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Wann bin ich gut genug - für Gott?
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Wann bin ich gut genug - für Gott?

Dr. Dr. h.c. Volker Jung
Ein Beitrag von

Dr. Dr. h.c. Volker Jung,

Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Von Anfang an strebt der Mensch aufwärts. Es ist großartig zu verfolgen, wie kleine Kinder wachsen, auf die Beine kommen und dann immer weitere Kreise ziehen. Ich finde es auch faszinierend, wie viel Menschen in ihrem Streben nach Mehr schon erreicht haben. Zugleich ist es auch erschreckend, was sie dabei anrichten können. Es gehört wohl fest zu uns Menschen: dieses Streben danach, immer besser, erfolgreicher, mächtiger und kompetenter zu werden. Aber längst nicht alle tun das aus Lust am Leben und aus Freude am Gestalten. Viele wirken dabei eher wie Getriebene, wie Gefangene eines inneren Dranges. Getrieben von der Frage: Wann bin ich gut genug?

Diese Frage folgt allem Streben wie ein steter Schatten: Wann bin ich gut genug? Das fragen sich Schülerinnen und Schüler in der Schule. Das fragt die gepflegte Dame vor dem Spiegel im Altersheim. Das fragt die ehrgeizige Leistungssportlerin beim Trainieren. Das fragen die engagierte Flüchtlingshelferin und der Kirchenvorsteher, der in seiner Gemeinde etwas bewegen will. Wer entscheidet, wann ich gut genug bin? Auf wessen Prüfstand stehe ich eigentlich und mühe mich ab? Wer sagt mir diesen Satz, der so wohltut, der entlastet und befreit: „Du bist gut genug.“

„Du bist gut genug.“ Das ist die Entdeckung Martin Luthers, die zur Reformation führte. Doch bis er diesen Satz hören konnte, hatte er einen mühsamen Weg zu gehen. Sein Vater war streng und ehrgeizig. Als Bergmann hatte der Karriere gemacht. Nun wollte er, dass sein Sohn Martin Jura studiert und den Aufstieg der Familie fortsetzt. Doch für Martin war nicht die Karriere der Angelpunkt seines Lebens, sondern Gott. Ihn trieb die Frage um: Wann bin ich gut genug für Gott? Er kannte die gängigen Antworten seiner Zeit: „Sei gegenüber Gott ehrfürchtig, erfülle seine Gebote und halte dich an das, was die Kirche sagt. Doch das reichte ihm nicht. Ihn quälte die Frage: Tue ich wirklich genug, um vor Gott zu bestehen? Deshalb unterwarf er sich als Mönch einer strengen Disziplin. Doch auch damit wurde er seine Angst nicht los, für Gott nicht gut genug zu sein und von Gott nach seinem Tod zu Höllenqualen verdammt zu werden. Daran erinnerte er sich später so:

„Ist je ein Mönch in den Himmel gekommen durch Möncherei, so hätte ich auch hineinkommen müssen. Denn ich hätte mich, wenn es länger gewährt hätte, zu Tode gemartert mit Wachen, Beten, Lesen und anderer Mühe und Arbeit.“

Luther war als Mönch also – modern gesagt – so eine Art Glaubens-Workoholic, immer getrieben von der Angst, nicht gut genug zu sein. Das ging damals vielen so: aus Angst vor Gott, vor Gottes Strafen, vor der Hölle. Die damalige Kirche schürte diese Angst – und sie machte ein Angebot, etwas gegen die Angst zu tun. Sie versprach: Wer Ablassbriefe kauft, kann sich und auch seine Angehörigen von Höllenstrafen freikaufen.

Geld statt Höllenstrafen – diesen Ablasshandel hielt Martin Luther für falsch. Er las in der Bibel, er dachte nach, er betete, er diskutierte mit anderen. Ihm wurde immer klarer: Das geht so nicht. Heute vor 500 Jahren veröffentlichte Luther seine berühmten 95 Thesen. Sie waren ein Aufruf, um über den Ablasshandel zu diskutieren. Doch tragen sie bereits viel grundsätzliche Einsichten in sich. Luther war überzeugt: Mit dem Ablass wird den Menschen ein falsches Bild von Gott vermittelt. Gott wird dargestellt als der Richter, der jeden Menschen nach seinen Sünden zwar gerecht, aber gnadenlos bestraft. Unter diesem Bild von Gott hatte Luther selbst jahrelang sehr gelitten. Und manche tun das bis heute. Denn kein Mensch kann die Gebote Gottes wirklich alle erfüllen.

