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Das Maß der Dinge
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Das Maß der Dinge

Dr. Peter-Felix Ruelius
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Dr. Peter-Felix Ruelius,

Leiter ZB Christliche Unternehmenskultur & Ethik bei der BBT-Gruppe, Koblenz
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Eine Schullektüre vor vielen Jahren: Heinrich Bölls Erzählung: „Die Waage der Baleks“. Die Bewohner des Dorfes sammeln alles, was die Natur hergibt, Kräuter und Pilze. Hauptsammler sind die Kinder. Sie liefern alles der Herrschaft des Dorfes, der Familie Balek ab. Dort wird mit einer großen Waage alles abgewogen und nach festgesetzten Preisen bezahlt. Die Waage der Baleks ist die einzige weit und breit. Niemand sonst darf eine haben. Zufällig entdeckt ein Junge, dass etwas nicht stimmt, dass die Waage der Baleks zu wenig anzeigt. Möglich wird diese Entdeckung nur, weil es in einem entfernten Ort einen Apotheker gibt, der auch eine Waage besitzt, diesmal eine korrekte und zuverlässige. In der Geschichte wird diese Waage zum Maßstab, zum Zeugen für die Ungerechtigkeit. Fünfundfünfzig Gramm fehlen tatsächlich bei jedem halben Kilo, das die Waage der Baleks anzeigt. Und der Junge rechnet nach, und alle im Dorf rechnen nach, wie viel ihnen die herrschaftliche Familie über die Jahre schuldig geblieben ist. So erzählt es Heinrich Böll.

Überprüfen, was richtig ist. Eindeutige Maßstäbe haben für das Richtige. Was die Gewichte angeht, hatte man während der letzten 130 Jahre das tatsächliche und wirkliche Maß: das Ur-Kilogramm, den Maßstab für jedes Gewicht auf der Welt. Seit einigen Wochen hat es nun ausgedient. Eine etwas komplizierte Definition ist an seine Stelle getreten, die ist noch zuverlässiger und sicherer als das greifbare Ur-Kilogramm.

Gibt es so etwas wie ein Ur-Kilogramm für das menschliche Verhalten? Manche sagen, wir besitzen es in der Menschenwürde. Der Gedanke gefällt mir. Zwar ist die Menschenwürde nicht so greifbar wie das Ur-Kilogramm. Und die Menschenwürde zu formulieren hindert niemanden daran, sie zu verletzen. In der Beschreibung der Menschenwürde wird die Menschheit allerdings immer genauer. Vielleicht dauert es noch, bis die Menschen weltweit sich endlich darauf einigen, was die Menschenwürde ist und wie sie ein eindeutiger Maßstab sein kann. Aber wer weiß: Warum sollte, was der Physik gelungen ist, nicht auch dem Bemühen der Menschen um das gute Leben irgendwann gelingen?

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