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Perspektivwechsel
Bild: Alexas Fotos/Pixabay

Perspektivwechsel

Andrea Wöllenstein
Ein Beitrag von

Andrea Wöllenstein,

Pfarrerin im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marburg
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Es kommt auf die Perspektive an. Ist das Glas halb voll oder halb leer? Sehe ich  im Garten das Unkraut oder die Blumen? Erscheinen Probleme als unüberwindbares Hindernis oder als Herausforderung, die es zu umarmen gilt?
Die Corona-Pandemie hat uns gelehrt, vieles in einem anderen Licht zu sehen. Wir haben neue Perspektiven gewonnen. Auf Verhältnisse, die sich ändern müssen. Auf Berufsgruppen, die bisher oft übersehen worden sind. Wir erkennen: Menschen, die sich für uns krumm machen, sind systemrelevant. Erzieherinnen, Frauen an der Kasse im Supermarkt, Pflege-kräfte im Altenheim. Sie halten die Gesellschaft am Laufen. Schlechtbezahlte Arbeitskräfte oder systemrelevante Berufe? Worte beschreiben nicht nur, was ist, sie erschaffen auch Wirklichkeit. Schenken neue Perspektiven.
Auch die Texte der Bibel kann ich aus unterschiedlicher Perspektive lesen. Der Evangelist Lukas erzählt so eine Geschichte. In der Lutherbibel heißt sie: "Die Heilung einer gekrümmten Frau am Sabbat". In einer anderen Übersetzung steht als Überschrift: "Die aufgerichtete Frau". Zwei Titel, die ganz verschiedene Bilder in mir wachrufen: Die Gekrümmte – oder: die Aufgerichtete.

Musik J.S. Bach, Die Kunst der Fuge, Canon 1

Jesus lehrte in einer Synagoge am Sabbat. So erzählt das Evangelium. Und siehe, eine Frau war da, die hatte seit achtzehn Jahren einen Geist, der sie krank machte; und sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichten. Als aber Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Frau, sei frei von deiner Krankheit! Und legte die Hände auf sie; und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott. Da antwortete der Vorsteher der Synagoge, denn er war unwillig, dass Jesus am Sabbat heilte, und sprach zu dem Volk: Es sind sechs Tage, an denen man arbeiten soll; an denen kommt und lasst euch heilen, aber nicht am Sabbattag. Da antwortete ihm der Herr und sprach: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder seinen Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Sollte dann nicht diese, die doch Abrahams Tochter ist, die der Satan schon achtzehn Jahre gebunden hatte, am Sabbat von dieser Fessel gelöst werden? Und als er das sagte, mussten sich schämen alle, die gegen ihn gewesen waren. Und alles Volk freute sich über alle herrlichen Taten, die durch ihn geschahen.
(Lukas 13, 10-17).

Seit 18 Jahren: Schmerzen. Der Rücken. Immer wieder der Rücken. "Kopf hoch", sagte der Vater, wenn sie als Kind traurig nach Hause kam, "das wird schon wieder!" Aber es wurde nicht. "Halte dich wenigstens gerade, Kind!" sagte die Mutter, "wie siehst du denn aus?" Schlimm sah es aus, und es wurde immer schlimmer. Ihre Freundinnen blühten auf und lachten viel. Sie wurde immer kümmerlicher. Es zog ihr das Herz zusammen und die Schultern. "Die Krumme" sagen die Leute zu ihr und reden von oben herab oder hinter ihrem Rücken. Keiner hat sie angesehen. Ihr ins Gesicht geschaut. Auf Augenhöhe. Doch dann kommt einer, der schaut hin. In der Synagoge. An einem Sabbat. Jesus sieht sie an. Und er sieht in ihr etwas anderes, als die anderen. "Das ist Abrahams Tochter! Das ist eine Frau mit Verheißung, eine Frau mit Zukunft".

Eine Frau mit Zukunft. Nach achtzehn kaputten Jahren! Es ist, als ob Jesus eine Last von den Schultern nimmt. Was sie niedergedrückt und klein gemacht hat. Er legt ihr die Hände auf. Und sie richtet sich auf. Sie kann wieder aufrecht gehen. Nach vorne schauen. Geradestehen, vor Gott und vor den Menschen.

