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Wal, Wurm oder Wunderbaum
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Wal, Wurm oder Wunderbaum

Vera Langner
Ein Beitrag von

Vera Langner,

Evangelische Pfarrerin, Ober-Ramstadt
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Noch vor einigen Jahren dachte ich, die Jugend ist gar nicht mehr so rebellisch wie früher. Brav und angepasst kamen mir viele junge Leute vor, die zielgerichtet und erfolgreich ihre Karriere planen und vor allem an der eigenen persönlichen Zukunft interessiert sind. Und andere erlebte ich als die „Null-Bock-Generation“. Sie lebten offensichtlich nur so in den Tag hinein. Meine eigene Jugend hatte ich irgendwie anders in Erinnerung.

Achtung! Ging es mir durch den Kopf. Komme ich nicht langsam in das kritische Alter, in dem ich aufpassen muss, nicht über die „guten alten Zeiten“ zu schwärmen?

Also gab ich mich zufrieden mit dem Gedanken, dass eine wachsame und kritische Jugend ganz andere Wege finden muss als ich sie zusammen mit anderen vor 40 Jahren gegangen bin.

Ich hielt die Augen offen und sah sie tatsächlich: Ehemalige Konfirmanden, die sich jetzt in der Lokalpolitik engagieren. Oder frühere Schülerinnen, die aktiv das Vereinsleben vor Ort mitgestalten und Verantwortung übernehmen bei öffentlichen Veranstaltungen. Oder sich persönlich engagieren für die Integration geflüchteter Menschen.

Darüber hinaus bin ich auf einen jungen Mann getroffen, der kurz vor dem Abitur steht. In seinem Leistungskurs Geschichte hatte er sich auseinandergesetzt mit einer Abiturarbeit aus dem Jahr 1939. Alle im Kurs hatten je einen Deutschaufsatz im Original bekommen aus dem Archiv eines humanistischen Gymnasiums. Mit dieser Arbeit konnten die Schülerinnen und Schüler historisch-wissenschaftliche Methoden kennenlernen und ausprobieren. In einem öffentlichen Vortrag und in einer Ausstellung des Heimatmuseums präsentierten sie dann ihre Ergebnisse. Die Abiturienten heute hatten sich damit beschäftigt, was wohl in den Köpfen der gleichaltrigen Kollegen und Kolleginnen von damals vor sich gegangen sein könnte. Hatten sie mit ihren Deutschaufsätzen gezeigt, dass sie treu in der Ideologie des Nationalsozialismus standen? Allein die Themenauswahl von damals legte das nahe. Oder hatten sie sich nur clever angepasst, um nicht aufzufallen? Hätten sie deutlicher Widerstrand leisten können oder waren sie so geprägt seit ihrer Kindheit, dass sie gar nicht mehr merken konnten, wie diese Ideologie der Nationalsozialisten gegen die Grundsätze ihres humanistischen Gymnasiums verstieß? All das waren Fragen, die von den Schülern und Schülerinnen gestellt wurden. Aber die Analyse einer Deutscharbeit alleine gab ihnen keine Antwort darauf. Manchmal sind Fragen  vielleicht sogar zielführender als vorschnelle Antworten.

Ich war beeindruckt von dem, was ich hörte. Die Abiturienten heute haben nicht plakativ und einseitig gedacht, sondern konnten ausgewogen und differenziert beschreiben, was wie gelesen hatten. Sie haben nicht vorverurteilt, sondern gemerkt, wie wichtig es ist, wachsam zu bleiben für politische Zusammenhänge.

Ich kam dann mit diesem jungen Mann ins Gespräch, der bei der Veranstaltung zu spät gekommen war. Er erklärte mir: „Ich musste erst noch mithelfen in der Organisation für die Freitagsdemos. Wir gehen jetzt freitags auf die Straße für das Klima. Kennen Sie diese Aktion?“  Ich konnte ihm bestätigen, dass ich die Geschichte von Greta aus Schweden gehört hatte und auch von der Schülerdemonstration in Darmstadt gelesen hatte. Der junge Mann meinte noch: „Das ist total wichtig, dass wir ja da jetzt was machen, sonst passiert ja doch nichts und die machen sonst nur so weiter wie bisher.“ Ich spürte in seinen Worten diesen rebellischen Geist, den ich aus meiner Jugend noch kannte. Wir unterhielten uns darüber. Am Ende fragte ich ihn, ob er keine Angst habe, wenn jetzt auf seinem Abiturzeugnis unentschuldigte Fehlzeiten auftauchen würden, weil sie ja freitags während des Unterrichts auf die Straße gingen. Voller Überzeugung sagte er: „Das mit dem Klima und der Zukunft auf unserer Erde, das ist mir wichtiger!“ Und dann verabschiedete er sich. Ich dachte: Es gibt sie also wieder oder immer wieder: Junge Leute, die aufbrechen, um die Probleme der Zeit zu erkennen und mutig was dagegen zu tun voller Begeisterung!

