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So finden Himmel und Erde zusammen
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So finden Himmel und Erde zusammen

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
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Himmel und Erde – auf dem Teller finden die beiden gut zusammen. Ein volkstümliches Essen heißt so: „Himmel und Erde“. Erde, weil man sich bücken muss, um aus dem Ackerboden die Kartoffeln auszugraben. Himmel, weil man sich nach oben strecken muss, um die Äpfel vom Baum zu pflücken. Damit hat man die beiden Hauptbestandteile von „Himmel und Erde“ - zumindest auf dem Teller.

Himmel und Erde –diese beiden Worte stehen aber noch für viel mehr: für Hoffnung und Realität. Der Erde kommt dabei die eher undankbare Rolle zu, der harte Boden der Tatsachen zu sein. Sie ist der Planet, der uns Menschen mit seiner Schwerkraft festhält. Er ernährt uns und macht uns Sorgen. Die Erde ist der Ort des alltäglichen Lebens, der Mühe. Gerne möchte man ihm mal entrinnen, doch es gelingt nicht.

Anders der Himmel. Er ist von der Erde aus gesehen weit und schön, mal blau, mal bewölkt, mal voller Sterne. Jahrtausende-lang war der Himmel unerreichbar fern. Gerade deshalb bot er sich an als Ziel für Hoffnungen und Sehnsüchte: etwa für den Traum vom großen Glück im siebten Himmel. Auch die christlichen Hoffnungen orientieren sich in diese Richtung: auf das Himmelreich, ein Leben nahe bei Gott. Denn: Wenn etwas „himmlisch“ ist, dann ist es eigentlich zu schön für diese Welt. Dann ist etwas Göttliches daran.

So sind der Himmel und die Erde ein Paar voller Gegensätze. Können die beiden nur in Gestalt von Kartoffeln und Äpfeln auf dem Teller zusammen finden? Oder ginge das auch darüber hinaus? Das ist offenbar schwierig und selten. Sonst würde man öfters davon hören: Vom Himmel auf Erden.

Und doch ginge das. Zumindest behauptet das die Rockgruppe Queen in einem Song. Sein Titel: „Heaven For Everyone“, zu Deutsch: „Himmel für alle“.

Dies könnte der Himmel für alle sein. Diese Welt könnte gut genährt sein, diese Welt könnte Spaß machen. Dies könnte der Himmel für alle sein. Diese Welt könnte frei sein, diese Welt könnte eins sein.

Der Song beschwört den Traum vom Himmel auf Erden. Ein schöner Gedanke. Ein sympathischer Appell. Seine Utopie steckt wohl in jedem Menschen: Genug zu essen für alle. Ein Leben, das nicht vom Überlebenskampf geprägt ist, sondern einfach Spaß macht. Eine Welt, die wirklich Eine Welt ist, in der niemand „Dritter Klasse“ leben muss. Ein Leben in Freiheit – für alle.

Aber: Ginge das - wirklich? Wenn man vom Himmel aus auf die Erde blickt, dann scheint das so zu sein. Alle Astronauten berichten, wie wunderschön die Erde aussieht, wenn man sie vom Himmel aus betrachtet: So reich an Wasser und fruchtbarem Land. Könnte also dieser großartige blaue Planet mit seinen rauschenden Wäldern, plätschernden Bächen, seinen blühenden Feldern und seinen vielen Ressourcen wirklich der Himmel sein? Derzeit ist er es jedenfalls nicht. Denn auf diesem großartigen blauen Planeten geht es weithin nicht sehr himmlisch zu. Jedenfalls längst nicht für alle.

Genau daran hält aber die Popgruppe Queen fest – und ich mir ihr: Zumindest etwas mehr Himmel auf Erden wäre schon möglich. Wenn die Menschheit andere Ziele hätte. Zum Beispiel die Lebensmittel dieser Welt so zu verteilen, dass alle etwas davon haben. Auch mehr Freiheit und Würde für alle sind möglich. Doch das geschieht oft nicht. Zum Menschsein gehört dieser innere Widerspruch: Jeder für sich sehnt sich nach Frieden, nach Freiheit und Gerechtigkeit. Doch zusammen bringen wir Strukturen hervor, die das verhindern. Zwar sind Himmel und Erde tief in uns verwurzelt. Aber was auf der Welt damit wirklich los ist, beobachtet die Gruppe Queen so:

Hör zu, was Leute anderen Seelen antun: Sie nehmen ihnen das Leben, zerstören ihre Ziele. Ihr grundlegender Stolz und ihre Ehre werden ihnen geraubt und heruntergerissen – ohne Mitleid. Während dies der Himmel für alle sein sollte.

