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Den Gang der Geschichte vom Abgrund wenden
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Den Gang der Geschichte vom Abgrund wenden

Heidrun Dörken
Ein Beitrag von

Heidrun Dörken,

Evangelische Pfarrerin, Senderbeauftragte für den Hessischen Rundfunk

O-Töne: Prof. Dr. Ulrich Gottstein, Gründungs- und Ehrenvorstandsmitglied der IPPNW - Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs, Friedensnobelpreis 1985
Musikkonzeption: Uwe Krause

Selig sind, die Frieden stiften, hat Jesus von Nazareth in der Bergpredigt gesagt (Matthäus 5,9). Was das für einen Arzt bedeutet, der als Christ diese Worte Jesu Ernst nimmt, erfahre ich im Gespräch mit dem 86jährigen Professor Ulrich Gottstein. Der Frankfurter Arzt für Innere Medizin hat die ärztliche Friedensbewegung IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War www.ippnw.de) mit gegründet und ist heute ihr Ehrenvorstandsmitglied. 1985 hat die IPPNW in Oslo den Friedensnobelpreis erhalten. Die Abkürzung des englischen Namens steht für „Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs“. Ulrich Gottstein entschied sich schon früh, Arzt zu werden. Arzt sein ist für ihn mehr als eine Erwerbstätigkeit. Es ist eine Lebenshaltung. So, wie es in einer modernen Fassung des hippokratischen Eids heißt: „Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen“ .

Ulrich Gottstein: Für mich war von Anfang an klar, dass ich sehr gerne Arzt werden wollte. Als Kind habe ich mir natürlich gesagt, entweder Tierarzt oder Menschenarzt. Weil ich damals meine Kaninchen hatte, meinen Kanarienvogel, meine Hühner hatte und so etwas, von daher war das klar. Das hatte einen Grund auch darin, dass ich selber damals in der Vor-Antibiotika-Zeit erlebte, wie die Ärzte mir helfen konnten, und das war sehr eindrucksvoll. Ich wollte sehr gerne Arzt werden, um anderen Menschen zu helfen. Der Arztberuf ist ein wunderbarer Beruf, und ich bin sehr glücklich darin gewesen, und auch die ganzen bürokratischen Belastungen, die jetzt sind, mindern nichts an der Qualität und an der großen Befriedigung, als Arzt tätig zu sein.

Dass Ulrich Gottstein sein Leben nicht nur medizinischen Fachthemen gewidmet hat, wurzelt in seinen Erfahrungen als Kind und junger Mann.

Ulrich Gottstein: Da ich, Jahrgang 1926, aus der Gemeinde-Jugend der Bekennenden Kirche stamme, und wir erlebt haben, wie man auch geradezu leider in der evangelischen Kirche unter den deutschen Christen nicht dieses Gebot „Selig sind die Friedensstiftenden“ eingehalten hat und sehr intolerant waren auch gegenüber zum Beispiel Christen jüdischer Abstammung. Dann habe ich mit aufgenommen aus meiner Jugend her-aus: Dass man nicht zu allem schweigen darf.

Als Zwölfjähriger hat er in Berlin viele gesehen, die schweigend vor den zerstörten jüdischen Geschäften am Kurfürstendamm standen nach der Pogrom-Nacht. Auch die angstvollen Gesichter der Männer und Frauen wird er nie vergessen, die einen Judenstern tragen mussten und die sich in U- und Straßenbahnen nicht setzen durften. Aber in seiner Nachbarschaft und Kirchengemeinde gab es Menschen, die zum Unrecht nicht geschwiegen haben und die deswegen ausspioniert, verfolgt und verhaftet wurden.

Ulrich Gottstein: Wir wohnten ab 1938 in Berlin-Dahlem und das war die Kirchengemeinde von Martin Niemöller. Und als wir dort hinzogen, war er bereits eingesperrt und war dann im Konzentrationslager. Wir waren aus Stettin gekommen und in Stettin gab es einen sehr kämpferischen und aufrechten Pfarrer der bekennenden Kirche, Pastor Reichmuth, bei dem mein Bruder konfirmiert war, der immer wieder von der Gestapo verhaftet worden war. Und dann zu uns zum Mittagessen kamen die Kinder. So waren wir also religiös und seelisch vorbereitet auf die kirchliche Atmosphäre in Dahlem, als wir dort hinkamen. So dass sich mein Bruder und ich gleich meldeten zur Mitgliedschaft in der Gemeindejugend der Bekennenden Kirche. Wir hatten jeden Morgen einen Fürbitte-Gottesdienst in der Annen-Kirche, und in den Sonntagsgottesdiensten wurden diejenigen verlesen, die nun wieder neu verhaftet worden waren.