Musik: Jun Nagao, Chercher aus Quatuor, gespielt vom Mobilis Saxophone Quartet

Sie stoßen auf viel Wohlwollen, die Schülerproteste am Freitag für mehr Klimaschutz. Angestoßen wurde diese Protestbewegung durch die 16jährige Schülerin Greta Thunberg aus Schweden. Sie demonstriert seit einem halben Jahr für eine wirksamere Umweltpolitik. Der Weckruf „Fridays for Future“ – freitags für die Zukunft – wurde auch von deutschen Schülerinnen und Schülern aufgegriffen. Für mich ist das wie ein Weckruf, auf den viele Erwachse schon lange gewartet haben. Ein Weckruf, der hoffentlich Konsequenzen hat und endlich verändert, wie sich Erwachsene und Verantwortliche verhalten und welche Entscheidungen sie treffen.  Vermutlich müssen Jugendliche provozieren, weil Erwachsene auf alle anderen Weckrufe nicht konsequent reagiert haben. Die Warnungen der Wissenschaftler wurden seit Jahrzehnten zur Kenntnis genommen, es gab große internationale Konferenzen, um drohende Gefahren abzuwenden. Sie haben Klimaziele vereinbart. Aber sie werden nicht erreicht. Es wurde viel geredet und debattiert, es wurde jongliert und gepokert mit unterschiedlichsten Zahlen und Untersuchungen. Aber es hat sich kaum etwas grundlegend geändert, damit die Zukunft der Kinder und Enkel nicht verspielt sein wird durch die Sünden der Eltern und Großeltern.

Ich habe viel Sympathie für die Schülerproteste und hoffe, dass die jungen Leute trotz mancher Widerstände durchhalten auf ihrem Weg als Prophetinnen und Propheten. Denn für solche halte ich sie. Von ihnen geht ein Weckruf aus, der ganz im Sinne biblischer Tradition zu Buße und Umkehr ruft. Mir macht die Geschichte von Jona Mut, dem Propheten, der gegen viele Widerstände hindurch Gott ganz neu kennenlernt. Jona wird mit einem Weckruf beauftragt. In der biblischen Geschichte von Jona wird deutlich: Es gibt Weckrufe, die wirklich Veränderung bewirken. Und es geht dabei ums Ganze, um Leben und Tod.

Vielleicht spüren die Schülerinnen und Schüler von heute auch etwas davon, wenn sie auf ihre Plakate schreiben: Euch gehen die Ausreden aus und uns die Zeit. Sie wollen, dass jetzt gehandelt wird. Die jungen Leute merken, dass das Leben auf der Erde gefährdet ist durch zweifelhafte Entscheidungen und halbherzige Beschlüsse. Die Zeit scheint befristet zu sein, bevor es zu spät ist. Auch das kommt vor bei der Geschichte vom Propheten Jona.

„In 40 Tagen wird diese Stadt völlig umgeworfen sein.“

Das war der Weckruf des Propheten Jona damals, einige hundert Jahre vor Christus. Der Weckruf war gerichtet an die damalige Weltstadt Ninive. Die Bibel berichtet nicht, was damals die konkreten Missstände in Ninive waren. Wenn man davon ausgeht, was andere Propheten angeprangert haben, war es vor allem die soziale Ungerechtigkeit, das Übervorteilen von Menschen, die sich nicht wehren konnten. Einige Schülerinnen und Schüler, die heute bei den Freitagsdemos mitmachen, erinnern sich bestimmt an diese Geschichte von Jona vom Kindergottesdienst oder Religionsunterricht. Der Prophet Jona war der, der keine Lust hatte, diesen Weckruf nach Ninive zu tragen. Stattdessen floh er vor diesem Auftrag Gottes und wollte sich am Ende der Welt vor Gott verstecken. Er wollte sich drücken davor, Verantwortung zu übernehmen. Aber auf der Flucht gerät er in ein Unwetter auf dem Meer. Das Schiff, in dem er auf der Flucht ist, droht zu sinken. Erst als er ins Meer geworfen wird, legt sich der Sturm. Dieser Untergang war aber nicht sein Ende. Denn Jona wird von einem großen Fisch verschlungen, so groß wie ein Wal, so erzählt es die Geschichte der Bibel. In der Gedankenwelt kleiner Kinder ist diese Geschichte leicht zu verstehen und ein Beispiel dafür, wie Gott wunderbar retten kann. Drei Tage bleibt Jona im Bauch des großen Fisches und betet und dankt Gott für die Rettung aus Todesgefahr. Nach drei Tagen dann wird er von diesem großen Fisch oder Wal ans Land ausgespukt. So kann er wieder neu seinen Lebensweg weitergehen.

