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Good morning, brother
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Good morning, brother

Daniel Lenski
Ein Beitrag von

Daniel Lenski,

Evangelischer Pfarrer, Königstein-Falkenstein
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„Good morning, brother“. Mir fehlen Erics morgendlicher Gruß und sein kräftiger Handschlag. Als ich in New York gearbeitet hab‘, da stand der 50-Jährige jeden Morgen am Ausgang meiner Subway-Station und grüßte mit seinem lauten „Guten Morgen“ die Menschen.
Erics Job ist es, jeden Tag kostenlose Zeitungen zu verteilen. Aber tatsächlich tut er jeden Morgen weit mehr als das. Den müden Passanten begegnet er die Woche hindurch mit einem aufmunternden Lächeln, einem Klopfen auf die Schulter oder einem Wunsch für den Tag. Ich habe ihn dafür bewundert, wie er durch seinen morgendlichen Gruß und wenige Worte vielen Menschen genau das mitgibt, was sie gerade brauchen. Häufig bleiben ein oder zwei Personen an seiner Seite stehen, um mit ihm ein paar Sätze zu wechseln.
Nicht nur für mich ist Eric Motivator, Seelsorger und Zeitungsverteiler in einem. „Wir haben Dich vermisst“, meinte eine Frau zu ihm, nachdem Eric wegen Knieproblemen zwei Tage lang gefehlt hatte. Der Afroamerikaner antwortete lächelnd: „Mach Dir keine Sorgen, Gott hat mir wieder aufgeholfen“.
Mit der Zeit lernte ich Eric besser kennen. Irgendwann aßen wir einmal zusammen zu Mittag. Er erzählte mir, dass er einer Baptistengemeinde angehört. Seinen Glauben begreift er als Quelle dafür, dass er den Menschen morgens so viel Zuspruch mitgeben kann. Mit seiner Arbeit am Ausgang der U-Bahn versteht sich Eric als Werkzeug Gottes. Die morgendlichen Begegnungen nimmt er als Möglichkeit wahr, mit den Menschen über Gott ins Gespräch zu kommen.
„Weißt Du, Bruder“, meinte er einmal zu mir, „mein Glaube an Jesus gibt mir Hoffnung. Das ist nicht bei allen Menschen so. Für manche ist der Glaube wie eine Jacke, die man sonntags an- und auszieht. Aber er soll doch wie eine Haut sein, die einen immer umgibt: Bei Sonne wie bei Regen.“ Und auch der Regen kam in Erics Leben nicht zu knapp: Später habe ich erfahren, dass Eric mit seiner Scheidung und finanziellen Nöten zu kämpfen hat. Wie er sich täglich um die Zukunft seiner Kinder Gedanken macht. Wenn er sich morgens Zeit für andere Menschen nahm, ließ er sich diese Sorgen kaum anmerken. Erst in ruhigen Momenten berichtete er mir, wie ihm sein Glauben an Gott auch in den dunklen Zeiten seines Lebens Halt gibt.

Wie ist das bei mir? Auch ich sage von mir: Der Glaube an Gott trägt mich durchs Leben. Aber nehmen das meine Mitmenschen im Alltag auch wahr? Strahle ich tatsächlich die Freude und Zufriedenheit aus, die ich meistens in mir spüre? Spreche ich über diese tiefe Hoffnung, die mir Sicherheit gibt? Ich muss zugeben: Nicht so oft und so klar wie Eric. Natürlich, ich weiß: In den USA sprechen Menschen häufiger über ihren persönlichen Glauben in der Öffentlichkeit. Und gewiss ist mein Glaube auch anders als der von Eric. Und doch bleibt sein morgendlicher Gruß für mich eine positive Herausforderung. Seine zugewandte Art und sein fester Händedruck zeigen mir: Wo ich Menschen auch immer begegne: Es ist nicht schwer, ihnen ein Lächeln zu schenken und etwas von meiner Freude und Zuversicht weiterzugeben.  

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