Das ist eine bittere Bestandaufnahme: Weit voneinander entfernt sind Erde und Himmel. Wie könnte man die beiden näher zueinander zu bringen? Das beschäftigt Menschen seit Jahrtausenden. Die bittere Erkenntnis: Sie selbst schaffen es offenbar nicht. Wer dann? Diese Frage führt zu Gott: Könnte Gott den Himmel auf die Erde bringen? Oder die Erde in den Himmel?

Darum geht es in der biblischen Geschichte, die dem heutigen Feiertag seinen Namen gibt: Christi Himmelfahrt. Zu Beginn der Geschichte geht Jesus mit seinen Jüngern auf einen Berg. Dort verschwindet er vor ihren Augen. Wie, das berichtet die Bibel nicht genau. Jesus entzieht sich einfach ihren Augen und kehrt zurück zu Gott in den Himmel. Die Jünger bleiben zunächst alleine zurück, bis ihnen Gott zehn Tage später seinen Heiligen Geist schickt.

In der Person Jesu Christi macht Gott den großen Bogen sichtbar, den er zwischen Himmel und Erde gespannt hat. In Jesus Christus nimmt Gott die Gestalt eines Menschen an. Damit macht sich der unnahbare, über alles erhabene Gott sichtbar, angreifbar, ja sogar tödlich verletzbar. In Jesus erlebt Gott die Höhen der Liebe und die Tiefen des Hasses. Am Kreuz wird er hingerichtet. Er ersteht neu auf, zeigt sich seinen Jüngern, lebt noch sechs Wochen mit ihnen. Dann fährt er gen Himmel.

Die Geschichte von der Himmelfahrt Christi will Hoffnung schüren. Der Himmel ist nicht mehr der unerreichbare Sehnsuchtsort, sondern Gott hat ihn geöffnet. Das soll und kann Mut machen.

Dieser Mut kommt bei der Rockgruppe Queen allerdings nicht an. In ihrem Song bleibt die biblische Geschichte von der Himmelfahrt Christi außen vor. Doch auch sie spürt offenbar: Es wäre zu wenig, wenn man auf der Suche nach dem Himmel auf Erden nur bei sich selbst landen würde. Dann kämen am Ende wohl nur politische Appelle heraus oder ein humanistischer Selbstanspruch, den man nicht erfüllen kann. Den Himmel auf Erden muss man sich schenken lassen.

In diesen Tagen des kühlen Überlegens kommst du zu mir und alles scheint in Ordnung zu sein. In diesen Tagen der kalten Gefühle sitzt du bei mir und alles ist gut.

Auf ihrer Suche nach dem Himmel auf Erden landet auch die Popgruppe Queen bei einem Gegenüber, einem geheimnisvollen DU. Wer könnte es sein? Ein neuer Lover, der einen für eine Weile in den siebten Himmel liebt? Oder ein guter Freund, der einem den Sinn des Lebens erschließt? Oder ein geheimnisvoller Retter, der die verletzte Seele heilt? Das bleibt im Song offen. Klar ist nur: In der Nähe dieses geheimnisvollen DU fühlt man sich ganz anders: alles ist gut. Auf ein solches DU ist der Mensch offenbar angelegt. Den Himmel findet er nicht alleine in sich, sondern in einem Gegenüber. In jemandem, den man liebt, und der einen liebt.

Die Bibel gibt diesem DU eine klare Gestalt: Jesus Christus. Er hatte die Gabe, Menschen die Augen zu öffnen. Er zeigte ihnen ein Stück Himmel auf Erden, indem er sie in ihrem mühevollen Alltag aufsuchte. Liebevoll nahm er sie wahr. Bei ihm schöpften sie neuen Mut. In ihm fanden Himmel und Erde für Momente zueinander. Ein guter Anfang, aus dem mehr werden kann und soll.

Vielleicht bedeutet es ja etwas, dass wir inzwischen wissen: Physikalisch gesehen beginnt der Himmel nicht jenseits der Wolken oder jenseits der Atmosphäre, sondern er umfasst die Erde. Die Erde ist gar kein Gegenüber zum Himmel, sie ist ein Teil von ihm. Zumindest physikalisch ist die Erde also schon jetzt im Himmel. Nun muss der andere Himmel nur noch auf die Erde: Heaven for everyone. Dies hier sollte der Himmel für alle sein: Genug zu essen für alle, Freiheit, Würde - für alle. Die Geschichte von Jesu Himmelfahrt ermuntert, darauf zu setzen und sich dafür stark zu machen.

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