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Wir heißen Gottes Kinder und sind es
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Wir heißen Gottes Kinder und sind es

Martina Patenge
Ein Beitrag von

Martina Patenge,

Katholische Referentin für Glaubensvertiefung und Spiritualität, Kardinal-Volk-Haus Bingen
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Wir heißen Gottes Kinder und sind es
 

Familie – das ist ein Wort! Familie ist sehr verschieden besetzt. Die einen schwelgen dabei in Erinnerungen, die anderen schrecken zusammen. Die meisten Menschen sind in einer Familie aufgewachsen, aber sie haben Unterschiedliches erlebt. „Die Familie“ gibt es nicht. Familie kann ein Ort sein, den man nur fliehen möchte, für andere bedeutet sie Halt und Wärme. Familienleben ist immer sehr komplex. Heile Welt und Bullerbü-Romantik sind eher Wunsch als Wirklichkeit. Gerade in den Tagen nach Weihnachten wird das auch in Beratungsstellen und bei der Telefonseelsorge deutlich: sie haben viel zu tun mit Ratsuchenden, die enttäuscht und traurig sind über verkrachte Weihnachtsfeiern  und leergelaufene Familienrituale. Oder in deren Familien sich - wieder einmal - Dramen abspielten. Die Wünsche nach heiler Familienwelt und die Wirklichkeit passen oft nicht richtig zusammen.

Das Wort „Familie“ ist also nicht eindeutig – und schon gar nicht am Tag der „Heiligen Familie“, den die katholische Kirche heute begeht. Da ist eher Vorsicht geboten. Denn die „Heilige Familie“ mit Jesus, Maria und Josef, die eignet sich nicht als Vorbild. In der Bibel steht eine einzige Szene aus dem Familienleben der Heiligen Familie, eine Szene voller Probleme. Und die wird so erzählt:

Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach. Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Knabe Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es bemerkten. Sie meinten, er sei in der Pilgergruppe und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten nach ihm. Da geschah es, nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.

Als seine Eltern ihn sahen, waren sie voll Staunen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Da sagt er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?

Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte.

Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen. Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.  (Lukas 2,41-52)

Musik 1: „Schließe, mein Herze“ aus dem Weihnachtsoratorium von J.S. Bach (CD:  J.S. Bach, Weihnachtsoratorium, Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann, CD 1, Track 31, bis ca. 2.38 min).

Die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel ist schon eine besondere Geschichte – sie erzählt  von einem eigensinnigen Zwölfjährigen, der freche Antworten gibt – einer aufgebrachten, vorwurfsvollen Mutter – einem schweigenden Vater. Das Kind tut, was es will. Keiner versteht den anderen. Mutter und Sohn reden aneinander vorbei: Das ist die Heilige Familie! Für ein romantisches Familienbild taugt diese Erzählung wirklich nicht. Aber – das ist auch nicht ihre Absicht, es geht nicht um moralische Vorbilder, Familiensysteme oder Kommunikationsweisen. Die Erzählung hat ein völliges anderes Ziel. Sie will etwas über Jesus sagen – sie will deutlich machen, wie Jesus denkt und was ihm wichtig ist. Ja, und wie eigensinnig er seiner Berufung folgt, die er bereits als junger Mensch ahnt.

In der jüdischen Tradition gab es für die Jungen zwischen dem 12. und 13. Lebensjahr das „Jahr der Gewöhnung“.  Da wurden sie allmählich an die schweren jüdischen Glaubensgesetze herangeführt. Dazu gehört auch die Teilnahme an der Wallfahrt nach Jerusalem – für Jesus, seine Eltern und alle anderen Pilger ein weiter Weg zu Fuß in Hitze und Staub. Aber es muss sein: Das Paschafest  in Jerusalem ist Höhepunkt des Glaubenslebens. Ein Riesentrubel in der Stadt. In den Vorräumen des Tempels sitzen die Schriftgelehrten, bereit zu Frage und Antwort. Ihnen zu Füßen die Schüler. Und hier, bei den Gelehrten, sitzt Jesus und vergisst alles, seine Eltern, die Verwandten und Gleichaltrigen und den Rückweg. Er sitzt da bei den gelehrten Männern und kann offensichtlich nicht genug kriegen von den Gesprächen. Vielleicht ist er froh, dass er endlich kundige Gesprächspartner hat, dass er endlich alles fragen kann, was ihn umtreibt. Und es zeigt sich etwas sehr Ungewöhnliches: Obwohl er noch ein halbes Kind ist, hat er schon sehr viel über die Thora gelernt und kann sein Wissen jetzt ausprobieren, fast wie ein Großer. Kein Wunder, dass er völlig darin aufgeht. Kein Wunder, dass die Gelehrten ihn bewundern.

