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Vier Lieder zum Advent
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Vier Lieder zum Advent

Beate Hirt
Ein Beitrag von

Beate Hirt,

Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim hr, Frankfurt
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Kaum eine Zeit im Jahr ist so voller Töne und Gesang wie der Advent. Und ich meine nicht nur das Gedudel, das ich jetzt in den Kaufhäusern höre, wenn ich mich in die Weihnachtseinkäufe werfe, und das mich oft genug nervt. Ich meine vor allem die alten oder manchmal auch neuen Lieder, die mir sagen: Jetzt ist Advent! Wenn ich sie im Gottesdienst oder bei Konzerten höre oder auch auf der Bühne des Weihnachtsmarktes, dann stellt sich bei mir ein Gefühl ein von Erwartung und Vorfreude, von Kerzenwärme und Feierlichkeit. „Tochter Zion“ ist zum Beispiel so ein Lied oder „O Heiland, reiß die Himmel auf“. Um vier solcher Lieder zum Advent soll es heute in der Morgenfeier gehen, ich will sie mit Ihnen anhören und ein paar Geschichten und Hintergründe dazu erzählen. Natürlich auch: Geschichten, die aus der Bibel stammen und aus vielen Jahrhunderten christlicher Glaubenserfahrung.

Einsteigen möchte ich mit dem Lied „Tochter Zion“ (Gotteslob Nr. 228, Evangelisches Gesangbuch Nr. 13). Weil es ein so wunderbares frohes Lied ist. Natürlich hat das vor allem mit der bekannten Melodie und dem vierstimmigen Satz zu tun, sie stammen ja von keinem geringeren als von Georg Friedrich Händel und waren ursprünglich Oratorienmusik. Ich mag das Lied auch besonders, weil es Länder und Konfessionen verbindet. In England, wo Händel ja lange Zeit gewirkt hat, ist es sogar eine Art „patriotischer Marsch“ und wird beim berühmten Abschlusskonzert der Londoner „Proms" im September mitgepfiffen. In Deutschland ist es zu einem bekannten Advents- und Weihnachtslied avanciert. Den Text zu Händels Melodie von 1747 hat im 19. Jahrhundert der evangelische Pfarrer Friedrich Heinrich Ranke geschrieben. Das Lied war vielleicht auch deswegen vor allem in evangelischen Gesangbüchern zu finden. Im Hauptteil des katholischen „Gotteslobs“ steht es erst seit 2013. Aber spätestens seitdem ist es eben auch ein ökumenisches Lied zum Advent, eines, das evangelische und katholische Christinnen und Christen zusammen schmettern, gerade heute, zum Start in den Advent.

„Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!“ So lautet die erste Liedzeile. Freude, Jubel, Jauchzen stecken in dem Lied. Und es nimmt damit viele Motive aus der Bibel auf, die jetzt im Advent in den Gottesdiensten zu hören sind. „Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn. Meine Seele soll jubeln über meinen Gott.“ (Jesaja 61,10) heißt es da zum Beispiel aus dem Propheten Jesaja. Noch näher an der ersten Liedzeile von „Tochter Zion“ ist der Prophet Zefanja: „Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich, und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem!“ (Zef 3,14). Was für eine unbändige Freude! In den katholischen Adventsgottesdiensten bricht die sich übrigens besonders in zwei Wochen Bahn: Der 3. Adventssonntag heißt da sogar „Gaudete!“ „Freut euch!“ Der Glaube der Bibel, der jüdische und der christliche Glaube: Er ist kein Glaube, der niederdrücken will, sondern einer, der aufrichten, trösten will. Der Menschen zum Jubeln und Jauchzen bringen will. Und besonders gut geht das eben seit Jahrhunderten und Jahrtausenden mit der Musik.

