Vom Bethaus zum Bettenhaus

Vom Bethaus zum Bettenhaus

Martin Vorländer
Ein Beitrag von Martin Vorländer, Evangelischer Pfarrer und Rundfunkbeauftragter für den hr, Frankfurt

Bei einem Besuch in London. Gegenüber von unserem Hotel steht eine Kirche. Keine besondere, aber ein schöner Bau, Ende 19. Jahrhundert, typisch englisch. Groß hängt ein Schild quer über den Kirchenfenstern „Beds Limited. Sale on four floors“ – „Betten GmbH. Verkauf auf vier Etagen“. Das Bethaus ist zum Bettenhaus geworden. Wo früher Choräle im Kirchenschiff aufstiegen, kann man jetzt probeliegen, ob man sich lieber auf Taschenfederkern oder auf Kaltschaummatratzen betten will. Wo zuvor ein Kreuz stand, kann man sich nun beraten lassen, was am Komfortabelsten für das eigene Kreuz ist.

Mich macht das wehmütig. Es geht etwas verloren, wenn alle Räume nur noch zum Kaufen und Verkaufen da sind. Wenn Kirchen verschwinden, bleibt immer weniger Platz, um Abstand vom Betrieb und Geschäft des Alltags zu finden. Kirchen sind Orientierungspunkte – und sei es nur, um an der Kirchturmuhr die Zeit abzulesen. Als Kinder haben wir immer gerufen: „Ich seh den Kirchturm“, wenn wir mit dem Auto von einer Reise zurückkamen und unser Heimatort in Sichtweite kam. Ohne Gotteshäuser wären Dörfer und Städte nur eine Häuseransammlung – oder nur noch von Geldtürmen beherrscht.

Kirchen sind Orte, an denen jeder einkehren und einen Moment der Stille finden kann. Orte für ein Stoßgebet, wenn man gerade einen schweren Gang zu tun hat. Oder um ein Dankschön zu sagen für die Geburt eines Kindes, für Liebe, die man gefunden hat, oder für Gesundheit, die einem neu geschenkt wurde. Orte, um eine Kerze anzuzünden für sich selbst oder für Menschen, an die man besonders denkt.

Eine Freundin von mir zündet in jeder Kirche, die sie besucht, immer zwei Kerzen an: eine für die Lebenden und eine für die Toten. Egal was man glaubt oder nicht glaubt: Kirchen sind für jeden offen. Das ganze Leben hat in ihnen Platz. Dafür liebe ich Kirchen.

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