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ABBA: "I wonder"
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ABBA: "I wonder"

Ksenija Auksutat
Ein Beitrag von

Ksenija Auksutat,

Evangelische Pfarrerin, Stockstadt
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hr1 Sonntagsgedanken-Sommerreihe "Mit Popsongs auf Sinnsuche: Aufbruch"

Manchmal muss man für einen Neuaufbruch etwas Altes hinter sich lassen.
Wie bei einem Schmetterling. Jetzt im Sommer fliegen diese bunten, schönen Falter durch die sonnige Luft. Wenn sich ein Schmetterling für einen Augenblick niederlässt, kann man ihn beobachten. So leicht und zart sind die farbigen Flügel.

Kaum zu glauben: Er war vorher eine unscheinbare grüne Raupe. Da hat sich was gewandelt: Vom Krabbeln zum Fliegen. Langsam und schwer ist die Raupe, leicht und schnell der Schmetterling. Der Übergang ist eine eigene Zeit. Die Verpuppung. Da reift der Wandel. Die alte Hülle bleibt zurück.

Manchmal gibt’s das auch beim Menschen: So ein Wunsch, sich zu verändern. Was schwer ist oder beengend und man nicht mehr man selbst ist. Von so einem Aufbruch erzählt ein Lied von Abba. Es heißt:„I wonder“, das heißt so viel wie: Ich frage mich, ich will es wissen. 

„Der Park und diese Häuser, alte Straßen auf denen ich ging, all' das Schöne - wird es hier sein eines Tages, wenn ich zurückkomme? Meine Freunde wollen heiraten, Kinder und ein Zuhause haben. Es klingt so nett, gut geplant und weise, keine Überraschungen zu erwarten.“

Eine junge Frau wird fortgehen. Und dieser Aufbruch wird keine Urlaubsreise. Sie geht auch nicht für ein Praktikum oder so was weg. Sondern sie nimmt Abschied für lange. Denn sie stellt sich vor, wie in der Zwischenzeit ihre Freunde ein ganz normales Leben führen. Arbeiten, Familie haben. Da, wo man aufgewachsen ist und die anderen sind, die man schon immer kennt. Viele Erinnerungen ruft sie noch einmal wach:

„Meine Freunde und meine Familie, diese langweilige kleine Stadt, Busse die ich verpasst habe, Jungs die ich geküsst habe - alles alt und vertraut.“

Das klingt ganz romantisch, begleitet von Klavier- und Harfenklängen. Doch die junge Frau fängt an zu zweifeln. Für sie ist es ein Nachteil, wenn „keine Überraschungen zu erwarten“ sind. Sie sehnt sich nach etwas Neuem, das hört man deutlich heraus.

Der Song entstand 1977. Abba haben es damals auf ihrer Tournee zum Abschluss jedes Konzerts gesungen.

Ich denke zurück an diese Zeit, die bunten, poppigen siebziger Jahre, auch in Deutschland. Aber das war eben nur die eine Seite. Gerade für viele Frauen war es noch eine enge, traditionell geprägte Welt. Bis Mitte der siebziger Jahre war zum Beispiel die Aufgabenteilung in der Ehe noch gesetzlich vorgeschrieben: Der Mann musste das Geld verdienen und die Frau musste den Haushalt und die Kinder versorgen.

Es gibt zu jeder Zeit Menschen, die spüren: Sie wollen mehr. Die warten darauf: Das Leben öffnet eine andere Möglichkeit für sie als das traditionelle Schicksal: Beruf, Familie, Alltag. Arbeiten, Dinge kaufen, Urlaub machen. Aufs Haus sparen.

Ich kenne Menschen, die sich deshalb auf einen anderen Weg gemacht haben.
Lisa zum Beispiel. Lisa war anders, besonders. Sie war in der zehnten Klasse meine Schülerin gewesen. Sie hatte mich in den Reli-Stunden oft in Diskussionen verwickelt. Alles wollte sie hinterfragen. Es musste für sie Sinn machen, was mit Glauben und Leben zu tun hatte. Schon damals jobbte sie manchmal an Wochenenden in einem Restaurant in der Küche. Inzwischen war sie Köchin in einer großen Firmenkantine.

Und dann kam sie, um sich zu verabschieden. Sie sagte „Ich gehe weg von hier. Ab nächsten Monat lebe ich in Australien.“ Lisa erzählte mir von der Stadt Adelaide, von einem tollen Restaurant dort. Die haben sie als Köchin eingestellt. Ohne sie zu kennen, einfach aufgrund ihrer Bewerbung und ihrer Vorstellung per Internet und Skype. Lisa hat sich diese Entscheidung nicht leichtgemacht, denn sie weiß: Sie wird sie vermissen, ihre Familie und vor allem ihre Freundinnen. Aber sie hatte einfach das Gefühl, so eine Chance bekommt sie nicht noch einmal. Und weiter die ewig gleichen Wege zu gehen, das zu tun, was alle machen, das hatte sich für sie nicht mehr richtig angefühlt.