Wenn sie einen christlichen Kindergarten besucht haben, haben die Schülerinnen und Schüler von heute von dieser Geschichte vielleicht sogar ein Bild gemalt, wie Jona im Bauch des Walfisches sitzt, geborgen in der großen Tiefe der Abgründe des Lebens. Als Konfirmandinnen und Konfirmanden haben sie diese Geschichte dann vielleicht belächelt und gedacht: Sowas gibt´s ja gar nicht!

Aber jetzt einige Jahre später, kurz vor dem Abitur, würden sie die Geschichte womöglich neu verstehen können. Denn sie merken, unser Leben ist bedroht, wenn wir uns wegducken und Verantwortung nicht übernehmen wollen, wenn die persönliche Bequemlichkeit wichtiger wird als der Blick über den eigenen Tellerrand. Und doch ist Rettung möglich. Manchmal gehören Umwege im Leben dazu, damit neue Erkenntnisse gewonnen werden. Manchmal gibt es eine zweite Chance, einen erneuten Anstoß, so wie bei Jona damals. In der Bibel geht Jonas Geschichte so weiter:

Das Wort Gottes erging an Jona – ein zweites Mal: „Steh auf und geh! Geh nach Ninive! In die riesige Stadt! Rufe ihr die Botschaft zu, die ich dir auftrage!“
Jona stand auf und ging nach Ninive, wie Gott ihm aufgetragen hatte. Ninive war aber selbst für Gott eine große Stadt. Es dauerte drei Tage sie zu durchqueren. Jona war gerade mal einen Tag in die riesige Stadt hineingelaufen, da rief er umher und sagte: „Noch 40 Tage! Dann ist Ninive völlig umgeworfen.“ Da setzten die Leute von Ninive Vertrauen in Gott. Sie riefen ein Fasten aus und kleideten sich in Sack und Asche von Groß bis Klein. Als das Wort den König von Ninive traf, erhob er sich von seinem Thron, tat sein Herrschaftsgewand ab, zog Sackzeug an und setzte sich in den Staub.


Musik: Kay Johannsen, Wenn meine Sünd' mich kränken, Kay Johannsen Orgel

In Sack und Asche gehen,- diese Redewendung ist in der deutschen Sprache bis heute erhalten geblieben. Sie bezieht sich auf die biblische Tradition: zum Zeichen der Buße und Reue eine radikal veränderte Lebensweise annehmen, um Unheil abzuwenden. Die Geschichte von Jona erzählt, dass sogar der König seine Privilegien und die äußeren Zeichen seiner Macht aufgibt, um sich mit den Menschen seiner Stadt vor Gott solidarisch zu zeigen. Diese überwältigende Demut der Menschen vor Gott verändert die Zukunft. Das drohende Schicksal wird abgewendet. Die Menschen können mit dieser neuen Lebenshaltung weiter leben. Ninive ist nicht untergegangen nach 40 Tagen, so wie es Jona prophezeit hatte. Jona selbst gerät dadurch in eine Glaubens- und Lebenskrise. War sein Auftrag sinnlos gewesen? Hatte Gott ihn zum Narren gehalten? Warum sollte er diese Drohung aussprechen, wenn dann Gott doch nicht entsprechend handelte? Jona hadert mit Gott, seinem Auftrag und seinem Leben. Er hatte gehofft, dass Ninive untergehen würde, denn es war die Hauptstadt einer feindlichen Großmacht. Jona dachte, dass Gott die Feinde zerschlagen würde, damit sein Volk weniger bedroht sein würde. Aber nun schien Gott mal wieder Gnade vor Recht walten zu lassen. Er hatte es kommen sehen. Wütend rechtfertigt sich Jona vor Gott und sagt:

