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Freut euch: Die Wüste wird nicht ewig dauern!
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Freut euch: Die Wüste wird nicht ewig dauern!

Martina Patenge
Ein Beitrag von

Martina Patenge,

Katholische Referentin für Glaubensvertiefung und Spiritualität, Kardinal-Volk-Haus Bingen
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Das war ein Schock:  Auf der ganzen Strecke zwischen Mainz und Koblenz kaum noch Wasser im Rhein, dafür die nackten Felsen. Der Rhein -  im Sommer des vorigen Jahres war er fast ausgetrocknet. Voller Schrecken schauten wir aus dem Zugfenster und konnten uns gar nicht beruhigen. Die Schifffahrt: nahezu eingestellt. Bäume mitten im August: ohne Blätter. Die Wiesen: braun. Ein trauriger Anblick.

Die letzten beiden Sommer haben uns extreme Wetter beschert. So viel Hitze, so viel Trockenheit. Da sind manche schlimmen Vorhersagen von Klimaforschern  eingetroffen. Wir haben in Mitteleuropa plötzlich Zustände fast wie in Steppen- und Wüstengebieten erlebt: lähmende Hitze, brennende Sonne und kein Tropfen Regen. Die Menschen fliehen in den Schatten, wo sie nur können. Es war auch bei uns schlimm genug. Und die Prognosen der Fachleute lassen ahnen, dass wir uns auf solche Sommer werden einrichten müssen.

Die letzten beiden wüstenheißen Sommer – ich fand sie erschreckend. Zum einen im Blick auf die Klimakrise. Zum andern aber auch versteht mein Körper jetzt viel besser, was Wüste bedeutet und wie sie sein kann – und was das für die Menschen bedeutet, die extrem heißen Wetterlagen ausgesetzt sind. Wie bedrohlich das ist. Wie sehr die Menschen auf den Regen warten und ihr Leben davon abhängt. Bei uns hat spät im Jahr glücklicherweise wieder Regen eingesetzt. Manche Wiesen wurden noch einmal grün, viele Blumen erholten sich. Auf dem Rhein konnten die Schiffe wieder fahren.

Seit diesen Erfahrungen aber höre ich anders zu, wenn von „Wüsten“ gesprochen wird. Und ich höre auch anders auf die Worte des Propheten Jesaja aus der Bibel, die im Advent eine große Rolle spielen – ich fühle es geradezu, wenn Jesaja von der Wüste spricht. Von einer Wüste, die anfängt zu blühen. Da heißt es:

Jubeln werden die Wüste und das trockene Land, jauchzen wird die Steppe und blühen wie die Lilie. Sie wird prächtig blühen und sie wird jauchzen, ja jauchzen und frohlocken. Die Herrlichkeit des Libanon wurde ihr gegeben, die Pracht des Karmel und der Ebene Scharon. Sie werden die Herrlichkeit des Herrn sehen, die Pracht unseres Gottes. (Jesaja 35,1-2)

Musik 1: aus: Huub Oosterhuis: Die Steppe wird blühen (CD: Sei hier zugegen. 19 Lieder von Huub Oosterhuis, Schola der Kleinen Kirche, Osnabrück, Studio Orchester Amsterdam, Track 11, bis ca. 2.40 min).

Jubeln werden die Wüste und das trockene Land, jauchzen wird die Steppe und blühen wie die Lilie. Sie wird prächtig blühen und sie wird jauchzen, ja jauchzen und frohlocken...Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie: Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht: Seht, euer Gott: … Er selbst kommt und wird euch retten. (vgl. Jesaja 35,1–4)

Der Prophet Jesaja gerät fast aus dem Häuschen mit seinem Jubel. Er hat besondere Gründe dafür. Denn er spricht zu seinen Landsleuten, dem Volk Israel. Die sind wüstenerprobt, in jeder Hinsicht. Aus ihrer Heimat sind sie verbannt worden, damals im 6. Jahrhundert vor Christus. Sie leben in der Fremde. Jahrzehntelang mit dem Heimweh der alten Erinnerungen. Längst war jede Hoffnung auf Rückkehr aufgegeben. Die Seelen vieler sind verwüstet, die Träume vertrocknet. Doch es geschieht ein Wunder. Jesaja darf dem Volk Israel mitteilen: Eure Not ist zu Ende, bald könnt ihr zurückkehren. Gott kümmert sich um euch. Ihr werdet wieder zu Hause leben und vor allem: ihr werdet wieder aufblühen.

