemälde und die Sehnsucht nach Öffnung

Stefan Herok
Ein Beitrag von

Stefan Herok,

Pastoralreferent i.R. in der Pfarrei St. Bonifatius, Wiesbaden
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Guten Morgen und einen schönen Sonntag!

Bei uns daheim im Wohnzimmer, über dem Klavier, da hängt ein Gemälde, das ich dieser Tage besonders oft betrachte. Es ist für uns hier im Hörmedium Radio, für Sie als Hörende und mich als Sprecher, natürlich eine Herausforderung, aber ich möchte es trotzdem versuchen, das Gemälde für Sie lebendig und „sichtbar“ werden zu lassen. Bei guter Schilderung können wir auch „mit den Ohren sehen“, da bin ich mir ganz sicher.

Das Bild ist blau. Ein fast betörendes, sehr aktives Mittelblau, jedenfalls über den größten Teil der Bildfläche. Man nennt den hier vorherrschenden Farbton wohl „Taubenblau“. Die blaue Fläche ist an mehreren Stellen, vor allem von der Unterkante aus, weiß durchbrochen, und hat in der Oberflächengestaltung eine bewegte Dynamik, wie ein stürmischer Wolkenhimmel am Meer. Außerdem gibt es ein paar gelbe Einsprengsel, wie Sterne am Nachthimmel. Im linken Teil der unteren Bildhälfte verdichtet sich die Farbe zu sehr dunklem Blau, und mit einer rechteckigen Form und einer angedeuteten Schattenwirkung entsteht die Anmutung eines Aus- oder Einganges. Man mag – obwohl kaum konturiert - unwillkürlich an ein Tor, an eine Tür denken.

Öffnet sich hier ein Tor?

Diese dunkelblaue Fläche zieht mit feiner Sogwirkung mein Auge an und verleiht dem ganzen Bild Struktur und räumliche Perspektive. Sie offenbart mit einer leichten Aufhellung in ihrer Mitte die Assoziation eines sich öffnenden Ganges. Man könnte aber auch meinen: Aus dem Dunkel heraus tritt einem schemenhaft eine helle Figur entgegen! Diese dunkelblaue Fläche inspirierte die Malerin, übrigens meine Frau Heike, zum Titel, den das gesamte Bild nun trägt: Es heißt „Öffnung“ (https://studiomachart.homepage.t-online.de/M-A-L-E-R-E-I/Meditare).

Rechts neben der dunkelblauen Öffnung verlaufen – gegen alle Schwerkraft – einige Tropfenlinien vom unteren Bildrand bis ganz nach oben. Mir wirken sie wie Tränenfluss, der von der Erde gen Himmel strebt. In der Betrachtung dieses Gemäldes, seines magischen dunkelblauen Tores und seines Titels „Öffnung“, verbinden und bündeln sich derzeit viele Gedanken, die mich bewegen…

Gibt es einen Ausweg?

Da sind immer noch die Ängste, Sorgen und Nöte der Pandemie und ihrer Zwänge, die uns ein Gefühl des Eingeschlossenseins verursachen – in uns selbst und unseren Räumen. Wo ist der Ausweg? Wo sind die „Öffnungen“, nach denen wir uns so sehr sehnen?

Am heutigen 18. April gedenkt Deutschland ganz besonders all derer, für die es keinen Ausweg mehr gibt: die Opfer der Pandemie. Es sind inzwischen um die 80.000 Menschen bei uns mit oder an Covid gestorben. 80 Tausend! Das ist ungefähr die Einwohnerzahl der Stadt Marburg! Einfach weg. 80000 Trauerfälle, und wir wissen heute, dass es sich dabei längst nicht nur um alte und irgendwie todgeweihte Personen handelt. Außerdem löst auch deren Tod bei den Hinterbleibenden Verlustschmerz aus. Diesen Schmerz mit Floskeln wie „die wären sowieso gestorben“ weg reden zu wollen, ist nichts als zynisch!

Bei Schmerz gibt es keine Rangordnung

Der Bundespräsident lädt unser Land heute zum Innehalten ein und zu einer zentralen Gedenkfeier nach Berlin. Und einen zentralen ökumenischen Gottesdienst gibt es auch, in der Berliner Gedächtniskirche. Er wird ab 10.15 Uhr live im Ersten übertragen. Das finde ich gut und gebe dem Gedanken und Gedenken deswegen auch gerne hier heute Morgen Raum.

Schmerz ist in sich kaum vergleichbar und nicht zu verrechnen. Es gibt da keine klare Rangordnung, dass ein Schmerz objektiv schlimmer sei als ein anderer. Darum möchte ich heute auch derer gedenken, denen die Pandemie – zwar nicht das Leben aber – die wirtschaftliche Existenz zu nehmen droht oder schon genommen hat: z.B. vielen Geschäftsleuten und Künstler*innen. Auch sie sind existentiell betroffen. Sie wünschen und sie bräuchten so dringend „Öffnung“. Und ich würde sie ihnen und uns unfreiwilligen Stubenhockern so sehr gönnen.