"Ach mein Gott! Waren das nicht meine Gedanken, als ich noch in meiner Heimat war? Genau deshalb wollte ich ans Ende der Welt fliehen, denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, mit langem Atem und reich an Freundlichkeit. Du überlegst es dir wegen des Unheils noch einmal anders.“

Ich würde diese Geschichte gerne den Schülerinnen und Schülern erzählen, die aktuell immer wieder auf die Straße gehen freitags, um gegen die in ihren Augen falsche Klimapolitik zu protestieren. Denn die Geschichte von Jona erzählt, dass der Weckruf des Propheten Menschen tatsächlich ermutigt hat, von unheilvollen Wegen abzuweichen und stattdessen Neues zu wagen. Etwas, das dem Leben Zukunft gibt. Die Proteste der Jugendlichen können in diesem Sinn segensreich wirken. Wie das Wort des Propheten damals in Ninive. Aber diese Geschichte von Jona erzählt auch, dass selbst ein Prophet Gottes bisweilen tief erschüttert und verunsichert sein kann. Und das darf auch so sein. Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Denn Frust und Enttäuschung werden in Gottes Welt nicht das letzte Wort haben. Es ist eine Frage, mit der die Geschichte endet. Sie hören davon gleich nach der nächsten Musik.

Musik: Isak Roux, Tekweni Suite, gespielt von Saxofourte

Am Anfang der Geschichte von Jona spielt der große Fisch eine wichtige Rolle. Er rettet Jona aus Lebensgefahr. Am Ende aber bekommt ein kleiner Wurm noch einen besonderen Auftrag und auch ein Wunderbaum dient Gott für eine letzte und entscheidende Frage an Jona, den Propheten.

So wird das Ende der Jona-Geschichte in der Bibel erzählt:

Jona hatte sich frustriert oberhalb der Stadt Ninive einen Aussichtsplatz gesucht, um abzuwarten, ob die Stadt Ninive nicht doch noch umgestoßen würde durch Gottes Macht, so wie es der Prophet angekündigt hatte. Eine kleine selbstgebastelte Laubhütte diente ihm als Unterstand vor der sengenden Sonne, war aber nur ein unzureichender Schutz. Da wuchs über Nacht ein wundersamer Busch mit großen Blättern und spendete wohltuenden Schatten. War es eine Rizinusstaude, die auch als Wunderbaum bezeichnet wird, weil sie so schnell wächst? Jedenfalls erfüllte diese Pflanze Jona mit neuer Lebensfreude. Nun war er gut geschützt unter den Blättern dieser wunderbaren Pflanze. Aber schon in der nächsten Nacht kam ein Wurm, der dem Gewächs die Wurzeln zerstörte. Der Wunderbaum verwelkte unter der glühenden Sonne und dem heißen Wind des Tages. Jona war zu Tode betrübt über diesen Verlust. Und da hörte er noch einmal die Stimme Gottes:

Dich bekümmert der Strauch, mit dem du keine Mühe hattest und den du nicht großgezogen hast, der innerhalb einer Nacht entstand und innerhalb einer Nacht zugrunde ging. Ich jedoch – sollte ich nicht bekümmert sein wegen Ninive, der riesigen Stadt, in der es mehr als 120.000 Menschen gibt, und außerdem viel Vieh?“

Mit dieser Frage an Jona, den Propheten endet die Geschichte der Bibel. Ich spüre dahinter bis heute die liebevolle Schöpferkraft. Die Menschen und Tiere, ja die ganze Schöpfung liegt Gott am Herzen. Wer diese Liebe zum Leben spürt, ist dicht dran an den Ideen Gottes. Die Schülerinnen und Schüler, die nun mit ihren Protesten freitags immer wieder auf die Straße gehen, bringen in meinen Augen die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung zum Ausdruck. Der Weckruf wird gehört. Es gibt vielfältige Reaktionen. Ob die Aktionen der Schülerinnen und Schüler segensreich sein werden für unseren Planeten, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall zeigen sie, dass viele dringend etwas ändern müssen im Leben. Und das ist wohl ganz im Sinne Gottes, so wie Jona ihn erlebt hat, der Prophet, der Gott ganz neu kennenlernen konnte durch einen Wal, einen Wurm und einen Wunderbaum.

Musik: Luis Borda, Ritmo de Baiona, gespielt von Saxofourte

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