Musik 1: „Tochter Zion, freue dich“, Klaus Mertens / Kay Johannsen (CD: Weihnachtslieder Vol. 1, Carus-Verlag 2012, Track 22, 2.26 min)

Ich liebe es, dieses „Tochter Zion“ im Advent zu schmettern. Aber ich mag auch die ruhigeren Adventslieder. Lieder, die weniger von Jubel und Freude sprechen als von Weinen, von Trauer und Angst. Eines, das mich immer wieder besonders berührt, ist das Lied „Die Nacht ist vorgedrungen“ (Gotteslob Nr. 220, Evangelisches Gesangbuch Nr. 16). Der Text stammt von 1938, die Melodie von 1939. Man ahnt schon: keine freudige Zeit. Es war die Zeit von Kriegsvorbereitung und Krieg, von Judenverfolgung und Judenvernichtung. Gedichtet hat dieses Lied der Schriftsteller und Theologe Jochen Klepper. Seine Frau war Jüdin, er und seine Familie waren bedroht von der Deportation ins Konzentrationslager. Jochen Klepper versucht, die Töchter ins Exil zu retten, die ältere kann ausreisen. Aber als der jüngeren Tochter im Dezember 1942 die Ausreise verweigert wird, wird die Ausweglosigkeit so groß, dass sich die Familie das Leben nimmt. Ein furchtbares Schicksal, eine schreckliche Nacht. Eine Nacht und Dunkelheit, die über Jahre gewachsen und vorgedrungen ist. „Die Nacht ist vorgedrungen“, dichtet Jochen Klepper. Und er schreibt von denen, die in der Nacht „geweinet“ haben, die in „Angst und Pein“ sind.

Und doch scheint in diesem Lied von Jochen Klepper auch eine Hoffnung auf. „Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein,“ heißt es da. Mitten in der Verzweiflung und der Dunkelheit ist sich Jochen Klepper sicher: Er ist nicht allein. Sein Gott ist bei ihm, er wandert mit ihm durchs Dunkel, er trägt und tröstet ihn. Und nicht nur ihn, sondern eben alle Menschen, die durch Dunkelheiten müssen, damals wie heute. In der vierten Strophe dichtet Jochen Klepper: „Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und –schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr; von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“ Jochen Klepper weiß um die Dunkelheit dieser Welt, er weiß, wie furchtbar Angst und Pein quälen können. Und doch setzt er dieser Dunkelheit etwas entgegen: den hellen Morgenstern, den Stern der Gotteshuld. Die Nacht schwindet und dieser Stern leuchtet.

Auch das sind Bilder aus der Bibel: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe“, schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom (Römer 13,12). Bei Paulus geht dieser Satz übrigens so weiter: „Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts!“ Von dieser kämpferischen Ansage findet sich im Adventslied von Jochen Klepper nichts. Womöglich, weil ihm solche expliziten Sätze des „Kampfes wider die finsteren Mächte“ hätten gefährlich werden können. Aber vermutlich hat er sie doch im Kopf gehabt, als evangelischer Theologe kannte er den Römerbrief gut. Für mich schwingen sie in seinem Lied von 1938 jedenfalls auch mit, diese Aufforderungen des Apostels Paulus: „Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts!“

Musik 2: „Die Nacht ist vorgedrungen“, Orpheus Vokalensemble, Leitung: Michael Alber (CD: Weihnachtslieder Vol. 2, Carus-Verlag 2012, Track 17, 3.44 min).

Ein drittes Adventslied möchte ich Ihnen in dieser Morgenfeier zum 1. Advent zu Gehör bringen. Auch dieses Lied klingt eher verhalten. Aber es ist um einiges älter als das gerade gehörte Lied von Jochen Klepper. „O Heiland, reiß die Himmel auf“ (Gotteslob Nr. 231, Evangelisches Gesangbuch Nr. 7) wurde schon 1666 komponiert, in einer altertümlichen Tonart übrigens, dem Dorischen. Und der Text ist sogar noch älter, von 1622. Auch der Dichter dieses Liedes ist wieder recht bekannt: Friedrich von Spee. Er war Jesuit und ein Kämpfer gegen die Hexenverfolgung. Aber eben auch: ein großer Lyriker und Lieddichter. Eine Vielzahl von geistlichen Gesängen und Liedern hat er verfasst, auch zum Beispiel das Weihnachtslied „Zu Betlehem geboren“. Und eben dieses Adventslied: „O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Kunstvoll gedichtet. Mit vielen rhetorischen Mitteln wie Alliterationen, Heiland und Himmel, Tor und Tür, oder den Chiasmen, Wort-Kreuzungen, wie zum Beispiel: O Erd, schlag aus! Schlag, aus o Erd! In diesem Chiasmus ist auch zu hören, was mich an dem Lied besonders beeindruckt und packt: Es ist ein Lied voller kurzer, drängender Rufe nach Rettung. Der Heiland der Welt soll vom Himmel herab auf die Erde kommen. Er soll die Menschen befreien aus dem Elend, in dem sie hier unten leben. Nicht weniger als achtzehn Aufforderungen enthält dieses Lied von Friedrich von Spee. Reiß ab vom Himmel Tor und Tür! O komm, ach komm vom höchsten Saal!