Aber von all dem wissen seine Eltern nichts. Von dieser Seite kennen sie ihn noch nicht. Als sie ihn nach fieberhafter Suche endlich finden – da sitzt vor ihnen ein fremdgewordenes Kind, über das sie nur staunen können. Dieser belesene und kluge junge Mensch soll ihr Sohn Jesus sein? Sie verstehen überhaupt noch nicht, was da mit ihm geschehen ist und was das bedeutet.

Es ist ja wirklich sehr rätselhaft!

Musik 2: Robert Schumann, Warum?, Fantasiestücke op. 12 Nr. 3 (CD: Robert Schumann, Kinderszenen, Kreisleriana, Fantasiestücke, Alfred Brendel).

Kinder geben ihren Eltern ja manchmal seltsame Antworten. Fast beruhigend, dass das damals in der so genannten „Heiligen Familie“ auch schon so war. Da sagt Jesus zu Maria und Josef, als sie ihn nach langer Suche im Tempel endlich gefunden hatten: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte.“

Ich stelle mir vor, wie die Mutter Maria ihren Sohn Jesus verständnislos anschaut. Was soll denn diese merkwürdige Frage statt einer Antwort? Der Junge reagiert überhaupt nicht  auf ihre  Sorge und den Schmerz. Drei Tage und Nächte haben sie nicht gewusst, wo er ist. Drei Tage in größter Angst gelebt. Also ich kann mir die Aufregung, die Tränen, die Angst und die schlaflosen Nächte der Eltern gut vorstellen. Aber ein Zwölfjähriger kann das vermutlich nicht. Der macht sich darüber vielleicht gar keine Gedanken. Jesus folgte einem anderen Impuls. Aber was ist das für ein Impuls? Was sind das für Ideen, von denen er spricht? Offensichtlich ereignet sich hier gerade etwas völlig Neues. Von dieser Seite kennen seine Eltern ihn noch gar nicht. Woher also hätten die Eltern wissen sollen, was in ihm vorgeht? Maria versteht in dem Moment wahrscheinlich die Welt nicht mehr. Das kennen alle Eltern, die mit ihren Kindern die Pubertät erleben oder erlebt haben: Eben noch waren sie klein und niedlich, und auf einmal sind sie verändert, kratzbürstig, fremd. Eben noch haben sie um Hilfe gefragt, nun wollen sie mit aller Macht ihre eigenen Wege gehen. Das erleben nun auch Maria und Josef. Aber nicht nur das. Sie müssen sich anhören, dass Jesus das tun “muss“. Er muss sich ablösen, er muss seinem inneren Impuls folgen, der ihm sagt: „Ich muss im Tempel sein, ich muss noch mehr wissen über Gott und die Religion, ich muss dort sein, wo das Heilige ist! Ich muss es, weil ich nah bei meinem Vater sein muss.“ Und dieser Vater ist Gott.

Musik 3: J.S. Bach, „Der Tag, der ist so freudenreich“, Nr. 13 aus dem Orgelbüchlein (CD: J.S. Bach, Orgelbüchlein, Francesco Cera).

