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hr4 Gottesdienst an Pfingstmontag aus Ober-Ramstadt
Medienhaus der EKHN/Kohlhepp

hr4 Gottesdienst an Pfingstmontag aus Ober-Ramstadt

Vera Langner
Ein Beitrag von

Vera Langner,

Evangelische Pfarrerin, Ober-Ramstadt

hr4 Gottesdienstübertragung an Pfingstmontag aus der Evangelischen Kirche in Ober-Ramstadt
„Neues wagen – Grenzen überwinden“

Den Gottesdienst können Sie hier nachhören.

Liturgie + Predigt: Pfarrerin Vera Langner
Moderation und Lesung: hr4 Moderator Hermann Hillebrand
Liturgische Mitwirkung: Astrid Würz, Helge Dillmann, Karin Otto
Musik: Bläserensemble Contrapunctus unter der Leitung von Uwe Krause, Oratorienchor Bergstraße  unter der Leitung von Konja Voll, Gerlinde Fricke (Orgel) 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, der da war und der da ist und der da kommt. Amen.

Es gibt in unserem Leben Zeiten voller Fragezeichen. Wenn wir nicht wissen, was kommen wird. Wenn wir warten müssen, warten auf erlösende Nachrichten. Auch an Pfingsten 2019 mag das für viele Menschen so sein, dass sie persönlich auf eine gute Nachricht warten oder darauf, dass sich ihre ganze Lage zum Guten wendet.

Damals am ersten Pfingsten in Jerusalem war das auch so, liebe Gemeinde. Die Gefährten von Jesus hatten immer gerne zugehört, wenn Jesus mit ihnen sprach. Der Klang seiner Stimme berührte das Herz. Seine Geschichten waren anschaulich. Wie er das Himmelreich beschrieb, das war alles so leicht zu verstehen und doch auch ganz großartig und wunderbar, so als wäre das Himmelreich schon hier und jetzt spürbar. Jesus sprach ihre Muttersprache.
Aber nun war er von ihnen gegangen. Sie hatten zum Abschied noch einmal zusammen gegessen und er hatte gesagt: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein bis an die Enden der Erde.“ Aber dann sahen sie ihn nicht mehr. Seine vertraute Stimme schwieg. Sie warteten auf das, was kommen sollte, ohne zu wissen, was es sein könnte.

Sie waren alle gemeinsam an einem Ort, die Gefährten von Jesus und seine Brüder und Maria, ihre Mutter. In der Bibel heißt es: Alle verharrten dort einmütig im Gebet. Ich stelle mir vor, dass sie in Gedanken bei Jesus waren, dem Freund, dem Kind, dem Bruder, mit dem sie so Unglaubliches erlebt hatten. Wie aber sollte es jetzt weitergehen, wo er weg war? Ohne ihn konnten sie nichts anderes tun als warten und beten.

Es gibt solche Zeiten voller Fragezeichen, liebe Gemeinde. Wir wissen nicht, was kommen wird. Warten ist angesagt, abwarten, ohne zu wissen, wie lange und warum.

Wer einen geliebten Menschen verloren hat, erlebt solche Zeiten in der Trauer. Wer einen Unfall hatte, eine schwere Krankheit, eine Lebenskrise durchleben muss, kennt dieses Warten: Wo ist Hilfe? Wie soll es weitergehen? Wann kommt endlich Gottes Kraft?

Wie gut, dann nicht allein zu sein mit diesen Gedanken und Fragen. Wie gut, mit Menschen zusammen zu sein, die mein Schicksal teilen, einfach da sind, mit mir aushalten und bleiben, wo auch ich bin.

Musik: Motette von Thomas Tallis

Lesung: Pfingstgeschichte aus dem zweiten Kapitel der Apostelgeschichte der Bibel.

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.
Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.  Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer?  Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.
Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?  Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.


So fing es damals an mit der Kirche. Und so fängt es unter uns immer wieder an: Dass wir verwandelt werden, begeistert und voller Zuversicht herausfinden aus der Enge trauriger Tage und Stunden. Das wird nicht immer gleich verstanden.

Damals, an Pfingsten, waren einige der Menschen auf der Straße sogar entsetzt über das, was sie da erlebten. Einige versuchen, das schnell einzuordnen in alte Denkmuster. Sie spotten: Die sind ja betrunken. Aber Alkohol war nicht im Spiel an diesem Pfingstmorgen. Petrus, dieser besondere Freund von Jesus, erklärt das Phänomen. Es ist Gottes Geistkraft, die an diesem Morgen die Geburtsstunde der Kirche einleitet. Diese Geistkraft wirkt im Sinne Gottes mit der gleichen Liebe, die schon in Jesus sichtbar und spürbar war. Diese Liebe Gottes gilt für alle Menschen in der ganzen Welt. Deshalb verstehen alle die Worte in ihrer jeweiligen Muttersprache. Diese Liebe überwindet Grenzen. Egal, wo die Leute herkommen und welche Sprache sie sprechen, alle können verstehen: Ich bin persönlich gemeint mit dieser Botschaft.
Petrus erzählte dann den Leuten in Jerusalem von Jesus, der gestorben war am Kreuz wie ein Verbrecher, aber nicht im Tod blieb, sondern auferweckt wurde.