Luther erlebte es als großartige, persönliche Befreiung, als er im Studium der Bibel entdeckte: Gott ist anders. Gott ist voller Liebe, im Vertrauen auf ihn kann ich frei leben. Gott liebt mich nicht aufgrund meiner guten Taten noch schickt er mich ins Höllenfeuer aufgrund meiner schlechten Taten. Mit dem neuen Blick auf Gott änderte sich sein Blick auf sich selbst und die Welt. Das Leben ist nicht das, was wir leisten und zustande bringen – mehr oder weniger gut. Wir leben als von Gott gnädig beschenkte Menschen. In seinem Kleinen Katechismus sagt Luther das so:

„Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; … mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit.“

Für die Güte Gottes sah Luther einen klaren Beweis: Jesus Christus, in dem Gott selbst Mensch geworden ist. Durch ihn hat Gott gezeigt, dass Sünde und Schuld Menschen nicht von seiner Liebe trennen. Wer sich Christus anvertraut und auf ihn schaut, muss sich vor nichts und niemandem fürchten. Luther entdeckte: Diese gute Botschaft kann Menschen nicht nur trösten, sondern auch stark machen. Mit Vertrauen auf Gott im Herzen können sie in aller Freiheit Verantwortung übernehmen – für sich, ihren Glauben, ihre Kirche, ihr Leben. Um dieses Vertrauen zu stärken – davon war Luther überzeugt, hilft es, selber die Bibel studieren.

Dazu ist es nötig, lesen zu lernen, sich zu bilden, einen kritischen Geist auszuprägen, zu einer persönlichen Haltung finden. Das waren damals neue Gedanken. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis aus dem reformatorischen Gedanken mündiger Christinnen und Christen eine Gesellschaft mündiger Bürgerinnen und Bürger entstand. Leider muss man sagen, dass die Kirchen später dieser Entwicklung oft eher im Weg standen, anstatt sie zu fördern. Doch das Evangelium, die frohe Botschaft von der Liebe Gottes, die die Reformation stark gemacht hat, fordert den aufrechten Gang, die eigene Haltung. Das hat einen neuen Blick eröffnet – auf Gott, auf das eigene Leben und auf die Welt. Das wurde von vielen aufgegriffen und hat auch mitgeprägt, wie wir heute die universalen Menschenrechte verstehen. Vor allem der wichtigste Satz in unserem Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Die Reformation ist deshalb nicht nur eine geistliche und kirchliche Bewegung, sondern auch ein gesellschaftliches Ereignis von Weltrang. Es ist schön, dass alle Bundesländer dies würdigen, indem sie den heutigen 500. Reformationstag zum arbeitsfreien Feiertag erklärt haben.

Viele sagen heute: „Was ich habe, was ich bin, das habe ich mir selbst zu verdanken.“ Luther sowie die anderen Männer und Frauen der Reformation kamen zu einem anderen Bild: Das Leben als Geschenk. Das bedeutet: Ich bin nicht nur das, was ich leisten kann, sondern mehr. Mein Selbstwertgefühl muss nicht abhängig sein von meiner Leistung und meinem Erfolg. Das gibt mir eine gewisse Gelassenheit. Es hilft mir auch hin und wieder zu etwas „nein“ zu sagen, obwohl es in der Gesellschaft scheinbar zu einem erfolgreichen Leben dazugehört. Ähnliches erkennen manchmal Menschen, wenn sie eine schwere Krankheit oder sogar Todesgefahr überstanden haben. Dann sagen sie: „Jetzt weiß ich, was wirklich im Leben zählt. Nämlich jeden Tag als ein Geschenk zu begreifen und mich an allem freuen, was mir Kraft zum Leben gibt.“

Manche gehen noch einen Schritt weiter und sagen: „Auch und gerade dann, wenn mir etwas nicht gelingt oder wenn etwas nicht gut läuft, erkenne ich, welchen Halt ich im Glauben an Gott habe.“ Martin Luther selbst wusste nur allzu gut, dass dieses Vertrauen nicht immer da ist. Deshalb war er ein gefragter Ratgeber und Seelsorger. Einem Freund, der dazu neigte, alles schwer zu nehmen, schreibt er folgendes:

„Unser Gott ist nicht ein Gott der Traurigkeit, sondern ein Gott des Trostes und der Fröhlichkeit … Der Geist Christi tröste und erfreue dein Herz … Darum sei guten und starken Mutes und wirf alle schrecklichen Gedanken gänzlich von dir … Sprich mit Menschen und trink etwas reichlicher oder treibe Scherz und Possen oder tue irgendetwas anderes Heiteres.“

Wann bin ich gut genug? Wenn Gott einen von der Last dieser Frage befreit, dann legt man nicht einfach die Hände in den Schoß, weil der Antrieb weg ist, etwas zu tun. Sich beschenkt zu wissen, bedeutet zu sehen, was ich kann und was mir möglich ist. Und das auch gern tun und sich am Erfolg freuen. Wer sich von Gott geliebt weiß, kann in sich einen doppelten Reflex spüren. Zum einen bin ich frei von der Angst, in den Fragen und Sorgen des Alltags unterzugehen. Und zum anderen spüre ich die Lust, auch für andere da zu sein und mich für sie einzusetzen. Das hat Luther in einem kleinen Buch beschrieben, es trägt den Titel „Von der Freiheit eines Christenmenschen“.

