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Das Mädchen mit den Sommerblumen
Bild: Thinh Nguyen_Gia_Pixabay

Das Mädchen mit den Sommerblumen

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Ein schönes Bild ist das in der Straßenbahn. Mir gegenüber sitzen eine Mama und ihre kleine Tochter. Beide sind fein gekleidet. Das Kind, vielleicht sechs Jahre alt, hat ein Hütchen auf und einen leichten Mantel an. In den Händen hält es einen Blumenstrauß. Sommerblumen. Ganz fest hält sie die Blumen. Fast feierlich. Wir sehen uns an. Dann frage ich Sie: Wer bekommt denn Deine schönen Blumen? Sie sagt: Meine Oma. Und ich frage natürlich: Hat Deine Oma Geburtstag? Nein, sagt das Mädchen, sie ist auf dem Friedhof. Aber ich habe sie lieb.

Ich schaue sie an, vermutlich erstaunt, gerührt. Das Kind hält die Blumen immer weiter feierlich und kerzengerade. Sie weiß, was sie tut. Die Oma soll frische Blumen bekommen, als ginge man in ihr Wohnzimmer. Die Oma soll weiter dazugehören, weil sie doch geliebt wird. Liebe ist stark wie der Tod. Schon bei dem kleinen Mädchen. Und ich erinnere mich, wie das war, als meine Oma starb. Da sagte man mir: Die Oma ist jetzt ein Stern am Himmel. Manchmal habe ich abends nach oben geschaut und mir einen Stern ausgesucht, der meine Oma sein sollte.

Kinder wollen nicht, dass liebe Menschen weggehen; einfach weggehen und nicht wiederkommen. Da hilft ein Stern. Da helfen Blumen auf dem Grab. Und dass man da zur Oma sprechen kann. Auch ein Kind kann das. Und löst sich immer ein bisschen mehr von der Oma. Aber nicht von der Liebe. Die bleibt. Bis Gott uns einander wiedergibt. Darauf freue ich mich schon. Das Kind bestimmt auch.

 

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