Beitrag anhören:
So geht Liebe
Bildquelle: Gerd Altmann/Pixabay

So geht Liebe

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
Beitrag anhören:

Manchmal ist Liebe so einfach. Wie bei James in Amerika. Der ist Hausmeister an einer Schule, seit fünfzehn Jahren macht er das schon. Und er ist gehörlos. „Mr. James“ nennen ihn die Schüler, weil er beliebt ist, weil er sich einsetzt für gutes Benehmen und gute Manieren. Die bringt er den Schülern bei mit kleinen Zeichen seiner Hände und seines Gesichts. Die Schüler danken es ihm. Mit einfacher, aber einzigartiger Liebe. Er wurde nämlich sechzig Jahre alt vor ein paar Wochen. Die Schüler haben lange überlegt, was sie ihm schenken könnten. Dann hatte jemand eine große Idee. Die Schüler üben es ein, wenn Mr. James mal nicht da ist.

Am Geburtstag ist ein kleines Fest in der Schule. Alle gratulieren Mr. James. Wie das so ist. Dann aber wird alles anders. Die Schüler stellen sich an eine Wand des Raumes. Mr. James schaut zu und ahnt nichts. Was dann aber geschieht, rührt ihn zu Tränen. Die Schüler haben in wochenlanger Arbeit das Lied „Happy Birthday“ eingeübt - in Gebärdensprache. Sie stehen an der Wand und „singen“ mit Händen dieses Lied. Mr. James schlägt vor Glück die Hände über dem Kopf zusammen, will gar nicht weinen, weint aber doch. Als er wieder Worte findet, sagt er: Ich war so bewegt; es war wunderbar, was die Kinder für mich getan haben.

Manchmal ist Liebe so einfach. Man schenkt dann nicht irgendwas und auch nichts Teures. Man überlegt erst einmal, fühlt sich ein: Was macht denn wirklich Freude? Was zeigt am besten meine Liebe? Dann fängt man ein paar Tage früher an, nicht auf den letzten Drücker, sinnt dem Leben des anderen nach und versucht zu spüren, was froh macht. Das ist oft nichts Großes. Dafür aber herzlich. Von Herz zu Herz sozusagen. Dafür braucht es nicht viel, aber Herz und ein wenig Zeit. So geht Liebe. So klein wie wertvoll. Dazu das Einfühlen in die Ängste und Freuden anderer. Und dass andere auch nur Menschen sind, Kinder Gottes wie ich. Ob sie krank sind oder gesund, arm oder reich, behindert oder nicht: wie ich sind sie Kinder des großen Gottes und warten auf Liebe. Ja, das ist so. Und wer das weiß, kommt ihnen näher. Manchmal bis zur Rührung nah. Das ist dann Liebe, wie sie Gott gefällt.

Weitere ThemenDas könnte Sie auch interessieren