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Ohne Bedingung und Einschränkung
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Ohne Bedingung und Einschränkung

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Morgens steht die Polizei vor seiner Tür. Nicht die gute, sondern die böse Polizei. Gestapo, die Geheime Staatspolizei. Sie erledigt die schmutzigen Geschäfte des Dritten Reichs, jenseits des Rechts. Und verhaftet Dietrich Bonhoeffer heute vor fünfundsiebzig Jahren. Sie finden aber nichts, weswegen sie ihn anklagen könnten. Im Gefängnis bleibt er trotzdem. Erst nach dem Attentat gegen Hitler ein Jahr danach werden Pläne aufgedeckt und Gefangene angeklagt. Auch der frisch verlobte Dietrich Bonhoeffer. Er wird nach Flossenbürg geschafft und dort 1945 hingerichtet. Recht und Gesetz spielte keine Rolle damals. Bonhoeffer konnte sich nicht wehren.

Aber glauben konnte er. In Bildern und Worten, die heute noch die Seele streicheln: Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag. So dichtet, nein: so glaubt er es fest. Er sitzt nicht am Strand in der Sonne, als er das dichtet; er sitzt in einer Gefängniszelle, klein und düster. Er dichtet auch nicht: Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, er dichtet: Gott ist bei uns. Das kleine Wort ist ein großer Unterschied. Mit uns heißt, dass er irgendwo ist. Bei uns heißt, dass er in der Zelle neben dem Gefangenen ist. Oder auf der Krankenstation. Im Haus, in dem gestritten wird. Bei den Schuldigen und Verfolgten; bei den mit den verwirrten Sinnen. Gott ist da, bei uns. Ohne Bedingung und ohne Einschränkung.

Das dürfen wir glauben, nicht nur bei Sonnenschein am Strand oder beim Leuchten der Berge. Nicht nur, wenn uns die Liebe und das Leben Spaß machen. Auch sonst dürfen wir das glauben. Wir müssen es ja nicht erfinden, wir trauen einem Menschen aus Fleisch und Blut: Dietrich Bonhoeffer, meist allein in seiner Zelle. Wenn er das schreibt, hat es Hand und Fuß, buchstäblich. Wenn Paulus schreibt, dass uns alle Dinge zum Besten dienen werden, dürfen wir das glauben. Wir müssen nicht, aber wir dürfen. Und legen uns in die Worte hinein wie in ein Nest. Jeden neuen Tag. Was immer er bringt, schmerzhaft oder heiter, versöhnt mit der Welt oder am Zerbrechen: Gott ist bei uns. Ohne Bedingung und Einschränkung.

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