Ich stelle mir vor, wie die Menschen darauf reagieren. Die einen werden Jesaja für verrückt halten. Da kommt er jetzt nach so langer Zeit und verspricht uns das Blaue vom Himmel? Andere aber glauben ihm. Die Worte des Jesaja werden für sie zu Energieschüben. Wie sehr haben sie darauf gehofft. Die Heimat ruft wieder. Eine neue Zeit liegt vor ihnen, sie jubeln und jauchzen. Auf einmal ist da wieder neue Kraft und Lebensmut. Und Jesaja findet wunderbare Bilder für diese Zukunft:

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan, und die Ohren der Tauben werden geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen frohlockt. (Jesaja 35,5.6)

Musik 2: Wolfgang Amadeus Mozart, Contredanse en rondeau / Divertimento F-Dur KV 213 (CD: W. A. Mozart, Divertimenti, Track 4, 1.20 min).

Der Prophet Jesaja beschreibt schöne Bilder – Hoffnungsbilder: Dann werden die Augen der Blinden aufgetan, und die Ohren der Tauben werden geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen frohlockt. Denn in der Wüste sind Wasser hervorgebrochen und Flüsse in der Steppe… Die vom Herrn Befreiten kehren zurück. (Jesaja 35,5.10)

Auch für uns und für mich heute sollen diese alten Worten der Bibel ja gelten: Die Wüste wird ein Ende haben. Es gibt wieder Zukunft. Aber sind diese Bilder auch realistisch? Es ist ja leider doch so viel Elend in der Welt, das sich eben nicht so einfach verwandelt. Wieviel Sorgen liegen vielleicht auch in den eigenen Lebensgeschichten – und kein Wunder geschieht. Was also sollen wir mit den alten Versprechen anfangen? Gibt es wirklich solche Verwandlungen, in denen aus Wüsten wieder Landschaften werden, die grünen und blühen?  

Ja, die gibt es! In der langen Zeit, in der ich Menschen auf ihrer Suche nach Heilung und mehr Lebendigkeit begleiten darf, habe ich viele solcher Wandlungen miterleben dürfen – und auch in meinem eigenen Leben sind sie mir nicht fremd geblieben. Einmal hat mir ein junger Mann tatsächlich sogar eine solche Szene von der verlorenen Heimat erzählt. Als Kind in Deutschland aufgewachsen, musste er nach dem Ende des Bosnienkrieges mit der Familie zurück nach Bosnien. Er kannte die Sprache nicht, das Land war ihm fremd. Er fand sich nicht zurecht. Wurde immer unglücklicher, trödelte sich durchs Leben, begann lustlos ein Studium. Junge Leute wie er sitzen dort eher in Cafés als in der Uni, perspektivlos und gelangweilt, so hat er das beschrieben. Eines Tages beschließen die Eltern, jetzt sind sie ja EU-Bürger, nach Deutschland zurückzugehen. Und er will mit, zurück in das Land, das für ihn Heimat ist. „Da habe ich angefangen zu lernen wie verrückt“, sagt er. In kürzester Zeit macht er sein Examen. Vorher fühlte er sich wie in der Wüste ausgesetzt – jetzt blüht er auf. Er ist nicht länger gelähmt. Sondern er packt die Gelegenheit beim Schopf, wird endlich wieder lebendig: er springt wieder wie ein Hirsch, und seine Zunge ist wieder frei.

Für ihn ist das wirklich so: Er kehrt wieder zurück in ein neues Leben! Und in seiner Deutung hat da auch Gott seine Hand im Spiel. Zusammen mit den sich verändernden politischen Verhältnissen und dem Mut seiner Eltern. Er versteht es so: Gott möchte, dass die Menschen leben, und dass sie etwas aus ihrem Leben machen können. Aber an ihm war es, sich auf den Weg zu machen, damit das endlich wieder eintreffen konnte.