Diese drängenden Rufe: Sie sind alte christliche Tradition im Advent. Der Advent ist ja nicht nur die Zeit, in der man sich vorbereitet auf das Kommen des Jesuskindes an Heiligabend. Er ist auch die Zeit, in der ein anderes Kommen besonders im Blick ist: Das Kommen des Heilands am Ende der Zeiten. Das Ankommen Gottes, das noch bevorsteht. Denn das Friedensreich Gottes hat zwar nach christlicher Überzeugung schon begonnen mit Jesus – aber es ist noch längst nicht vollendet. Menschen aller Jahrhunderte können davon singen, in Zeiten von Krieg und Hexenverfolgung, in Zeiten von Krieg und Judenverfolgung, in Zeiten von Dunkelheit und Not.

Adventsgesänge sind deswegen seit jeher voller Sehnsucht und voller Aufforderungen. Die ältesten von ihnen sind wohl schon im 7. Jahrhundert entstanden, es sind die so genannten O-Antiphonen. Friedrich von Spee kannte sie natürlich auch. Sie werden traditionell an den sieben Adventstagen vor Heiligabend gesungen, und sie beginnen immer mit einer O-Anrufung: „O Weisheit“, „O Spross aus Isais Wurzel“, „O Morgenstern“. Am Schluss steht der Ruf „Veni!“, „Komm!“

Friedrich von Spee greift dieses eindringliche „Veni“ auf, gleich viermal heißt es „komm!“ bei ihm. Ich stelle mir vor: Er schreit so zum Himmel, 1622, inmitten des 30jährigen Krieges und inmitten von Hexenverfolgungen. „Komm doch Gott, und bring uns endlich Rettung!“

Ich finde: Sie passen auch noch heute, diese adventlichen Rufe und Schreie gen Himmel. So viel Krieg und Chaos auf dieser Welt. So viel Umweltzerstörung und Klima-Ungerechtigkeit. „Jetzt komm doch, Gott, komm und hilf uns!“ möchte ich manchmal rufen. Und diese adventlichen Rufe: Sie gehen ja nie nur in Richtung Himmel. Sondern auch in Richtung Erde. Sie machen etwas mit mir, dem rufenden Menschen. Sie verändern mich und mein Handeln. Auch Friedrich von Spee hat ja nicht die Hände in den Schoß gelegt, sondern sich gegen die „Hexenverfolgung“ eingesetzt. Da, wo ich mich für Gerechtigkeit einsetze, da kommt Gott näher, da reißt der Himmel auf.

Musik 3: „O Heiland, reiß die Himmel auf“, Christine Müller, Götz Payer, Gaby pas-Van Riet, Lukas Friederich, Janis Lielbardis (CD: Weihnachtslieder Vol. 2, Carus-Verlag 2012, Track 5, 3.20 min)

