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Eine Knochenmarkspende
Pixabay/Darko Stojanovic

Eine Knochenmarkspende

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt
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Ich erinnere mich gern an einen Jungen, der bei mir in den Konfirmanden-Unterricht gegangen ist. Ich nenne ihn hier mal Marius. Ein fröhlicher, aufgeweckter Junge. Ein hervorragender Fußballspieler. Er ist beliebt bei den anderen Jugendlichen. Er hat mich am Tag seiner Konfirmation zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Es ist eine große Runde, bestimmt 30 Menschen sitzen zusammen. Die Eltern sind dabei, sein älterer Bruder, Verwandte und auch ein paar Jungen aus seinem Fußballverein. Marius begrüßt mich und stellt mir einen älteren Herrn vor, den ich nicht zuordnen kann. „Das ist Klaus, mein Lebensretter“, sagt Marius. Mit einem Stück Erdbeerkuchen setze ich mich zu den beiden. Sie erzählen mir ihre Geschichte.

Marius war acht Jahre alt, als er merkte: Mit mir stimmt etwas nicht. Er ist ständig müde, hat keinen Appetit, bekommt schlecht Luft, ihm ist schwindlig. Dann kommt die schreckliche Diagnose: Leukämie. Eine Chemotherapie funktioniert nicht richtig. Was ihm helfen kann, ist eine Knochenmarkspende. Und tatsächlich steht bald ein Spender bereit. Marius wird lange vorher mit Medikamenten auf die Knochenmarkspende vorbereitet. Aber kurz vor der geplanten Operation erkrankt der Spender an einer heftigen Grippe. Zum Glück gibt es aber noch einen zweiten Spender, bei dem die genetische Übereinstimmung passt: Klaus. Der ist gerade im Urlaub auf Mallorca mit seiner Frau. Die beiden zögern keinen Moment, als der Anruf von der Klinik kommt. Sie brechen sofort ihren Urlaub ab und nehmen das nächste Flugzeug nach Frankfurt. Wenige Stunden später liegt Klaus auf dem OP-Tisch, um Knochenmark für Marius zu spenden. Alles verläuft gut. Während Klaus und Marius erzählen, denke ich: „Was für ein Drama mit gutem Ende!“ Und: „Wie toll von Klaus!“

Alle 15 Minuten erhält ein Mensch in Deutschland die Diagnose Blutkrebs. Viele Patienten sind Kinder und Jugendliche. Ihre Chance auf Heilung heute ist eine Stammzellspende. Das geht unkomplizierter als früher die Knochenmarkspende. Bei der musste unter Vollnarkose Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen werden. Die Stammzellspende heute dagegen benötigt nur noch das Blut des Spenders, das vorher besonders präpariert wird. Doch jeder zehnte Patient findet keinen Spender.

Ich frage mich: „Hätte ich dasselbe gemacht wie Klaus?“ Ich weiß es nicht. Immerhin habe ich mich in der Stammzellspenderdatei registrieren lassen.

Ich weiß nicht, wie Klaus und Marius sich nach der Operation kennengelernt haben. Klaus und seine Frau sind jedenfalls bei jedem Familienfest und Geburtstag von Marius dabei. Marius hat sich schon oft bei Klaus persönlich bedankt. Klaus sagt: „Ich habe diesem Jungen ein zweites Leben geschenkt. Das macht mich unglaublich froh. Ich würde es immer wieder tun.“

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