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Das entstellt Gesicht
Pixabay/joseph_Berardi

Das entstellt Gesicht

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt
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Eine Mutter sitzt mit ihren beiden Söhnen im Eissalon. Der kleinere sitzt im Kinderwagen. Plötzlich dreht sich das Mädchen am nächsten Tisch zu ihnen um. Die beiden kleinen Jungen erschrecken. Das Gesicht des Mädchens ist total entstellt. Die Ohren sind kaum vorhanden, die Nase plattgedrückt, die Augen hängen schief nach unten. Das Mädchen hat eine seltene Gesichtsdeformation. Der Junge im Kinderwagen beginnt zu schreien. Die Mutter zieht ihre beiden Jungen von dem Mädchen mit dem deformierten Gesicht weg. Das macht die Sache nicht besser. Das Mädchen hat die Reaktionen längst mitbekommen. Die Mutter fühlt sich hilflos. Wie soll sie angemessen reagieren?

Die Frau, die das erlebt hat, ist die Schriftstellerin Raquel Palacio. Sie ist die Mutter, die sich nicht anders zu helfen wusste, als ihre Söhne von dem Mädchen wegzuziehen. Diese Situation hat sich bei ihr eingebrannt und ihr den Anstoß gegeben für ihren Roman „Wunder“. Der Roman wurde verfilmt und lief letztes Jahr in den deutschen Kinos.

Auggie Pullmann ist die Hauptfigur. Er ist etwa zehn Jahre alt und soll jetzt zum ersten Mal auf eine normale Schule gehen. Bisher hat ihn seine Mutter unterrichtet. Seit seiner Geburt ist er 27 Mal operiert worden. Nur dadurch kann er überhaupt atmen, schlucken, hören und blinzeln. Auggie erzählt in dem Roman: „Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer!“ Auggie ist die Gesamtsumme der Gefühle und Erfahrungen eines jeden Kindes, das sichtbar anders ist. Mal erzählt Auggie seine Geschichte, mal spricht seine Schwester aus ihrer Perspektive, mal kommen die Klassenkameraden zu Wort. Als Leserin und Zuschauerin habe ich sie alle im Blick. Die Schwester, die den kleinen Bruder beschützen will und gleichzeitig nie genug Aufmerksamkeit der Eltern bekommt. Die Klassenkameraden, die erst nach und nach auf Auggie zugehen können. Und natürlich Auggie selbst, der oft ausgegrenzt wird und sich nach Normalität sehnt.

Ich stelle mir die Frage: Wie reagiere ich auf Menschen, die sichtbar anders sind?
Manchmal ist es gut, die eigene Unsicherheit zu thematisieren und den anderen zu fragen: Darf ich richtig hingucken und neugierige Fragen stellen? Authentisch bleiben, das ist wichtig. Wahrscheinlich gibt es gar kein Rezept, das in jeder Situation richtig ist.

Gut ist es auf jeden Fall nicht nur einmal hinzuschauen, sondern mindestens zweimal. Das zweite Mal mit den Augen Gottes sozusagen, der in jedem Menschen das Besondere und Gute sieht. Auch wenn es manchmal verborgen ist. In der Bibel steht: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. (1.Samuel 16, 7)

Gott kann das natürlich besser als ich, aber ich kann es ja mal üben. Je länger ich in das Gesicht des tapferen kleinen Jungen Auggie im Film schaue, desto weniger kommt es mir ungewöhnlich vor. So sieht Auggie eben aus. Anders. Und ganz besonders.

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