Musik 3: Johann Sebastian Bach, „Gottes Sohn ist kommen“ (aus dem Orgelbüchlein) (CD: J. S. Bach, Orgelbüchlein, Francesco Cera, Track 3, 1.27 min).

Wenn nach einer schweren Zeit Menschen wieder eine Perspektive finden - wenn sie z.B. wieder in ihre Heimat zurückkönnen wie es bei dem jungen Mann war, den ich getroffen habe – dann wachsen oft Bärenkräfte. Selten wird alles auf einmal wieder gut. Auch das Gute wächst nur langsam und in seinem eigenen Tempo. Aber allein endlich wieder in die Zukunft blicken zu können, das verändert vieles.

Ich finde das auch im Blick auf den dritten Advent sehr passend. Die innere und äußere Vorbereitung auf Weihnachten hat Halbzeit. Warten ist zwar noch angesagt, aber es dauert nicht mehr so lange. Weihnachten rückt näher, und mit ihm ganz viel von der Energie, die das Fest in sich trägt: neues Leben und Zukunft, und was einmal Wüste war, kann wieder blühen. Und weil das so ist, heißt dieser dritte Adventssonntag heute in der katholischen Tradition auch „Gaudete“, das ist lateinisch für „Freut euch“! Das Weihnachtsfest ist bald erreicht. Deshalb: Freut euch! Freut euch, dass ihr den Weg schon halb zurückgelegt habt. Freut euch, dass ihr dieses Leben nicht alleine bewältigen müsst. Sondern dass Gott es mit euch leben möchte. Der Sonntag „Gaudete“ trägt die vorausschauende Energie von Weihnachten im Namen. Kinder kennen das: sie freuen sich auf das näher rückende Weihnachten und die Geschenke und sind oft ganz hibbelig und quirlig vor lauter Vorfreude.

Aber wie ist es mit meiner Vorfreude? Freude kann man ja schließlich nicht verordnen. Außerdem: Freude auf Weihnachten? Gibt es die überhaupt noch? Kommt drauf an, sage ich ehrlich. Wenn ich den äußeren Rahmen anschaue, dann wird das Drumherum manchmal doch etwas viel. Auch der Beruf fordert zum Jahresende hin noch so manches. Da ist es mit der Freude nicht immer so weit her. Andererseits bin ich auch ein erwachsener Mensch und möchte Herrin meines Lebens bleiben in dem, was ich selbst organisieren kann. Deshalb ist es mir schon seit vielen Jahren wichtig, gerade im Advent Zeiten frei zu halten für mich, fürs Briefeschreiben und Lesen und Nachdenken – und für all das, was mir hilft, mich auf Weihnachten vorzubereiten. Und dann freue ich mich tatsächlich auf das, was da kommt.

Nicht der Mensch kommt zu Gott – sondern Gott kommt zum Menschen“, das ist für mich ein leitender Satz geworden. Gott kommt zum Menschen: darauf freue ich mich. Das heißt doch, dass ich selbst gar nicht so viel tun muss. Oder sogar ganz wenig tun muss außer: die Ohren aufmachen und die Augen, und das Herz, um genau das herauszufinden: Wo kommt Gott denn zu mir? Und wie bemerke ich das? Das haben wir überwiegend ja gar nicht so richtig gelernt als Christen. Die meisten haben eher nur gelernt, was wir tun sollen – beten und Gottesdienste besuchen und fromm sein und die Gebote halten und so weiter. Das ist ja alles auch gar nicht falsch. Und weil das in vielen so tief eingewurzelt ist, dass man sich ganz heftig um Gott bemühen müsste, schütteln vielleicht manche auch erst mal den Kopf bei der Aussage, dass Gott zu uns kommt, nicht umgekehrt.  Wie soll das denn geschehen, dass Gott so richtig „zu uns kommt“? Es ist keine Erfindung von mir, sondern das, was Jesus landauf und landab gepredigt hat: die Initiative geht immer zuerst von Gott selbst aus. Gott erwählt seine Menschen. Gott liebt die Menschen und geht ihnen entgegen. Gott hat versprochen: „Ich will, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Und wie wunderschön kann es werden, wenn Menschen sich da auf die Suche machen: Wo geschieht das denn? Wie kann ich das finden?