Jesus sagt seinen Eltern, dass er einer starken inneren Stimme, der Stimme Gottes gehorchen muss. Er nennt Gott „seinen Vater“. Vielleicht war das bisher noch nicht deutlich, aber jetzt! Jetzt scheint er zu ahnen, dass er in einer besonderen inneren Verbindung zu Gott lebt. Er spürt, dass er dem nicht ausweichen kann, dass er einen sehr großen Auftrag zu erfüllen hat. Und dieser Auftrag heißt: Jesus soll auf Gott hören. Kaum herangewachsen, zeigt sich diese Fähigkeit –  zu hören auf Gott, Gottes Willen zu erkennen und zu gehorchen, sich da ganz hineinzugeben – um ganz und gar für Gott da zu sein. Dies wird sich deutlicher ausbilden, wenn er erwachsen ist – für die nächste Zeit wird er noch mit seinen Eltern leben und immer mehr heranreifen. Aber es wird jetzt allmählich sichtbar, dieses radikale Leben für und mit Gott. Und das wird sein Markenzeichen: Denn Jesus verhält sich als Erwachsener ja genauso, wie es der Zwölfjährige schon ahnen lässt: er brüskiert manchmal die, die ihm lieb sind – geht eigene Wege, überschreitet Grenzen und Gebote und tut vieles, was keiner versteht. Und immer begründet er seine Handlungsweise so: „Ich muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Ja, das ist seine eigentliche Berufung: Er möchte Gott gehorchen, und das heißt unter anderem: er möchte von diesem Gott erzählen und die Müden und Notleidenden lehren, wie er ihn erlebt – möchte reden von der Liebe und zeigen, dass dieser Gott ein liebender Gott ist. Ein Gott, der will, dass die Menschen in seinen Spuren gehen – aber der ihnen dabei viel Freiheit lässt. Dass Jesus das überall laut sagt und zeigt, wirkt auf die Zuhörenden unterschiedlich. Für alle Armen ist es ein Glücksfall,  und auch für die Kranken und Ausgeschlossenen, die von Jesus geheilt oder gestärkt werden. Aber andere fühlen sich provoziert, weil da einer Religion und Glaube neu definiert. Darin ist Jesus kompromisslos. Er kann und will nicht anders als ausschließlich für Gott da sein. Bis zum bitteren Ende. Er wird als Erwachsener ein kompromissloser verständiger Lehrer, der seine heiligen Schriften kennt und der aus einer unmittelbaren Verbindung mit Gott lebt. Aus ihm spricht immer mehr Gottes Weisheit. Die Erlebnisse jetzt anlässlich der Pilgerfahrt nach Jerusalem waren eine erste Kostprobe davon.

Wenn ich all das sehe, was aus diesem Jesus geworden ist – und dann noch mal schaue auf die Familienszene im Tempel – dann klingt die „Heilige Familie“ nicht mehr kitschig für mich. Sondern dann klingt das nach dem ganz normalen Leben, nach Konflikten und Problemen, wie sie viele Eltern mit ihren Kindern kennen. Es klingt nach einer ganz normalen Familie, auch wenn dieser Sohn zu einem sehr besonderen Menschen heranwächst. Seine Eltern müssen lernen, wie alle Eltern, ihr Kind loszulassen.

Musik 4: Robert Schumann, Fabel, Fantasiestücke op. 12 Nr.  6 (CD: Robert Schumann, Kinderszenen, Kreisleriana, Fantasiestücke, Alfred Brendel).

In seiner Familie, die „Heilige Familie“ genannt wird, wurde Jesus behütet und erzogen, bis er auf eigenen Beinen stehen konnte. Als Erwachsener allerdings hat er den Begriff Familie ausgeweitet: Seine Familie sind alle diejenigen, die die mit ihm an Gott glauben und versuchen, aus diesem Glauben zu leben und zu handeln. Das gilt bis heute. „Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es“, so drückt es der 1.Johannesbrief in der Bibel aus. Zu Gottes Familie gehören – das ist ja ein ganz wunderbares Bild. Hier wird natürlich ein freundliches und offenes Bild von Familie grundgelegt – ein liebevoller Raum, in dem die glaubenden Menschen wachsen und reifen dürfen in der Gemeinschaft mit Gott. Ich spüre etwas von dieser Familie Gottes zum Beispiel in einem Gottesdienst, wenn gemeinsam gesungen und gebetet wird und etwas zum Klingen kommt von der gemeinsamen Hoffnung, ….oder ich spüre es in Glaubensgesprächen, wenn wildfremde Menschen einander von ihrem Glaubensfragen erzählen und merken: das tut gut! Ganz besonders auch habe ich dieses Familien-Gefühl, wenn so ein Gespräch auch offen ist für Zweifel und Glaubensnot. Weil das alles gar nicht so leicht ist mit Gott, Jesus und dem Heiligen Geist. Weil Glaubende sich oft genug auf der Suche befinden und gerade gar nichts fühlen – das ist ja in jedem glaubenden Menschen eine lebenslange Hin- und Herbewegung. Wenn ich  dann mein Suchen ausdrücken darf und meine Zweifel – und das sagen darf, was mich gerade plagt, wenn dann andere zuhören und niemand überredet mich oder schwingt theologische, richtige, wichtige, aber im Moment für mich fremd klingende Sätze, dann geht mir das Herz auf. Dann fühle ich mich aufgehoben wie in einer guten Familie. Und es tut mir gut, wenn andere mal für eine Zeit stellvertretend hoffen und glauben, bis ich mich wieder selbst mehr einklinken kann. Und egal, ob ich es gerade spüre oder nicht: Wie wunderbar, auch ich bin ein Kind Gottes! Immer!