Müde und wütend

Der Schmerz über diese gesamte Situation – wie gesagt: Schmerz ist kaum vergleichbar und nicht zu verrechnen – hat eine neue Wortschöpfung hervorgebracht: Nicht nur die unsäglichen Coronaleugner, sondern nicht wenige von uns allen, mehr oder weniger Pandemiebetroffenen sind inzwischen „mütend“. Bewegen sich in einer Gefühlsmischung aus müde und wütend. Über die Pandemie an sich, aber mehr noch über die Einschränkungen und Regeln, die sie hervorbringt. Und es macht noch mehr „mütend“, wenn viele dieser Regeln etwas Widersprüchliches an sich haben. Wie z.B. das innerdeutsche Reiseverbot. Ich finde es an sich richtig. Es wird aber konterkariert, wenn gleichzeitig die infektionsgefährdeten Flugreisewege nach Mallorca offen bleiben…

Apropos Coronaleugner: Wo ist in ihren sturmumtosten Gemütern und realitätsblinden Seelen die „magische Öffnung“ hin zu z.B. mehr Mitgefühl für die Opfer - oder auch zu mehr verstehender Solidarität mit den vielen Helferinnen und Helfern auf den medizinischen wie auf den politischen „Intensivstationen“ unseres Landes?

Sie sehen kein Licht am Ende des Tunnels

Das „Tor der Öffnung“ bleibt in der Wirklichkeit - wie auf unserem Gemälde - für sie nur ein dunkles Loch, angstbesetzt. Es verheißt ihnen eben kein rettendes Licht am Tunnelende. Darum können sie sich nicht öffnen, können dem Teufelskreis nicht entkommen und verbleiben lieber im Sog ihres „Mütendseins“.

Es ist sicher deutlich geworden, liebe Hörerinnen und Hörer am frühen Sonntagmorgen, dass ich das staatliche Corona-Gedenken am heutigen 18. April voll und ganz teile, richtig und wichtig finde. Trotzdem fühle ich an diesem Tag auch noch einen anderen Schmerz. Auch bei dem geht es so eindringlich wie ausdrücklich um „Öffnung“. Genau heute vor 500 Jahren stand Martin Luther vor dem Reichstag in Worms, wurde zum wiederholten Male streng verhört und blieb aber bei seinem reformatorischen, romkritischen Bekenntnis. Seine berühmten Worte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“

Wieso schaffen wir es nicht, offen aufeinander zuzugehen?

Die Evangelische Kirche in Deutschland wollte genau heute diesen 500sten Jahrestag feiern und ihn ausdrücklich mit einer Geste der ökumenischen Öffnung hin zu meiner katholischen Kirche verbinden! Der Limburger Bischof Georg Bätzing hatte als Vorsitzender der katholischen Bischofskonferenz seine Teilnahme und Mitwirkung bereits zugesagt. Jetzt gaben beide Kirchen dem staatlich initiierten Corona-Gedenken den Vorrang. Ihr Termin und ihr größeres ökumenisches Anliegen wurde aber nicht verschoben, sondern einfach klein gemacht. Ich vermute mal, dass vor allem meine katholische Kirche vielleicht doch „kalte Füße“ bekommen hat bezüglich eines Signals größerer „ökumenischer Öffnung“, wie immer es auch ausgesehen hätte. Das würde mich jedenfalls nicht wundern, angesichts der vermehrten kritischen Stimmen aus dem Vatikan in Rom, der „Rückpfiffe“ und regelrechten „Ohrfeigen“ in letzter Zeit (z.B. in Sachen „Schritte zum gemeinsamen Abendmahl“ und zum Thema „Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare“)! Schade! Und für die Ökumene in meinen Augen ein großer Schaden. Und für mich persönlich auch ein großer Schmerz. Schmerz ist kaum vergleichbar und nicht zu verrechnen…

An Ostern wird ein dunkles Tor durchschritten und Ängste überwunden

Das blaue Gemälde im heimischen Wohnzimmer wurde darum in diesen Tagen und Wochen für mich auch zum Sinnbild für Ostern. Da ist diese bildbestimmende dunkelblaue Fläche, die das linke, untere Bildviertel ausfüllt. Was wie ein schwerer, dunkler Verschlussstein vor den vielfachen Gräbern unserer Gegenwart wirken könnte, was das Gefühl von Eingeschlossensein in unseren Pandemiezwängen und sonstigen Teufelskreisen zu besiegeln scheint, das bleibt zwar dunkel, verwandelt sich aber trotzdem in „Öffnung“. Es wird durch alle Dunkelheiten hindurch ein Tor zum Leben. Wir müssen dieses dunkle Tor nur durchschreiten. Die Ängste überwinden. Den Mut haben zu den ersten Schritten hinaus oder hinein in eine andere Wirklichkeit.

Wer mutig aufbricht, schafft auch die Öffnung

Diesen Aufbruchsmut wünsche ich von Herzen allen, die heute besonders um ihre Coronaopfer trauern! Ich wünsche diesen Mut allen, die in ihrer Existenz bedroht sind. Ich wünsche ihn auch den Coronaleugnern. Auf ihre Weise sehen sie sich ja ebenso in ihrer Existenz bedroht. Ich wünsche diesen Mut, besonders den der Angstüberwindung, ganz dringlich meiner katholischen Kirche!

„Öffnung“! Sich von Gott öffnen lassen für die Liebe und das Leben. Lähmung, Stagnation, Rückwärtsgewandtheit überwinden, bitte auch beim Thema Ökumene. Das ist Ostern. Und das ist auch mein Wunsch für Sie und für mich an diesem frühen Sonntagmorgen: „Öffnung!“

Links:

Wer das Bild einmal anschauen mag:
https://studiomachart.homepage.t-online.de/M-A-L-E-R-E-I/Meditare In der ersten Reihe ganz rechts das blaue Bild; zum Vergrößern einfach anklicken…

https://www.tagesspiegel.de/politik/die-evangelische-kirche-macht-sich-zu-klein-fuer-corona-gedenktag-verzichtet-sie-auf-lutherjubilaeum-mit-oekomenecharakter/26914376.html

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