„Ei, so will ich solchem Vater, der mich mit seinen überschwenglichen Gütern so überschüttet hat, umgekehrt frei, fröhlich und umsonst tun, was ihm wohlgefällt, und gegen meinen Nächsten auch ein Christ werden, wie Christus es mir geworden ist, und nichts mehr tun, als was ich nur sehe, daß es ihm not, nützlich und selig sei.“

Menschen, die glauben, liegt auch das Wohl anderer am Herzen. Dabei ist klar: Menschen haben unterschiedliche Aufgaben, unterschiedliche Berufe, auch unterschiedliche Gaben und Fähigkeiten. Aber damit sind die einen nicht mehr wert als die anderen: weder die weltlichen Fürsten noch die Geistlichen oder Menschen in allen anderen Berufen und aller anderen Arbeit. Wo Menschen sich als beschenkte Menschen füreinander einsetzen, wird der Alltag zum Gottesdienst. Das waren revolutionäre Gedanken in der damaligen Gesellschaft, die ein klares Oben und Unten kannte. Auch für Luther selbst. Nicht immer hat er seinem eigenen Anspruch genügt. Und das wusste er auch.

Wenn ich heute die Gelegenheit hätte, mit Martin Luther zu reden, würde ich ihn fragen: „Du hast gesagt, dass es unser Auftrag ist, füreinander da zu sein. Warum hast du dann die Fürsten ermutigt, die Bauern niederzuschlagen, als diese für ein besseres Leben aufbegehrten? Warum hast du im Alter so schlecht von den Juden und den Muslimen gesprochen?“ Luther würde vermutlich antworten, dass er Unruhen, Chaos und Gewalt vermeiden wollte. Und dass er das Evangelium von Jesus Christus stark machen wollte. Aber er wäre gewiss auch zutiefst erschrocken, wie seine Äußerungen dann menschenverachtend genutzt wurden.

Diese Welt und das Leben von der Liebe Gottes her zu sehen, bedeutet für mich heute, mich konsequent dafür einzusetzen, dass niemand diskriminiert und verachtet wird – aus welchen Gründen auch immer. Man kann nicht Gott lieben und den Nächsten verachten.

Die Reformation hat den Blick auf Gott verändert – auch auf die Menschen und die Welt. Das ist ein Schatz, den jede Generation weiterdenken muss. Was die Reformation für uns heute und morgen bedeutet, dafür sind mir zwei Aspekte wichtig. Der erste: Wir begreifen immer klarer, dass alles Leben ein Teil dieser einen Welt ist. Das hat ein Mann auf den Punkt gebracht, dessen Name schon eine Beziehung zu Martin Luther ausdrückt: der US-amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King. Als er 1964 den Friedensnobelpreis erhielt, sagte er:

„Dies ist das gewaltige neue Problem der Menschheit. Wir haben ein stattliches Haus geerbt, ein großes ´Welthaus`, in dem wir zusammen leben müssen – Schwarze und Weiße, Menschen aus dem Osten und dem Westen, Heiden und Juden, Katholiken und Protestanten, Moslems und Hindus, eine Familie, die in ihren Ideen, ihrer Kultur und ihren Interessen übermäßig verschieden ist und die – weil wir nie mehr ohne einander leben können – irgendwie lernen muss, in dieser großen Welt miteinander zu leben.“

Damit denkt Martin Luther King weiter, was Martin Luther entdeckte: die Welt und jegliches Leben sind ein Geschenk Gottes. Uns anvertraut für eine begrenzte Zeit, damit wir und die Menschen nach uns leben können. Dazu passt es nicht, die Welt eigennützig zu beherrschen und auszubeuten. Dazu passt auch nicht, dass Menschen auf Kosten anderer leben, und sagen: Wir zuerst und dann die anderen, sofern noch etwas übrig bleibt. Wer so denkt und redet, verweigert sich dem so wichtigen Gedanken des Glaubens, dass Gottes Liebe und seine Gnade allen Menschen gilt.

Der zweite Aspekt ist der Umgang mit der Angst. Von der Angst vor Gott sprechen heute nicht mehr viele Menschen. Das ist auch ein Erfolg der Reformation. Aber es gibt viele andere Ängste, die Menschen heute drangsalieren. Dazu gehört auch die Angst, nicht gut genug zu sein. Jedenfalls treibt diese Angst viele Menschen an, immer mehr zu wollen: mehr haben, mehr können, mehr machen. Dieser innere Drang hetzt sie durch das Leben, er heizt auf der Welt viele Konflikte an. Er kann auch dazu führen, sich über andere zu stellen und auszugrenzen.

Allen Getriebenen und Gehetzten fällt die Reformation in den Arm und sagt: Du bist gut genug! Du bist von Gott geliebt. Diese Welt ist von Gott geliebt. Es ist genug für alle da. Nimm dein Leben, die Menschen und die Welt wahr als Geschenk Gottes, als Schatz, der bestaunt werden will. Und dann sieh zu, was du tun kannst, um diesen Schatz zu genießen und zu bewahren. Nicht weil du musst, sondern weil du willst. Aus freien Stücken, aus Freude am Leben, aus Liebe zu den Menschen, im Glauben an Gott.

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