Im vierten und letzten Adventslied in dieser Morgenfeier wird es jetzt wieder etwas fröhlicher – in Melodie und im ganzen Charakter. Am Anfang steht ein schmetternder Dur-Akkord, einer, der wachrüttelt, und damit wären wir schon beim Text: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (Gotteslob Nr. 554, Evangelisches Gesangbuch Nr. 147)heißt das Lied. Manche werden es auch kennen von der wunderbaren Kantate von Johann Sebastian Bach. Eigentlich ist „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ gar kein Adventslied. Bach hat es komponiert zum 27. Sonntag nach Trinitatis. Im evangelischen Gesangbuch steht es bis heute unter der Rubrik „Ende des Kirchenjahres“. Das liegt an der Bibelstelle, um die es im Lied geht: Sie steht im 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums und erzählt vom Jüngsten Tag. Jesus vergleicht diesen Tag mit einer Hochzeit und ruft zur Wachsamkeit auf, er spricht von törichten und klugen Jungfrauen. In diesem frohen Lied aber kommen nur die klugen vor. Sie gehen dem Bräutigam Christus entgegen, und unter der Hand verwandeln sie sich zu glücklichen Bräuten. Die Mahnworte werden zu einem großen Liebes- und Freudengesang. Bei Johann Sebastian Bach zeigt sich das in den Texten der Rezitative und der Duette: Sie zitieren immer wieder das Hohelied Salomons aus dem Alten Testament. Zärtlich wird da hin und her gesungen: „Mein Freund ist mein, und ich bin sein, die Liebe soll nichts scheiden.“ (6. Arie, Duetto) Und immer wieder wird sehnsuchtsvoll gerufen: „Wann kommst du, mein Heil?“ Das klingt dann doch wieder ziemlich adventlich, nach dem „Veni!“ der O-Antiphonen, nach Vorfreude und drängender Sehnsucht. Komm doch, o König, komm, mein Bräutigam!

Johann Sebastian Bach hat mit diesem Liebesgesang weitergesponnen, was der Lieddichter schon gut 130 Jahre vorher geschaffen hat: Philipp Nicolai war das, ein lutherischer Pfarrer. Der erste Druck des Liedes erfolgte 1599, übrigens in Frankfurt am Main. Man könnte vermuten: Solch ein frohes Liebeslied entsteht aus froher Stimmung, aus Verliebtheit oder einer besonders freudigen Lebens- und Glaubenserfahrung. Aber das war ganz und gar nicht so. Philipp Nicolai hat dieses Lied geschrieben mitten in Zeiten grassierender Pest. Er schreibt: „Es überfiel die Pest mit ihrem Sturm und Wüten die Stadt / ließ bald kein Haus unbeschädiget / brach endlich auch zu meiner Wohnung hinein / und gingen die Leut / meistes teils mit verzagtem Gemüt / und erschrockenem Herzen…“. Was für ein Kontrast zu dem Jubel in seinem Lied! „Das Herz tut ihr von Freuden springen!“ heißt es da. Es ist schwer nachzuvollziehen, dass Philipp Nicolai in seiner Situation nicht ein großes Klagelied anstimmt, sondern ein großes Liebeslied. Aber vielleicht ist es so: Vielleicht will er gerade in dieser furchtbar schwierigen Zeit sich selbst und anderen Hoffnung machen. Der Angst und dem Tod die Liebe und das Leben entgegensetzen. Und das kann er womöglich gerade aus seinem Glauben heraus.

„Wachet auf, ruft uns die Stimme“ ist ein Lied, das erst einmal nur fröhlich und optimistisch klingt, im Original wie in der Kantate von Johann Sebastian Bach. Aber es versteckt sich für mich ein großes „Trotzdem“ in diesem Lied. Trotz aller Trauer, trotz Krankheit und Tod, trotz Angst und Pein, trotz alledem: Gott ist da, er kommt mir entgegen, er will mich retten, er will die Welt erlösen, auch in diesem Advent.

Musik 4: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, 1. Choral aus der Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ von Johann Sebastian Bach,  John Eliot Gardiner, The Monteverdi Chor, The English Baroque Soloists (CD: Bach: Cantatas, Deutsche Grammophon 1992)

Literaturhinweis:

Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder. Herausgegeben und erläutert von Hansjakob Becher, Ansgar Franz u.a. München 2001.

 

Zu hören sind in der Sendung Vertonungen der Lieder aus den Weihnachtslieder-CDs von SWR 2 und Carus-Verlag.

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