Das ist vielleicht ungewohnt? Aber eigentlich gar nicht so schwierig. Gerade in diesen Tagen habe ich das erleben dürfen. In einer Gesprächsgruppe hat eine Teilnehmerin gesagt: „Als wir uns vorhin in der Gruppe gegenseitig von unserem Glauben erzählt haben – da wurde es sehr persönlich und sehr dicht - ich bin sicher, das war so ein Moment, wo Gott schon bei uns gewesen ist.“ Und die anderen haben leise und fast andächtig zugestimmt.

Musik 4: Heinrich Schütz, „Tröstet mein Volk“ (CD: Adventsmusik, Figural-Chor Köln, Track 1, 3.36 min).

Im Menschen selbst, in seiner innersten Mitte geschieht das Leben Gottes. Genau da wird der Mensch er selbst, wo er sich als Ort des höchsten und lichtesten Seins weiß“, das schrieb der Jesuit Alfred Delp im Jahr 1944. (A. Delp, Gesammelte Schriften, hrsg. von Roman Bleistein, Frankfurt 1984, Band IV, S. 153)

Diese tiefe Erkenntnis über Advent und den Sonntag Gaudete hat er in  zermürbenden Stunden in der Gestapo-Haft gewonnen, kurz vor seinem gewaltsamen Tod. Und es ist wirklich kaum zu glauben: unter diesen grausigen Umständen schreibt Alfred Delp doch tatsächlich von der großen Freude, die diese Erkenntnis oder besser dieses Erleben auslöst: „Im Menschen selbst… geschieht das Leben Gottes“. Und je mehr ein Mensch das zulässt, desto mehr wird er ein Mensch der großen Freude sein und „wach werden zu sich selbst“ (A. Delp)

Das Leben Gottes geschieht in der innersten Mitte des Menschen - das ist so wunderschön, dass man es kaum fassen kann. Ich staune darüber, kann es kaum begreifen. Die Worte reichen einfach nicht aus. Manche drücken das so aus: in jedem Menschen ist ein Funke Gottes. Oder sie sagen: jeder Mensch ist ein Kind Gottes. Oder: Gott will mit den Menschen eng verbunden sein. Nicht fern, nicht außerhalb, sondern ganz von innen her mit dem Menschen sein. Und wenn das so ist, dann kann der Mensch daraus Kraft schöpfen und aufblühen, auch in schlimmen Wüstenzeiten. Die Gedanken von Alfred Delp helfen dabei, noch mehr davon zu ahnen: Wenn ausgerechnet er in seiner aussichtlosen, zum Sterben verurteilten Lage seinen Gott so tief in sich und bei sich empfunden hat und dadurch mitten in der Verzweiflung sogar etwas wie tiefe Freude finden konnte, dann könnte ich das hier und jetzt in meinem ungleich leichteren Leben auch versuchen.

Am Beispiel von Alfred Delp wird auch ein häufiges Missverständnis deutlich: Diese Freude ist keine krachende Fröhlichkeit. Und durchaus nicht immer zum Lachen. Die Freude an Gott ist meistens ganz anders, sie kommt von innen und manchmal ganz leise als eine Grundmelodie, in der Gott klingt: Hab keine Angst. Du bist aufgehoben. Deine Wüste ist zu Ende. Denn ich bin da.

Und daher: Freut euch!

Musik 5: Johann Sebastian Bach, „Schwingt freudig euch empor“ (Kantate BWV 36, 1. Satz) (CD: J. S. Bach, Kantaten, Gächinger Kantorei Stuttgart, Helmuth Rilling, CD 4, Track 8, maximal 4.33 min / fade out).

 

 

 

 

 

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