Musik 5: „Ehre sei dir, Gott, gesungen“ aus dem Weihnachtsoratorium von J.S. Bach (CD:  J.S. Bach, Weihnachtsoratorium, Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann, CD 2, Track 8, ca. 3.00 min (von ca. 3.45 bis 6.42 / Wiederholung).

 

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Das Wort „Familie“ ist also nicht eindeutig – und schon gar nicht am Tag der „Heiligen Familie“, den die katholische Kirche heute begeht. Da ist eher Vorsicht geboten. Denn die „Heilige Familie“ mit Jesus, Maria und Josef, die eignet sich nicht als Vorbild. In der Bibel steht eine einzige Szene aus dem Familienleben der Heiligen Familie, eine Szene voller Probleme. Und die wird so erzählt:

Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach. Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Knabe Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es bemerkten. Sie meinten, er sei in der Pilgergruppe und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten nach ihm. Da geschah es, nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.

Als seine Eltern ihn sahen, waren sie voll Staunen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Da sagt er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?

Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte.

Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen. Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.  (Lukas 2,41-52)

Musik 1: „Schließe, mein Herze“ aus dem Weihnachtsoratorium von J.S. Bach (CD:  J.S. Bach, Weihnachtsoratorium, Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann, CD 1, Track 31, bis ca. 2.38 min).

Die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel ist schon eine besondere Geschichte – sie erzählt  von einem eigensinnigen Zwölfjährigen, der freche Antworten gibt – einer aufgebrachten, vorwurfsvollen Mutter – einem schweigenden Vater. Das Kind tut, was es will. Keiner versteht den anderen. Mutter und Sohn reden aneinander vorbei: Das ist die Heilige Familie! Für ein romantisches Familienbild taugt diese Erzählung wirklich nicht. Aber – das ist auch nicht ihre Absicht, es geht nicht um moralische Vorbilder, Familiensysteme oder Kommunikationsweisen. Die Erzählung hat ein völliges anderes Ziel. Sie will etwas über Jesus sagen – sie will deutlich machen, wie Jesus denkt und was ihm wichtig ist. Ja, und wie eigensinnig er seiner Berufung folgt, die er bereits als junger Mensch ahnt.

In der jüdischen Tradition gab es für die Jungen zwischen dem 12. und 13. Lebensjahr das „Jahr der Gewöhnung“.  Da wurden sie allmählich an die schweren jüdischen Glaubensgesetze herangeführt. Dazu gehört auch die Teilnahme an der Wallfahrt nach Jerusalem – für Jesus, seine Eltern und alle anderen Pilger ein weiter Weg zu Fuß in Hitze und Staub. Aber es muss sein: Das Paschafest  in Jerusalem ist Höhepunkt des Glaubenslebens. Ein Riesentrubel in der Stadt. In den Vorräumen des Tempels sitzen die Schriftgelehrten, bereit zu Frage und Antwort. Ihnen zu Füßen die Schüler. Und hier, bei den Gelehrten, sitzt Jesus und vergisst alles, seine Eltern, die Verwandten und Gleichaltrigen und den Rückweg. Er sitzt da bei den gelehrten Männern und kann offensichtlich nicht genug kriegen von den Gesprächen. Vielleicht ist er froh, dass er endlich kundige Gesprächspartner hat, dass er endlich alles fragen kann, was ihn umtreibt. Und es zeigt sich etwas sehr Ungewöhnliches: Obwohl er noch ein halbes Kind ist, hat er schon sehr viel über die Thora gelernt und kann sein Wissen jetzt ausprobieren, fast wie ein Großer. Kein Wunder, dass er völlig darin aufgeht. Kein Wunder, dass die Gelehrten ihn bewundern.

Aber von all dem wissen seine Eltern nichts. Von dieser Seite kennen sie ihn noch nicht. Als sie ihn nach fieberhafter Suche endlich finden – da sitzt vor ihnen ein fremdgewordenes Kind, über das sie nur staunen können. Dieser belesene und kluge junge Mensch soll ihr Sohn Jesus sein? Sie verstehen überhaupt noch nicht, was da mit ihm geschehen ist und was das bedeutet.

