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Demokratische Orte
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Demokratische Orte

Andrea Maschke
Ein Beitrag von

Andrea Maschke,

Pastoralreferentin im Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität, Frankfurt
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Vor einer Weile habe ich in der Sauna eine lustige Szene erlebt: Ein junger Mann kommt kurz vor dem Aufguss in die Saunahütte. Es ist schon ziemlich voll und er schaut sich suchend nach einem freien Platz um. Auf einmal stutzt er und grüßt dann mit einem höflichen „Guten Abend“ eine ältere Dame. Die schaut ihn erstaunt an: „Kennen wir uns?“, fragt sie.“Aber ja“, antwortet er, „ich habe doch letzte Woche ihre Heizung repariert.“„Da sahen Sie aber ganz anders aus“, erwidert die Frau.

Ich muss heute noch grinsen, wenn ich mich dran erinnere, sowie sicher alle, die das mitbekommen haben. Natürlich sah der junge Mann bei der Heizungsreparatur anders aus, in voller Handwerkermontur! Kleider machen eben Leute.

In der Sauna, im Schwimmbad, im Stadion und in vielen Sportvereinen kommen Menschen zusammen, die normalerweise ihre Freizeit nicht miteinander verbringen, die sonst unterschiedliche Freundeskreise haben…. Und vielleicht sogar in ganz unterschiedlichen Welten leben. Ich schätze diese „demokratischen“ Orte, wie ich sie gerne nenne, und würde auch Bahnhöfe und Züge, Supermärkte und Straßenfeste dazu zählen.

Und im besten Fall – und das wünsche ich mir sehr - gehören auch die christlichen Gemeinden dazu. In den verschiedenen Gruppen, Angeboten und Aktionen, nicht zuletzt bei Festen und in den Gottesdiensten, kommen ganz unterschiedliche Menschen zusammen, Männer und Frauen, alte und junge, mit und ohne Migrationshintergrund, mit unterschiedlicher Bildung, und mit mehr oder weniger Geld, ja und wenn ich die Kindergärten und die Einrichtungen der Caritas und Diakonie dazu nehme, sogar Menschen verschiedener Religionen.

Der Apostel Paulus schrieb an die Gemeinden von Galatien vor langer Zeit: „Ihr seid nicht mehr Juden und Griechen, Freie und Sklaven, Mann und Frau, denn ihr seid einer in Jesus Christus.“

Die Gesellschaft war damals auch gespalten, wenn auch ganz anders als heute. Und natürlich blieben die, die das gelesen und gehört haben, weiter Männer und Frauen und wahrscheinlich auch Freie und Sklaven. Aber Paulus erinnert sie an das, was sie eint und zusammen bringt: die Verbundenheit durch Jesus, der sie allesamt begeistert und beeindruckt…. Und er regt damit die Menschen in den Gemeinden an, sich anders, nämlich als Gleichwertige, wahrzunehmen.

Ich glaube, auch unsere Gesellschaft braucht immer wieder solche Erinnerungen: Erinnerungen daran, dass uns neben allen Unterschieden noch viel mehr verbindet, allen vorweg die Menschenwürde. Das Konzept der Menschenwürde und Menschenrechte kannte Paulus damals natürlich noch nicht, als er seine Briefe schrieb, das kam in formulierter Form erst später, mit der Aufklärung. Aber im Alltag reicht es schon, sich dran zu erinnern, dass wir das alle brauchen: die Wärme in kalter Zeit, Orte der Freude und Entspannung, und das Gefühl, in dieser großen Menschheitsfamilie gleichwertig dazuzugehören

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