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Paul und die Nacht der Nächte
Bildquelle: Gerd Altmann/Pixabay

Paul und die Nacht der Nächte

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Paul weiß es wie heute. Sein Sohn, sechs Jahre, kommt aus dem Kindergarten und kann ein Wort lesen. Papa, ruft er, ich kann lesen. Und liest SCHO-KO-LA-DE; klar und laut. Paul tut erfreut, klatscht - und schämt sich. Er selber kann nicht lesen. Er mogelt sich so durch. Lesen und schreiben kann er nicht. Wenn es ernst wird, sucht er Hilfe. Beim Freund oder der Mutter seines Sohnes. Sie leben getrennt. Ihr Kind ist mal hier, mal da. Und kann jetzt lesen, jedenfalls ein Wort. SCHOKOLADE.

In der Nacht kann Paul nicht schlafen; er schämt sich, weint ein bisschen. Wie immer in solchen Momenten fällt ihm die Pfarrerin ein - die von damals, der Konfirmation und der Jugendgruppe. Wie die immer gesagt hat: Gott gibt niemanden auf; man darf sich selber aber auch nicht aufgeben. Das fällt ihm ein, mitten in der Nacht, in der Paul sich schämt und weint. Und stolz ist auf seinen Sohn. Und irgendwann aufsteht und ein Bier trinkt und sich sagt: Ich habe noch nie aufgegeben; aber so darf es nicht weitergehen.

Es war seine Nacht der Nächte, sagt Paul heute. Nebenan schlummert sein Sohn; selig, dass er lesen kann. Hier schämt er sich, weil er nicht lesen kann. Und mittendrin Gott und die Pfarrerin, die sagen: Nicht aufgeben. Ich will auch wer sein, sagt sich Paul. Gott soll stolz sein auf mich. Paul braucht noch ein paar Tage. Dann belegt er einen Kurs. Es werden harte Monate. Aber er schafft es. Man muss sich ‘was zutrauen, sagt Paul. Und ist selig. Jedesmal wieder, wenn er das Wort SCHOKOLADE liest.

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