Ihr Suchbegriff
"Du sollst die Menschen im Dorf ästimieren"

"Du sollst die Menschen im Dorf ästimieren"

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von

Dr. Ulf Häbel,

Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen

„Du sollst die Menschen im Dorf ästimieren.“ Diesen Rat hat mir vor vielen Jahren eine alte Frau gegeben. Ästimieren. Ich hatte das Wort bis dahin noch nicht gehört. Ich war damals als Pfarrer in das Dorf gekommen, in dem ich bis heute lebe. Ich wollte gern Dorfpfarrer werden, nachdem ich lange in Städten gewohnt hatte.

Leben und Arbeiten auf dem Land, das war neu für mich. Darum hatte der Kirchenvorstand ein paar Leute aus dem Dorf eingeladen, um mit mir, dem neuen Pfarrer, über das Dorf, die Kirche und die Welt zu reden. Sie haben nach dem Zufallsprinzip jeden Fünfzigsten aus der Einwohnerkartei angefragt. Die sind auch alle gekommen – die meisten evangelische Kirchenmitglieder, ein paar Katholiken, auch einer, der aus der Kirche ausgetreten war. Was erwarten die Menschen im Dorf von einem neuen Pfarrer?

Auf diese Frage hat die alte Frau geantwortet: „Er soll die Menschen im Dorf ästimieren.“ Ästimieren. Was meint sie damit? Das hat die alte Frau schnell erklärt. Es kommt aus dem Französischen und ist in die Alltagssprache hier im Vogelsberg eingewandert – so ähnlich wie Portemonnaie und Chaiselongue. Und es heißt ganz einfach: Wertschätze die Leute; gehe auf sie zu; besuche sie da, wo sie arbeiten und leben.

Das habe ich dann in all den Jahren meines Dorfpfarrerdaseins gemacht. Inzwischen bin ich im Ruhestand. Ich habe die Menschen aufgesucht in ihren Wohnungen, bei ihrer Arbeit, habe mich für sie interessiert. Ich habe nach ihnen „geguckt“, wie man Besuche machen bei uns nennt. Ich habe sie ästimiert, so gut ich es konnte. Heute kann ich sagen: In dieser Haltung zu Menschen, sie aufzusuchen und wertzuschätzen, ihnen einfühlsam zu begegnen, darin ist eine Spur zu einem erfülltem Leben zu finden.

Wenn mir jemand begegnet, der sich für mich interessiert, der mir aufmerksam zuhört, wenn ich rede, der mich umarmt, wenn ich traurig bin, dann fühle ich mich wertgeschätzt. Und umgekehrt gilt das auch: Wenn ich mit einem Menschen in Kontakt bin, der spürt, dass ich ihn beachte und ernstnehme, dann geht es ihm gut. Menschen brauchen den ehrlichen Kontakt miteinander, die wertschätzende Begegnung. Diese Haltung zu leben ist manchmal ganz einfach. Das haben mich die Kinder unserer Dorfschule gelehrt. Ich besuche die Schule gelegentlich. Dort begegne ich den Kindern. Und das ist sehr unterschiedlich. Manche nehmen mich gar nicht wahr, wenn ich die Schule betrete; sie tun so, als wäre ich Luft.

Andere winken. Und wieder andere rufen mir zu: „Hallo Ulf!“ Das finde ich am schönsten, wenn sie mich bei meinem Vornamen nennen. Dann weiß ich: Sie kennen mich und freuen sich, mich zu sehen. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: Sie ästimieren mich. Einen Menschen, dem man begegnet, bei seinem Namen zu nennen, ist eine einfache Art der Wertschätzung. Wohltuend finde ich da einen Satz in der Bibel, der diese zugewandte Haltung auf Gott überträgt. Im Prophetenbuch Jesaja kann man ihn nachlesen: „Gott spricht: Fürchte dich nicht; siehe ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“ (Jesaja 43,1)

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren