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Krach unter Schwestern
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Krach unter Schwestern

Michael Tönges-Braungart
Ein Beitrag von

Michael Tönges-Braungart,

Dekan, Evangelisches Dekanat Hochtaunus
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Sie liebt ihre Schwester. Wirklich. Die beiden kommen gut miteinander aus, auch wenn sie verschieden sind. Beide haben es gern, wenn ihr Haus voller Gäste ist und wenn alle sich bei ihnen wohl fühlen. Freunden steht ihre Tür immer offen. Beide sind sie gute Gastgeberinnen.

Aber heute ärgert sich Marta über ihre Schwester Maria, mit der sie sich sonst so gut versteht. Denn heute lässt  Maria sie mit der ganzen Arbeit allein. Es tut nicht gut, wenn man seinen Ärger in sich hineinfrisst. Und unter Schwestern sind auch mal offene Worte möglich. Also fasst Marta sich ein Herz, lässt alles in der Küche stehen, platzt mitten in die Schar der Gäste und stellt sich vor den Ehrengast hin: „Siehst du nicht, dass ich mich hier ganz allein abrackere? Nimmst du denn überhaupt wahr, welche Mühe ich mir gebe, um eine gute Gastgeberin zu sein? Glaubst du, ich würde nicht auch gerne hier bei allen anderen sitzen und es mir gut gehen lassen? Maria lässt mich mit all der Arbeit allein, setzt sich einfach zu den Gästen und hört dir zu! Und wer fragt nach mir?“

Marta ist sauer. Für sie ist Gastfreundschaft selbstverständlich. Wenn Besucher da sind, dann wird ihnen das Beste vorgesetzt; dann wird alles getan, dass sie sich wohlfühlen. Aber dass sie heute mit der ganzen Arbeit alleine bleibt, das geht ihr über die Hutschnur. Ihre Schwester Maria scheint das nicht zu spüren. Die sitzt bei den Gästen und ist ganz fasziniert von den Gesprächen.

Und es sind diesmal viele Gäste. Denn der Ehrengast ist nicht allein gekommen, er hat seine Freunde mitgebracht, zwölf ausgewachsene Männer, die ordentlich etwas verputzen können. Da fällt ganz schön Arbeit an.

Nicht, dass sich Marta dafür zu schade wäre. Im Gegenteil!  Der Ehrengast ist Jesus. Marta hat Jesus und seine Begleiter eingeladen – und sie hat es gerne getan. Dabei hat sie sich auch nicht gefragt, ob sich das gehört: lauter junge Männer im Haus von zwei unverheirateten Frauen. Das ist zumindest ungewöhnlich, wenn nicht schon ein wenig anrüchig.

Das kümmert Marta nicht. Sollen die Leute doch reden! Sie lädt Jesus und seine Jünger ein, weil sie und ihre Schwester Maria mit ihm befreundet sind; weil er und seine Freunde darauf angewiesen sind auf ihrer Reise, dass jemand sie aufnimmt. Marta sagt sich: „Wenn jeder sagen würde: Das ist mir zu viel Mühe….? Ich schätze Jesus, ich bewundere ihn – und wenn er schon mal in der Nähe ist, dann ist es doch selbstverständlich, dass ich ihm meine Tür öffne. So eine Gelegenheit zu verpassen, würde ich mir nie verzeihen.“

Auf der einen Seite schert sich  Marta nicht darum, was sich gehört und was nicht. Auf der anderen Seite ist sie sich aber auch nicht zu schade, die ganz traditionelle Rolle der Frau einzunehmen und für das Wohl der Gäste zu sorgen. Sie ist selbstbewusst und selbständig. Gleichzeitig bedient sie die anderen. Das ist für sie kein Widerspruch. Im Gegenteil: Das gehört für sie zusammen. Warum soll sie nicht dienen? Dadurch macht sie sich nicht klein, weil sie es aus freien Stücken und gern tut.

Musik: Antonio Carlos Jobim, Chovendo na Roseira (Joshua Bell)

Marta dient ihren Gästen. Und Maria, ihre Schwester - die lässt sich bedienen. Genauso wie Jesus und seine Jünger. Maria setzt sich Jesus zu Füßen und hört ihm zu. Auch Maria ist selbstständig und selbstbewusst. Denn zu Füßen des Lehrers zu sitzen und ihm zuzuhören und mit ihm zu diskutieren, das ist das Vorrecht seiner Schüler. Und das sind eben nur Männer. Auch Maria kümmert sich nicht um das, was die Leute sagen oder darum, dass die anderen vielleicht die Nase rümpfen. Sie nimmt sich das Recht, eine ganz andere Rolle einzunehmen, als ihr eigentlich zukommt: die Rolle einer Schülerin, einer Jüngerin Jesu. Und sie lässt sich dabei von Marta bedienen. Vielleicht ist ihr das gar nicht so wichtig, dass Marta sie bedient. Vielleicht nimmt sie es gar nicht richtig wahr. Vielleicht denkt sie sich auch: „Es wäre gar nicht nötig, dass Marta so viel Aufhebens macht.“ Aber selbst wenn sie das denkt, so sagt sie es jedenfalls nicht; und sie sagt auch nicht: „Komm, Marta, setz dich her zu uns!“  Und auch nicht: „Komm, Marta, ich packe mit an, dann sind wir schnell fertig, und du setzt dich zu uns.“  Schade, dass sie offenbar gar nicht wahrnimmt, was ihre Schwester da für die Gäste – und auch für sie - tut. Marta dient Jesus und seinen Jüngern – und die lassen sich von ihr bedienen.

Aber das ist nur die eine Seite. Auch Jesus dient. Er dient Maria – und all den anderen, indem er ihnen seinen Gedanken erzählt, indem er sie an seinem Glauben und an seinen Erfahrungen mit Gott teilhaben lässt. Maria lässt sich von Jesus dienen – mit dem, was Jesus ihr zu bieten hat: mit seinen Worten. Für Maria ist klar: Wenn Jesus da ist, kommt es darauf an, die Gelegenheit zu nutzen und ihm zuzuhören. Wenn Jesus da ist, dann ist das eine einmalige Chance, auf das zu hören, was er zu sagen hat. Wenn Jesus da ist, dann kommt es nicht darauf an, dass wir ihm dienen; dann kommt es nicht darauf an zu fragen: „Was können wir für ihn tun?“ Im Gegenteil: Er will doch etwas für uns tun; er will uns beschenken. Er will uns das geben, was er zu geben hat.

„Siehst du nicht, wie ich mich hier abrackere?“, fragt Marta. Und Jesus antwortet ihr: „Ja, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Wirklich! Ich sehe das. Ich danke dir für das, was du hier für uns alle tust. Aber du machst mir auch Sorge. So giftig wie du jetzt bist, kenne ich dich gar nicht wieder. Ich sehe, was du brauchst.  Maria hat es schon. Und du kannst es bekommen, ohne dass es Maria jetzt weggenommen wird!“

Musik: Astor Piazzolla, Michelangelo (Isabelle van Keulen Ensemble)

Wann ist es dran, anderen zu dienen? Und wann, sich dienen zu lassen? Was ist angemessen – und was nicht? Welche Rolle ist gerade an der Zeit?

Diese Frage beantworten Maria und Marta unterschiedlich. Darum geht es in der Geschichte, die in der Bibel steht – im Evangelium nach Lukas im 10. Kapitel. Da wird von den beiden Schwestern Marta und Maria erzählt, und es klingt erst einmal so, als ob Marta der praktisch veranlagte, zupackende Typ ist und Maria der eher verträumt-intellektuelle. Aber darum geht es gar nicht. Es geht um das, was gerade dran und wichtig ist.

Aber was ist mit immer denselben, die die Arbeit machen, und mit immer denselben, die andere arbeiten lassen? Ich höre das Seufzen der Hausfrauen und vereinzelt der Hausmänner. Ich denke an die Aktiven in Vereinen und in Kirchengemeinden, die die größte Last der Arbeit tragen, während andere sich zurücklehnen. Ich höre nicht nur das Seufzen, sondern auch den Frust und manchmal auch den Zorn. Ihr Ärger ist  ja auch berechtigt. Aber er bringt meistens nicht weiter. Mit ihrem Zorn verschrecken die Engagierten oft die anderen und machen ihnen ein schlechtes Gewissen – und es ändert sich doch nichts. Es bleibt trotzdem alles an ihnen hängen.

Marta nimmt Jesus in ihr Haus auf – das ist ihr großer Verdienst. Das ehrt sie. Ohne Menschen wie sie hätten Jesus und seine Freude auf der Straße kampieren müssen. Ohne sie läuft nichts. Aber wie gut täte es ihr, aus dieser Rolle auch einmal auszusteigen. Wie gut täte es ihr, sich auch einmal dienen zu lassen. Das wäre doch auch eine Befreiung.

Marta ist so von dem Gedanken beseelt, Jesus etwas Gutes zu tun, für ihn zu sorgen, für ihn da zu sein, ja ihm zu dienen, dass sie gar nicht auf die Idee kommt, dass es ja auch andersherum sein könnte. Sie lässt sich so von ihren Pflichten als Gastgeberin gefangen nehmen, dass sie sich gar nicht traut, das Recht wahrzunehmen, dass Maria in Anspruch nimmt: sich von Jesus dienen zu lassen. Mit seiner Ausstrahlung. Mit seinen Worten.  

Bei dem Theologen Klaus-Peter Hertzsch habe ich diese Gedanken entdeckt. Hertzsch schreibt: „Wir haben das gute Teil erwählt, wenn wir Christus in unser Haus, unser Leben, unsere Welt aufnehmen, wie Marta tat.“ Und der Theologe Klaus-Peter Hertzsch schreibt weiter: „Aber wir versäumen das Beste, wenn wir meinen, nun sei er auf uns angewiesen: auf unsere Geschäftigkeit oder unsere Gelehrsamkeit, auf unsere Unermüdlichkeit oder auf unsere Frömmigkeit. Wir werden das gute Teil erwählen und behalten, wenn wir unsere Ohren, unsere Hände, unsere Herzen auftun für sein Wort und seine Gegenwart, wie Maria tat.“

Das bringt es auf den Punkt. Es geht nicht darum, Marta und ihr Verhalten abzuwerten. Es geht nicht darum,  Maria und Marta gegeneinander auszuspielen. Sondern es geht um die Frage: Welche Rolle habe ich gegenüber Jesus – ihm zu dienen oder mir von ihm dienen zu lassen? Und was ist wann das Richtige? Das ist eine Lebenseinstellung. Wann muss ich aktiv sein? Und wo hat die kontemplative Seite in meinem Leben ihre Zeit und ihren Raum? Zuhören. Mir Gutes gefallen lassen.

Musik: Jörg Reiter, Together (Ack van Royen und Jörg Reiter)

Noch einmal der Gedanke des Theologen Klaus-Peter Hertzsch: „Wir werden das gute Teil erwählen und behalten, wenn wir unsere Ohren, unsere Hände, unsere Herzen auftun für sein Wort und seine Gegenwart, wie Maria tat.“

Vielleicht müssen Christen das wieder mehr lernen: Das Hören auf Jesus. Vielleicht muss ich das immer wieder mehr lernen, dass ich zuerst etwas empfangen muss, bevor ich etwas geben kann.  Dafür braucht es die Zeit und den Ort, an dem ich „auftanken“ kann, an dem ich Kraft und Energie schöpfe. Einen Ort, an dem ich mir dienen lasse. Jesus hat von sich gesagt: Er „ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ (Matthäus 20, 28).

So ein Ort zum Auftanken ist für manche der Gottesdienst in der Kirche; oder die zwanzig Minuten im Radio am Sonntagmorgen; oder das Gespräch mit Freunden über den Glauben; das Hören auf Musik; das bewusste Erleben von Natur; ein paar Minuten der Stille am Tag – im Gebet, im Nachdenken über mich selber und mein Leben, über Gott und die Welt.