Ulrich Gottstein erlebte die Berliner Bombennächte und wurde als Siebzehnjähriger eingezogen. Mit achtzehn Jahren kam er in Frankreich in englische Kriegsgefangenschaft. Nach einem Gottesdienst im Gefangenenlager kam er mit dem deutschen Pfarrer ins Gespräch über den Satz Jesu: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (Matthäus 22,21). Das dürfe doch nicht für einen Adolf Hitler gelten, der ja ein Verbrecher sei! Für beide war nach dem Austausch klar: Jetzt 1944 noch unter der Naziherrschaft und im mörderischen Krieg kann man Jesu Worte nicht mehr so verstehen, als müsse ein Christ der Obrigkeit alles genehmigen oder ihr blindlings gehorchen. Im Gegenteil, man habe unbedingt auf sein Gewissen zu hören. Gottstein machte sich den biblischen Satz zu Eigen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29).

Musik: Arvo Pärt, Symphony Nr. 3, Bamberger Sinfoniker Neeme Järvi

Ulrich Gottstein: Für mich sind die beiden Sätze ganz wichtig: Selig sind die Friedensstiftenden und liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Denn damit ist die Voraussetzung gegeben, überhaupt auch auf seinen Gegner zuzugehen und mit ihm in den Dialog zu treten und ihn für die bessere Meinung zu überzeugen. Ihn nicht gleich von vornherein vor den Kopf zu stoßen und eine feindliche Stimmung aufrecht zu erhalten oder sogar zu schaffen.

Diese Haltung wird gerade im demokratischen Staat gebraucht, zu dem Deutschland nach dem Krieg dann geworden ist. Demokratie lebt dadurch, dass Bürgerinnen und Bürger den Mund aufmachen. Und in der globalisierten Welt gibt es nichts Wichtigeres als zu lernen, sich friedlich über die richtige Wege auseinanderzusetzen.

Ulrich Gottstein war Facharzt für Innere Medizin geworden an den Universitätskliniken Heidelberg, München und Kiel. Er arbeitete wissenschaftlich, hielt viele Vorlesungen und wurde schließlich Professor für Innere Medizin und Chefarzt der Medizinischen Klinik des Bürgerhospitals in Frankfurt am Main. Mit seiner Frau, der Ärztin Monika Gottstein, gründet er eine Familie mit sechs Kindern. Mitmenschlichkeit gehört für ihn nicht nur in persönliche oder private Beziehungen. Und Religion ist kein Rückzugsort, von dem man aus die Übel der Welt nur beobachtet oder beklagt. Als Christ sah er sich vom Wettrüsten des Kalten Kriegs herausgefordert, vor allem von der atomare Bedrohung, die durch einen Knopfdruck alles Leben auf der Erde vernichten kann.

Ulrich Gottstein: Wenn ich also tatsächlich ein gläubiger evangelischer Christ bin, dann kann ich einfach nicht die Hände nur in den Schoß legen, wenn meine eigene Regierung eine Politik betreibt, in der Kriege nicht ausgeschlossen werden, sondern als ein Mittel der Politik mit angesehen werden.

Gottstein gründete mit anderen, zum Beispiel mit dem Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter, 1981 die deutsche Sektion der „Ärzte gegen den Atomkrieg“. Diese internationale ärztliche Friedensbewegung war ein Jahr zuvor vom amerikanischen Kardiologen Bernard Lown und internationalen Kollegen ins Leben gerufen worden. Bernard Lown war ein berühmter Arzt. Er hatte die Defibrillation entwickelt, die bei Herzrhythmusstörungen oder -stillstand die Herzaktivität wiederherstellt und seitdem unzähligen Menschen das Leben gerettet hat. Lowns Motto ist: „Nur eine aufgeweckte Bürgerschaft kann den Gang der Geschichte vom Abgrund wenden“. Lown gewann seinen sowjetischen Kollegen Jewgenij Tschasow zur Mitarbeit, den er bei gemeinsamen Forschungsprojekten kennengelernt hatte. Die Ärzte trafen sich bald zu internationalen Konferenzen. Schon fünf Jahre später hatten sie über hunderttausend Mitglieder in sechzig Ländern.