Auch die Frau in dem Abba-Song will gehen. Das Altvertraute und Gewohnte passt für sie nicht mehr. Das Leben fühlt sich für sie vielleicht ein bisschen an wie das einer Raupe. Immer nur in Bodennähe auf Blättern herumkrabbeln.
Auch wenn die Zweifel über diesen Schritt an ihr nagen. Sie will es wagen:

„Ich frage mich, ist es das richtige? Es ist beängstigend, jetzt zu gehen; ich zweifle, es erschreckt mich. Aber, wer zur Hölle bin ich, wenn ich es nicht tue? Ich bin kein Feigling! Oh nein, ich werde stark sein! Es ist die Chance in meinem Leben! Ja ich werde es tun! Es kann nicht schief gehen!"

Leicht wird die Stimme, immer kraftvoller singt sie und die Melodie fängt fast ein bisschen an zu fliegen. Ich spüre beim Hören: Für sie ist die Zeit wirklich reif. Auch musikalisch kommt etwas Neues dazu, das Schlagzeug setzt ein, der Abschied von der Vorstadtidylle bekommt einen neuen Drive. Und der Titel „I wonder“, ich frage mich, ich will es wissen,  hat auch noch einen Untertitel: „Departure“, Aufbruch.

Manchmal ist ein Neuaufbruch einfach dran. Ich kenne das auch: Auch wenn nach außen alles schön und geordnet wirkt, muss es sich für mich selbst nicht unbedingt richtig anfühlen. Wenn ich spüre, es ist so nicht gut für mich, wie ich lebe. Wenn ich das Gefühl habe, nichts mehr ändern zu können, mich wie gefesselt fühle. Wenn einem so geht, dann ist man dann eigentlich schon in der Verpuppungsphase. Man kann nicht mehr leben wie eine Raupe. Aber man ist auch noch kein Schmetterling.

Ich finde, es gehört schon ganz schön viel Mut dazu, sich so einem Gefühl zu stellen. Die eigene Situation so ehrlich anzusehen. Dann stellt man sich vielleicht irgendwann die Frage, was mach mehr Angst: Immer weiter so? Oder das Gewohnte verlassen? Und sich dann entscheidet loszugehen:

„I'm not a coward … it can't go wrong“

Die Frau in dem Abba-Song scheint ganz allein mit sich unterwegs zu sein, allein mit ihrer Angst und mit ihrem Mut. Wenn man sich wie im falschen Leben fühlt, hilft es auch nicht, sich zu sagen: Ist doch alles nicht so schlimm.

Dann schon hilft eher, nach Vorbildern zu suchen. Wie kann so ein Neuaufbruch gelingen? Mich ermutigt auch der Glaube dazu.

Die Bibel erzählt von Abraham. Er hatte auch alles verlassen. (Gen 12,1-9) Aber er geht mit einem besonderen Versprechen im Gepäck. Gott verspricht: Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde mit dir sein und dir neue Möglichkeiten schenken. Und auch woanders werden Menschen da sein, bei denen du willkommen bist. Mach dich auf den Weg und du wirst nicht alleine sein.

So, wie Abraham in der Bibel es gewagt hat, sind zu allen Zeiten Menschen aufgebrochen. Mit Gottvertrauen. So wie Lisa. Am Ende unseres Gesprächs sind wir zusammen in die Kirche gegangen. Ich habe ihr einen Segen mit auf den Weg gegeben. Denn Gott wird weiter mit Lisa unterwegs sein. Was ich ihr gewünscht habe? Vertrauen auf Gottes gute Begleitung, ein offenes Herz und einen wachen Geist. Außerdem Schutz vor Gefahr und gute Erfahrungen mit den Menschen an den neuen Orten. Auch wenn vieles andere zurückbleibt, Gott geht mit ihr auf den neuen Wegen mit.

Wenn ich heute an Lisa denke, stelle ich mir vor, dass sie nun in Australien unterwegs ist wie ein bunter Schmetterling. Auch von dort wird sie eines Tages vielleicht wieder aufbrechen. Wenn sie dort nichts Neues mehr lernen kann. Wenn neue Gewohnheiten sie einengen.

Denn anders als Schmetterlinge können Menschen immer wieder aufbrechen. Männer wie Frauen. Wenn man jung ist oder in einer späteren Lebensphase. Man muss nicht alleine gehen. Denn Gott ist nirgendwo fremd, sondern immer schon da. Wo ich auch ankomme.

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