Musik: Heinrich von Herzogenberg, Meine Seele erhebt den Herrn (Ensemble Cantissimo unter der Leitung von Markus Utz)

Wer hören will, wer richtig zuhören will, muss dafür die Arbeit erst einmal aus den Händen legen. Der muss aufhören, etwas zu tun. Der muss ruhig und still werden. Der muss aufhören, herumzuwirbeln und „herumzurödeln“. Das fällt oft ganz schön schwer. Ich stecke schnell in der Rolle, die Marta in der Geschichte aus der Bibel einnimmt. Ich engagiere mich für das, was mir wichtig ist. Ich setze mich ein für Menschen, an denen mir etwas liegt. Ich rackere mich ab und rotiere. Das geht nicht nur mir so, sondern vielen, die ich kenne. Eine Gefahr dabei ist: Man zehrt dabei seine Kräfte auf und wird sauer auf die anderen, die sich nicht so reinhängen.

Wer das lange genug so weiter macht, der spürt, wie er oder sie an die Grenzen der eigenen Kräfte kommt. Dann wächst der Zorn auf die anderen, die sich nicht so reinknien. Und manchmal macht man seinem Zorn Luft – so wie Marta – oder  schmeißt alles hin. Manche machen aber auch so lange weiter, bis auf einmal nichts mehr geht, bis sie nicht mehr können.

Ich stecke schnell in der Rolle, die Marta einnimmt. Und ich kann oft nur schwer hören und auch annehmen, was für mich das gute Teil wäre: nämlich einmal aufzuhören mit dem Rotieren und zur Ruhe zu kommen; einmal nicht mehr der zu sein, der glaubt: An mir hängt alles. Ich muss  den Laden am Laufen halten. Stattdessen tatsächlich den Laden laufen lassen und etwas für mich tun, mir das gefallen lassen, was ich brauche für den Leib und – noch wichtiger – für die Seele.

Musik: Robert Schumann, Bunte Blätter (Nils Mönkemeyer, Viola und Nicholas Rimmer, Klavier)

Ich stecke schnell in der Rolle, die Marta einnimmt. In der Rolle des Machens, Tuns, Schaffens. Nicht nur im Leben, sondern auch im Glauben. Es passiert leicht, dass ich mich so benehme und fühle, als sei Gott ohne mich aufgeschmissen.

Jetzt höre ich gleich die Einsprüche in mir: „Aber wenn wir’s nicht machen und uns einsetzen, wer dann? Wenn alle immer nur dasitzen und nur zuhören und die Hände in den Schoß legen….?“

Stimmt ja auch. Das hat Jesus ganz genau so gesehen. Und der Evangelist Lukas auch, der die Geschichte von Marta und Maria überliefert hat. Direkt vor die Geschichte von Marta und Maria hat er die Geschichte vom barmherzigen Samariter gestellt. In der Geschichte kommt es darauf an, dass einer zupackt und handelt, wenn er einen Menschen in Not sieht.

Aber ich denke, der Evangelist Lukas kannte seine Christen gut genug, dass er die Geschichte von Marta und Maria gleich danach erzählt.

Denn dass ich etwas empfangen habe, ist Voraussetzung dafür, dass ich etwas  weitergeben kann; dass ich gehört habe, ist Voraussetzung dafür, dass ich etwas zu sagen habe; dass ich mir von Gott dienen lassen, dass ich erlebe: Ich muss erst einmal überhaupt nichts tun. Ich darf einfach nur da sein mit offenen Sinnen, das ist die Voraussetzung dafür, dass ich dann auch anderen dienen kann, wenn ich gebraucht werde.

Musik: Johann Sebastian Bach, Lobe den Herrn aus "Herr Gott, Beherrscher aller Dinge (Bach Collegium Japan unter der Leitung von Masaaki Suzuki)

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