Ulrich Gottstein: In jeder kriegerischen Auseinandersetzung werden hinterher die Ärzte aufgefordert, nun also die Verwundungen wieder zu heilen und die Menschen wieder gesund zu machen. Und in diesem Fall mit dieser hochradioaktiven neuen Waffentechnik mussten wir sagen: In einem solchen Fall – siehe Hiroschima - kann man den Menschen nicht helfen. In Hiroschima sind eben praktisch 200 000 Menschen innerhalb kürzes-ter Zeit umgekommen, darunter 80 bzw. 85 % aller Ärzte. Und man hat diesen verstrahlten und verbrannten Menschen eben nicht helfen können. Und dann ist es notwendig, dass geradezu als Ärzte zu sagen: Wir werden euch nicht helfen können!

Musik: D. Schostakowitsch, Chamber Symphony op.110, Chamber Orchestra Kremlin Rechlevsky

Im Dezember 1985 war es bitterkalt in Oslo, aber die Stimmung unter den Ärzten war sehr gut, als die IPPNW den Friedensnobelpreis verliehen bekam, feierlich im Beisein des norwegischen Königs und vieler Diplomaten. Ulrich Gottstein hielt eine der Dankesreden im Osloer Rathaus.

Ulrich Gottstein: Wir hatten das ganz große Gefühl der Dankbarkeit, gleichzeitig aber auch ein Gefühl der Demut und Bescheidenheit, denn diese ärztliche Friedensorganisation IPPNW bekam ja den Friedensnobelpreis für unsere Arbeit, die Weltbevölkerung aufzuklären über die Gefahren eines Atomkrieges nach einem Einsatz von Atomwaffen. Und nun konnte man uns ja sagen: Ja, ihr habt aufgeklärt, aber ist das bereits wert, den Friedensnobelpreis zu kriegen? Denn ihr habt ja in dem Sinne noch nichts erreicht, dass dieser Atomkrieg verhindert wurde! Insofern unsere Bescheidenheit und Demut. Aber es war natürlich enorm wichtig, denn von da ab konnten die Regierungen nicht mehr sagen: Wir sind nicht informiert worden.

Deutschland schickte keinen hochrangigen Vertreter zur Verleihung. Im Gegenteil. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und der CDU-Generalsekretär Heiner Geißler intervenierten beim Nobel-Komitee, um die Entscheidung rückgängig zu machen. Sie bezeichneten die ärztliche Friedensbewegung als kommunistisch unterwandert, weil auch sowjetische Ärzte dabei waren. Auch in der organisierten Ärzteschaft gab es Anfeindungen. Eine offizielle Würdigung der engagierten Kolleginnen und Kollegen gab es erst viele Jahre später. Auch unter deutschen Protestanten war es Jahrzehnte umstritten, ob es sich mit dem christlichen Glauben vereinbaren lässt, die atomare Abschreckung zu befürworten. Erst seit fünf Jahren gibt es offiziell eine klare Position, angestoßen davon, dass Atomwaffen heute unkontrollierbarer sind als je zuvor. In der Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche von 2007 heißt es wörtlich: „Aus der Sicht evangelischer Friedensethik kann die Drohung mit Nuklearwaffen heute nicht mehr als Mittel legitimer Selbstverteidigung betrachtet werden (EKD Denkschrift: Aus Gottes Frieden leben – für den gerechten Frieden sorgen).

Ulrich Gottstein: Es war auch für mich damals interessant, wo meine Kinder in die Pubertät kamen und dann die übliche Distanz, besonders zum Vater, auftritt. Als sie merkten, dass ich mich dort so engagierte und dadurch keine Vorteile hatte, sondern ich wurde ja in Deutschland von bestimmten Kreisen sehr angegriffen. Also ich wurde ja nicht gelobt, die positiven Sachen: Prima, das ihr das macht und die negativen haben mich ja ganz schön attackiert. Da waren meine Kinder ganz stolz. Das hat sich bei den Enkeln genauso ausgewirkt. Sie finden das völlig richtig und gut. Dieses aber aus einer humanitären, pazifistischen Einstellung. Nicht weil sie sagen: also ist sein Glaube so wunderbar, sondern das akzeptieren sie und sagen, ja, so ist der Opa.