Diese wunderbare Botschaft war der Grund dafür, dass nun dieser Aufbruch passierte. Die Leute spürten: Eine neue Zeit ist angebrochen. Nichts muss mehr so bleiben, wie es war. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Das verändert alles.
Gottes Geistkraft macht aus einfachen Leuten großartige Botschafterinnen und Botschafter für eine neue Welt mit ungeahnter Lebensfreude.
Pfingsten ist mehr als Reden, Hören und Verstehen. Alle, die das erlebt hatten, fragen nun: Was sollen wir tun?

Ich finde das bemerkenswert. Kirche entsteht da, wo Menschen auf Gottes Wort hören, es verstehen und danach handeln. Viele Lieder rufen nach dieser Kraft: „Komm, Gott Schöpfer Heilger Geist“

Musik: Komm, Gott Schöpfer Heiliger Geist

Was sollen wir also tun, liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer, mit dieser Geistkraft? Auch heute gibt es viel zu tun in der Kirche, vor Ort im Dorf, in der Stadt, in der Gesellschaft.

Überall werden Ehrenamtliche gesucht, die mithelfen und mitwirken und mitgestalten.
Wer heute in die Kirche kommt oder bei sich vor Ort fragt: „Was kann ich tun?“, der wird erleben, dass er oder sie gebraucht wird. Und dann ist es wichtig, den richtigen Bereich zu finden, wo die persönlichen Begabungen eingesetzt werden können zum Wohl für andere, zur eigenen Freude und auch zur Ehre Gottes. Menschen aus unserer Kirchengemeinde haben davon eben schon erzählt.

Beim ersten Pfingstfest damals in Jerusalem aber hörten die Menschen eine ganz andere Antwort auf ihre Frage: Was sollen wir tun? Petrus antwortete ihnen: Tut Buße. Kehrt um zu Gott. Ändert euer Leben im Sinne Gottes und dann lasst euch taufen auf den Namen von Jesus Christus. Erlöst und erleichtert werdet ihr dann ganz neu leben. So fing es damals an.
Die Bibel spricht von 3000 Menschen, die sich an diesem Tag taufen ließen und zu einer Gemeinschaft wurden. Sie teilten im Geist Jesu alles miteinander.

Die zukünftige Welt Gottes konnte schon gegenwärtig erfahrbar werden, weil Menschen so miteinander im Kontakt waren, dass alle gut und in Frieden leben konnten. Obwohl sie ganz verschieden waren.

Ich glaube, solche Erfahrungen brauchen wir heute auch wieder ganz dringend. Menschen, die sich nicht hinter nationalen oder religiösen Grenzen verschanzen, sondern mit anderen nach Lösungen suchen in Konflikten. Der erste Schritt kann eine gemeinsame Mahlzeit sein.
Das erlebten geflüchtete Menschen und Einheimische vor drei Jahren bei uns in Ober-Ramstadt auch so. Wir haben gekocht mit Rezepten aus aller Welt, wir haben gemeinsam gegessen und gefeiert.

Auch beim ersten Pfingsten damals erkannte man die neue Gemeinschaft daran: Sie feierten mit Freude zusammen ihre Mahlzeiten. Sie trafen sich in ihren Häusern, denn Kirchen gab es noch keine. Und dann teilten sie in Erinnerung an Jesus Brot und Wein miteinander. Das tat ihnen gut. Dabei fanden sie Trost.

Dieser Geist der Liebe Jesu weht bis heute unter uns. Er weht nicht nur innerhalb der Kirchen. Er lockt Menschen bis heute auch immer wieder auf die Straße, lockt sie aus ihren Häusern heraus, begeistert für neue Projekte und Ideen. So, wie es mir eine Bekannte erzählte:
„Ich wohne jetzt in einem Neubaugebiet, Jahr für Jahr wird dort ein Straßenzug nach dem anderen bezogen. Die Bewohner des ersten Straßenzuges organisieren dort jedes Jahr ein Straßenfest. Da treffen dann alte und neue Bewohner zusammen. Neue Kontakte entstehen und Nachbarschaftshilfe wird organisiert. Eine der Frauen dort hat schon immer gerne gekocht. Jetzt ist sie im Ruhestand und kocht einmal in der Woche für alle, die gerne zum Essen kommen. Alleinstehende, junge Familien und Berufstätige melden sich vorher an und treffen sich um 18.00 Uhr bei dieser Frau zum gemeinsamen Essen. Sie hat den Platz dafür. Sie sagt: Ich bin dankbar. Es herrscht eine wunderbare Atmosphäre in diesem Wohngebiet, die uns allen gut tut.“

Was können wir also tun?
An Pfingsten wird klar: Keiner und keine muss alleine selig werden. Wir können uns freuen: Gottes Geistkraft bewegt uns. Wir können aufeinander zugehen, Grenzen überwinden und Neues wagen - miteinander.

Und der Frieden Gottes, der unser Denken himmelweit übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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