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Du sollst nicht lästern. Auch nicht digital.
picture alliance/Westend61Robert Niedring

Du sollst nicht lästern. Auch nicht digital.

Ksenija Auksutat
Ein Beitrag von

Ksenija Auksutat,

Evangelische Pfarrerin, Stockstadt
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Der Junge macht gern mit beim Kindergottesdienst. Er ist zehn Jahre alt und normalerweise meldet er sich gleich, wenn es was zu lesen, spielen oder basteln gibt. Doch vor ein paar Wochen hat er sich ausgeklinkt. Ausgerechnet beim Krippenspiel. Dabei hatte er große Lust gehabt, mitzumachen. Wegen Corona hatten wir das Krippenspiel so geplant: Ohne Gemeinde und Zuschauer haben wir es in der leeren Kirche gefilmt und dann ins Netz gestellt. Damit sich das alle zuhause anschauen können.

Angst vor Mobbing beim Krippenspiel

Doch der Zehnjährige hatte rumgedruckst und mir gesagt: "Weißt du, die anderen Jungs nehmen dann Bilder raus aus dem Video, auf denen sie mich erkennen. Und machen dann so komische Zeichnungen draus, man nennt das 'Sticker'. Das will ich nicht." Boa, hab‘ ich gedacht: Da ist das Thema wieder, was mich aufregt, jetzt auch im Kindergottesdienst: Cybermobbing. So nennt man die üble Nachrede, Lästern und Schlimmeres, im Internet. Das reicht von derben Scherzen bis zu richtigen Untaten und sogar Straftaten, um jemanden lächerlich zu machen und zu schaden. Ich dachte: Gut, dass der Junge sich so schützt. Aber ich spürte, wie traurig er war, dass er deshalb nicht mitmachen konnte.

Üble Nachrede im Netz

Lästern und üble Nachrede gab’s zwar schon immer. Sie betrifft Erwachsene und Kinder. Doch im Netz sind sie besonders schlimm. Ich finde: Da müssen wir alle ran, um dem was entgegenzusetzen. In der Schule, bei der Arbeit und im Freundes- und Bekanntenkreis. Was kann ich beitragen? Ich kann auf altes Wissen zurückgreifen und es weitergeben. Auf die Bibel. Da gibt es Weisung für ein gutes Leben. Denn Konflikte gab es schon immer.

Das achte Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden

Die Zehn Gebote in der Bibel benennen darum, womit Menschen anderen schaden. Die Gebote sind da, damit Gemeinschaft nicht zerbricht. Damit Leben und Grenzen der anderen geschützt werden. Mir geht’s heute um das achte Gebot. Das heißt: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Also: Du sollst andere nicht bloßstellen und lästern. Egal wo. Nach der Musik geht’s darum, warum das Gebot wichtig ist, gerade jetzt.

Seit Corona noch mehr unterwegs im Netz

Du sollst andere nicht schädigen durch schlechtes Reden und Lästern. Das ist grade zu Corona-Zeiten wichtig. Und auch danach. Digitale Welten bleiben ja und wachsen noch, in den Betrieben, in den Schulen. Die meisten Kinder haben inzwischen eigene Smartphones, sogar viele Grundschulkinder. Sie können dadurch online unterwegs sein. Freundschaften werden digital gepflegt. Geht ja oft nicht mehr anders.

Früher Schulweg, heute Chat

Früher hab‘ ich mich jeden Morgen darauf gefreut, meine beste Freundin zu treffen. Den halben Schulweg sind wir zu zweit gelaufen, später mit dem Zug in die Nachbarstadt zur Schule gefahren. Diese gemeinsame Zeit entfällt, wenn Kinder sich nicht auf dem Schulweg und im Klassenzimmer treffen. Was wegfällt, sind auch die Blödeleien zwischendurch, das Abschreiben von vergessenen Hausaufgaben im Schulbus und die Rangeleien auf dem Pausenhof.

Zum Glück kann man sich im Netz treffen

Mir erzählen Kinder: Es ist für sie meistens gut, dass sie sich jetzt im Netz treffen. Stundenlang telefonieren und chatten war ja schon vor Corona beliebt. Das hilft vielen durch die Zeit mit den Kontaktbeschränkungen.

Streit und Abgrenzung digital

Aber es gibt auch Abgrenzung. Da gibt es die coolen Jungs oder die taffen Mädels, die zu Wortführer*innen werden. Und die dann bestimmen, wer dazugehört und wer nicht. Und dann das Thema Streit. Davon höre ich als Pfarrerin im Religionsunterricht von fast jedem Jugendlichen und Kind. Mich berührt das. Auch weil die Zahl der Betroffenen in den letzten Jahren angestiegen ist um mehr als ein Drittel. Jedes sechste Schulkind hat damit zu tun. Corona hat das noch verstärkt. Drei Beispiele:

Du darst nicht mitmachen

Ein Mädchen aus der Grundschule erzählt mir, sie wird nicht in die WhatsApp-Gruppe der anderen Mädchen aufgenommen. Du darfst nicht mitspielen. Du gehörst nicht dazu. Das gab es schon immer, doch es geht inzwischen mit einem Klick. Man muss es nicht mehr ins Gesicht sagen.