Es ist ja wirklich sehr rätselhaft!

Musik 2: Robert Schumann, Warum?, Fantasiestücke op. 12 Nr. 3 (CD: Robert Schumann, Kinderszenen, Kreisleriana, Fantasiestücke, Alfred Brendel).

Kinder geben ihren Eltern ja manchmal seltsame Antworten. Fast beruhigend, dass das damals in der so genannten „Heiligen Familie“ auch schon so war. Da sagt Jesus zu Maria und Josef, als sie ihn nach langer Suche im Tempel endlich gefunden hatten: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte.“

Ich stelle mir vor, wie die Mutter Maria ihren Sohn Jesus verständnislos anschaut. Was soll denn diese merkwürdige Frage statt einer Antwort? Der Junge reagiert überhaupt nicht  auf ihre  Sorge und den Schmerz. Drei Tage und Nächte haben sie nicht gewusst, wo er ist. Drei Tage in größter Angst gelebt. Also ich kann mir die Aufregung, die Tränen, die Angst und die schlaflosen Nächte der Eltern gut vorstellen. Aber ein Zwölfjähriger kann das vermutlich nicht. Der macht sich darüber vielleicht gar keine Gedanken. Jesus folgte einem anderen Impuls. Aber was ist das für ein Impuls? Was sind das für Ideen, von denen er spricht? Offensichtlich ereignet sich hier gerade etwas völlig Neues. Von dieser Seite kennen seine Eltern ihn noch gar nicht. Woher also hätten die Eltern wissen sollen, was in ihm vorgeht? Maria versteht in dem Moment wahrscheinlich die Welt nicht mehr. Das kennen alle Eltern, die mit ihren Kindern die Pubertät erleben oder erlebt haben: Eben noch waren sie klein und niedlich, und auf einmal sind sie verändert, kratzbürstig, fremd. Eben noch haben sie um Hilfe gefragt, nun wollen sie mit aller Macht ihre eigenen Wege gehen. Das erleben nun auch Maria und Josef. Aber nicht nur das. Sie müssen sich anhören, dass Jesus das tun “muss“. Er muss sich ablösen, er muss seinem inneren Impuls folgen, der ihm sagt: „Ich muss im Tempel sein, ich muss noch mehr wissen über Gott und die Religion, ich muss dort sein, wo das Heilige ist! Ich muss es, weil ich nah bei meinem Vater sein muss.“ Und dieser Vater ist Gott.

Musik 3: J.S. Bach, „Der Tag, der ist so freudenreich“, Nr. 13 aus dem Orgelbüchlein (CD: J.S. Bach, Orgelbüchlein, Francesco Cera).

Jesus sagt seinen Eltern, dass er einer starken inneren Stimme, der Stimme Gottes gehorchen muss. Er nennt Gott „seinen Vater“. Vielleicht war das bisher noch nicht deutlich, aber jetzt! Jetzt scheint er zu ahnen, dass er in einer besonderen inneren Verbindung zu Gott lebt. Er spürt, dass er dem nicht ausweichen kann, dass er einen sehr großen Auftrag zu erfüllen hat. Und dieser Auftrag heißt: Jesus soll auf Gott hören. Kaum herangewachsen, zeigt sich diese Fähigkeit –  zu hören auf Gott, Gottes Willen zu erkennen und zu gehorchen, sich da ganz hineinzugeben – um ganz und gar für Gott da zu sein. Dies wird sich deutlicher ausbilden, wenn er erwachsen ist – für die nächste Zeit wird er noch mit seinen Eltern leben und immer mehr heranreifen. Aber es wird jetzt allmählich sichtbar, dieses radikale Leben für und mit Gott. Und das wird sein Markenzeichen: Denn Jesus verhält sich als Erwachsener ja genauso, wie es der Zwölfjährige schon ahnen lässt: er brüskiert manchmal die, die ihm lieb sind – geht eigene Wege, überschreitet Grenzen und Gebote und tut vieles, was keiner versteht. Und immer begründet er seine Handlungsweise so: „Ich muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Ja, das ist seine eigentliche Berufung: Er möchte Gott gehorchen, und das heißt unter anderem: er möchte von diesem Gott erzählen und die Müden und Notleidenden lehren, wie er ihn erlebt – möchte reden von der Liebe und zeigen, dass dieser Gott ein liebender Gott ist. Ein Gott, der will, dass die Menschen in seinen Spuren gehen – aber der ihnen dabei viel Freiheit lässt. Dass Jesus das überall laut sagt und zeigt, wirkt auf die Zuhörenden unterschiedlich. Für alle Armen ist es ein Glücksfall,  und auch für die Kranken und Ausgeschlossenen, die von Jesus geheilt oder gestärkt werden. Aber andere fühlen sich provoziert, weil da einer Religion und Glaube neu definiert. Darin ist Jesus kompromisslos. Er kann und will nicht anders als ausschließlich für Gott da sein. Bis zum bitteren Ende. Er wird als Erwachsener ein kompromissloser verständiger Lehrer, der seine heiligen Schriften kennt und der aus einer unmittelbaren Verbindung mit Gott lebt. Aus ihm spricht immer mehr Gottes Weisheit. Die Erlebnisse jetzt anlässlich der Pilgerfahrt nach Jerusalem waren eine erste Kostprobe davon.