Musik: Nino Rota, Concero per archi Satz 1, Kammerorchester arcata Stuttgart

Für Ulrich Gottstein und seine Mitstreiter ist Friedensarbeit heute wichtiger denn je. Die Nato-Doktrin sieht immer noch vor, dass Atomwaffen eingesetzt werden dürfen. Schlimmer noch: Es gibt heute viel mehr Staaten, die Atomwaffen haben oder möglicherweise dabei sind, sie herzustellen. Dazu die Angst, dass Atomwaffen in die Hände von Terroristen kommen. Oder aus Versehen konventionelle Bomben Atomwaffen zerstören und dadurch alles radioaktiv verseucht wird.

Ulrich Gottstein: Es gehört schon sehr viel Ausdauer dazu und Überzeugungskraft und außerdem die Gnade, geistig und körperlich noch gesund zu sein, solange auszuhalten, immer und immer wieder zu mahnen, zu warnen und zu appellieren und Konferenzen zu organi-sieren und in den Zeitungen Artikel zu schreiben. Wenn man dann gleichzeitig dabei sieht ja ja, wir haben große Erfolge. Aber letztlich ist das Ziel nach wie vor nicht nahe. Das heißt, ich als nun 86jähriger muss sagen: Wer weiß, ob meine Enkel es erleben werden, dass es gelungen ist, Atomwaffen zu ächten?​​​​​​​

Eine Kraftquelle angesichts der ungewissen Zukunft ist für Gottstein das Gebet. Seine gewaltlose Macht hatte er als Jugendlicher in der Dahlemer Annen-Kirche kennengelernt, als die Gemeinde es wagte, für die von den Nazis Verfolgten öffentlich zu beten.

Ulrich Gottstein: Ich glaube nach wie vor, dass tatsächlich das persönliche Gebet sinnvoll ist. Für mich ist eine Fürbitte auch in den Gottesdiensten nur dann eine - und ich sag jetzt einmal in Anführungsstrichen – „wirksame“ Fürbitte, wenn sie aus dem Herzen kommt. Das heißt. Also etwas Einfaches vorgelesen oder so förmlich „wir gedenken jetzt“ und so weiter und man merkt gar nicht die innere Emotion, da befürchte ich, dass das von Gott nicht richtig gehört wird. Sondern ich persönlich habe den primitiven Glauben, dass es wirklich ein Schrei aus dem Herzen sein muss.​​​​​​​

Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen, das sind die Aufgaben von Christen in der Welt. So hat es der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer gesagt. Ulrich Gottstein hat viele ärztliche Hilfsreisen und Aktionen in die Kriegs- und Nachkriegsgebiete des Irak und auf den Balkan unternommen, um Medikamente zu bringen und Kindern Operationen zu ermöglichen. In Deutschland war er Pionier für die Hospize und die palliative Medizin, die Sterbenskranken die Schmerzen nimmt und für ein würdiges Leben bis zum Ende eintritt. Dabei geht seine Hoffnung über den Tod hinaus.

Ulrich Gottstein: Wir glauben schon daran, dass es eine Ewigkeit gibt. Und dass in dieser Ewigkeit auch wir weiterleben. Keine Ahnung, wie das sein wird. Und ich habe im Schwestern-Unterricht, den ich ja selber im Bürgerhospital ja viele Jahre gegeben habe, zwei- oder dreimal gesagt: Ich bin schon sehr gespannt darauf, wenn ich gestorben bin, wie es dann sein wird. Leider kann ich’s euch dann nicht erzählen.​​​​​​​

Was Ulrich Gottstein aber erzählen kann: Friedensstifter bewegen etwas. Er macht Mut, sich zur aufgeweckten Bürgerschaft zu stellen. Denn er hat erfahren, dass sich der lange Weg zum Frieden lohnt.

Ulrich Gottstein: Wir können sehr wohl was machen. Und zwar indem wir uns eben mit Gleichgesinnten zusammen tun und wirklich uns bemühen, immer mehr Menschen von der Wahrheit oder von der der richtigen Meinung zu überzeugen. Aber man darf nicht sofort frustriert sein, wenn es nicht auf Anhieb funktioniert. Man muss an dem bleiben, was man für richtig empfunden hat und was einem die ganzen Jahre die Kraft gegeben hat und ich glaube auch, dass das Gottes Wille ist.​​​​​​​

Musik: Nino Rota, Concero per archi Satz 3, Kammerorchester arcata Stuttgart

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