Schulhofprügelei als Youtube-Film

Oder das: Auf Instagram kursieren Bilder von einer Schulhof-Schlägerei, die einer gefilmt und ins Netz gestellt hat. Die Zuschauer amüsieren sich über die, die am Boden liegen, wieder und wieder.

Die Privatsphäre verletzen ist kriminell

Das dritte Beispiel ist auf jeden Fall kriminell: Jemand macht heimlich Fotos von einer Mitschülerin auf der Toilette und schickt sie anderen weiter.

Die Täter*innen bleiben oft anonym

Die Täter sind stolz, wenn ihre Posts von möglichst vielen angeschaut, geteilt und weiterverbreitet werden. Das stärkt ihre Machtgefühle. Besonders gemein ist, wo Täter anonym agieren können. Die Täter wiegen sich so in Sicherheit. Die Opfer solcher Attacken sind oft allein mit ihren Tränen. Sie fühlen sich hilflos und ohnmächtig. Was kann sie schützen?

Regeln sind da, um zu schützen

Regeln gibt es vor allem, um Schwächere zu schützen. Beim Sport lernen Kinder, dass man auch im Wettkampf fair sein muss. Es gibt Regeln, die lernt jedes Kind auf dem Fußballplatz: Wenn jemand auf dem Boden liegt, darf man nicht mehr nachtreten. Und auch Verlierer haben Achtung und Respekt verdient. Alles wichtig, auch für Erwachsene. Aber was ist, wenn Rangeleien und Auseinandersetzungen ins Internet verlagert werden? Manche versuchen gerade in den sogenannten sozialen Netzwerken, Macht über andere auszuüben.

So läuft es gut im digitalen Raum

In vielen Schulen gibt es inzwischen Regeln für den Umgang miteinander im virtuellen Raum. Schülerinnen und Schüler sollen sich zunächst einmal selbst schützen. Das bedeutet, so wenig wie möglich von sich im Internet preisgeben. So wenig Fotos und Filme wie möglich verbreiten. Und nicht alles im Netz kommentieren. Darüber hinaus sollen sie sich gegenseitig schützen. Gemeine Kommentare und demütigende Bilder und Videos sollen sie gar nicht erst anschauen, sondern löschen. Solche Bilder oder Chatverläufe auch nicht weiterverbreiten.

Hier finde ich Hilfe

Und schließlich: Sie können sich Hilfe holen bei Erwachsenen. Zu einer Vertrauenslehrkraft gehen und besprechen, was man tun kann. Mobbing im Internet ist kein dummer-Jungs-oder Mädchen-Streich. Es gibt strafrechtliche Regelungen, wenn andere in ihren Rechten verletzt werden. Beraten können spezielle Einrichtungen oder die Polizei.

Was Eltern tun können

Und noch etwas haben mir Kinder berichtet. Sie möchten ihren Eltern davon erzählen. Kinder wünschen sich, dass ihre Eltern sie unterstützen, ihnen beistehen. Eltern sollten darum hinschauen, was ihr Kind im Internet tut. Viele Eltern wissen nicht, was ihre Kinder da erleben. Und halten ihre Kinder sogar für Internetprofis. Das ist aber nicht der Fall, wenn es um solche Konflikte geht. Wenn Kinder von solchen Vorfällen erzählen, sollten die Erwachsenen Cybermobbing nicht als Scherz abtun, sondern immer wieder nachfragen, Sachen zusammen anschauen und darüber reden: Was geschieht da? Warum lacht man über solche Bilder oder Filme? Wie geht es dem, der hier bloßgestellt wird? Nur in einem Raum von Vertrauen sprechen Kinder von ihren Erlebnissen und Erfahrungen.

Vertrauens-Raum Religionsunterricht

Auch im Reli-Unterricht kann ein solcher Vertrauens-Raum entstehen. Da sprechen wir über das achte Gebot in der Bibel: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Aus diesem Gebot haben die Kinder selbst Regeln erarbeitet, wie sie miteinander im Netz umgehen wollen. 

Ich hatte von dem Jungen erzählt, der beim Krippenspiel-Film nicht mitmachen wollte, weil er hässliche Kommentare im Netz gefürchtet hat. Ganz ausschließen können diese Regeln so was leider nicht. Aber ich hoffe für ihn und für andere: Durch Regeln und Einsicht wird das weniger in Zukunft.

Das Gebot, nicht schlecht über andere zu reden, ist Gott so wichtig, dass es gleich neunmal in der Bibel steht. Auch Jesus zählt dieses Gebot auf, als er gefragt wird, welche Regeln man unbedingt einhalten muss (Matthäusevangelium 19, 18). Heute würde Jesus es vielleicht so sagen: Du sollst nicht lästern und nicht über andere Leute herziehen. Auch nicht im Internet.

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