Wenn ich all das sehe, was aus diesem Jesus geworden ist – und dann noch mal schaue auf die Familienszene im Tempel – dann klingt die „Heilige Familie“ nicht mehr kitschig für mich. Sondern dann klingt das nach dem ganz normalen Leben, nach Konflikten und Problemen, wie sie viele Eltern mit ihren Kindern kennen. Es klingt nach einer ganz normalen Familie, auch wenn dieser Sohn zu einem sehr besonderen Menschen heranwächst. Seine Eltern müssen lernen, wie alle Eltern, ihr Kind loszulassen.

Musik 4: Robert Schumann, Fabel, Fantasiestücke op. 12 Nr.  6 (CD: Robert Schumann, Kinderszenen, Kreisleriana, Fantasiestücke, Alfred Brendel).

In seiner Familie, die „Heilige Familie“ genannt wird, wurde Jesus behütet und erzogen, bis er auf eigenen Beinen stehen konnte. Als Erwachsener allerdings hat er den Begriff Familie ausgeweitet: Seine Familie sind alle diejenigen, die die mit ihm an Gott glauben und versuchen, aus diesem Glauben zu leben und zu handeln. Das gilt bis heute. „Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es“, so drückt es der 1.Johannesbrief in der Bibel aus. Zu Gottes Familie gehören – das ist ja ein ganz wunderbares Bild. Hier wird natürlich ein freundliches und offenes Bild von Familie grundgelegt – ein liebevoller Raum, in dem die glaubenden Menschen wachsen und reifen dürfen in der Gemeinschaft mit Gott. Ich spüre etwas von dieser Familie Gottes zum Beispiel in einem Gottesdienst, wenn gemeinsam gesungen und gebetet wird und etwas zum Klingen kommt von der gemeinsamen Hoffnung, ….oder ich spüre es in Glaubensgesprächen, wenn wildfremde Menschen einander von ihrem Glaubensfragen erzählen und merken: das tut gut! Ganz besonders auch habe ich dieses Familien-Gefühl, wenn so ein Gespräch auch offen ist für Zweifel und Glaubensnot. Weil das alles gar nicht so leicht ist mit Gott, Jesus und dem Heiligen Geist. Weil Glaubende sich oft genug auf der Suche befinden und gerade gar nichts fühlen – das ist ja in jedem glaubenden Menschen eine lebenslange Hin- und Herbewegung. Wenn ich  dann mein Suchen ausdrücken darf und meine Zweifel – und das sagen darf, was mich gerade plagt, wenn dann andere zuhören und niemand überredet mich oder schwingt theologische, richtige, wichtige, aber im Moment für mich fremd klingende Sätze, dann geht mir das Herz auf. Dann fühle ich mich aufgehoben wie in einer guten Familie. Und es tut mir gut, wenn andere mal für eine Zeit stellvertretend hoffen und glauben, bis ich mich wieder selbst mehr einklinken kann. Und egal, ob ich es gerade spüre oder nicht: Wie wunderbar, auch ich bin ein Kind Gottes! Immer!

Musik 5: „Ehre sei dir, Gott, gesungen“ aus dem Weihnachtsoratorium von J.S. Bach (CD:  J.S. Bach, Weihnachtsoratorium, Gaechinger Cantorey, Hans-Christoph Rademann, CD 2, Track 8, ca. 3.00 min (von ca. 3.45 bis 6.42 / Wiederholung).

 

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