Musik J.S. Bach, Kunst der Fuge, Canon 2

Was Menschen niederdrückt, hat nicht nur körperliche Ursachen. Ob jemand aufrecht durchs Leben geht oder gekrümmt wird, hat viele Faktoren. Manchmal sind es Worte, die einen klein machen. "Das schaffst du nie!" "Nimm dich nicht so wichtig." "Du hast uns gerade noch gefehlt…!" Wer das als Kind immer wieder hört, wird es schwer haben, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Sich selbst zu lieben mit allen Schwächen und Stärken.
In einer Frauengruppe haben wir uns ausgetauscht über das, was im Alltag auf unseren Schultern lastet und uns niederdrückt: Konflikte in der Familie oder an der Arbeit. Das steht für viele an erster Stelle. "Wenn andere mich und meine Arbeit nicht wahrnehmen. Das nimmt mir die Kraft." "Mich belastet der Zeitmangel", sagt eine andere, "wenn ich die Dinge, die ich mir für den Tag vornehme, nicht schaffe." Eine dritte erzählt, dass sie seit vielen Jahren ihre Schwiegermutter pflegt. Neben der Arbeit in Beruf und Familie. Sie hat Angst, diese Anforderungen nicht mehr zu schaffen. "Mir nimmt’s die Luft, wenn ich nicht einmal am Tag "ich selbst" sein kann", sagt sie.
Oft sind es aber auch die eigenen Ansprüche, mit denen wir uns Druck machen. "Ich bin oft selbst mein größter Antreiber", sagt eine junge Frau. "Packe mir immer noch eins mehr drauf, weil ich mich nicht traue, NEIN zu sagen."

Und was tut gut? Was richtet uns auf? Was hilft, wieder gerade zu stehen? Auch davon haben wir uns erzählt. Lob und Anerkennung stand ganz oben. Menschen, die unsere Fähigkeiten sehen. Die sich darüber freuen - und es auch sagen. Wenn mich jemand in den Arm nimmt und mir zeigt: Gut, dass du da bist! Eine alleinstehende Frau erinnert sich an eine Zeit, in der sie völlig am Boden war. Zuerst ging die Ehe auseinander. Dann kam die Diagnose "Brustkrebs". Sie hatte alle Hoffnung verloren. In einer Selbsthilfegruppe hat sie dann Unterstützung gefunden. "Die haben mir etwas zugetraut", sagt sie. "Mich einbezogen in ihre Aktivitäten. Ich konnte sein, wie ich bin. Mich so einbringen, wie ich wollte. Das hat mich aufgerichtet und mir neues Selbstvertrauen gegeben. Wie bei der Frau, zu der Jesus sagt: Du bist ein Mensch mit Zukunft und Hoffnung."

Musik J.S. Bach, Kunst der Fuge, Contrapunctus 13 A 

Jesus wendet sich der Frau zu. Sie richtet sich auf – und schon bahnt sich der erste Konflikt an. Der Vorsteher der Synagoge wird unwillig. Denn: Es ist Sabbat. Da darf man nicht arbeiten. Auch nicht heilen. Das ist gegen die Vorschriften. Er kann sich nicht einlassen auf das Wunder vor seinen Augen. Ist gefangen in seinen Vorstellungen über das, was man darf und was man nicht darf. Und die Anderen? Zu Hause und in der Nachbarschaft? Wie Sie wohl reagiert haben?  Ob sie sich freuen konnten über die aufrechte, selbstbewusste Frau? Oder war ihnen die Gebeugte lieber, die man übersehen kann? Die bescheiden auf den Boden blickt?

Widerstände bleiben nicht aus, wo jemand sich verändert und etwas Neues wagt.
Widerstände gibt es auch in uns selber. Die Erfahrung aufgerichtet zu sein, in Balance zwischen Himmel und Erde, das ist kein Dauerzustand. Nichts, das ich ein für alle Mal habe.
Ein Lob tut gut. Eine Begegnung, in der ich mich wahrgenommen fühle. Aber das gute Gefühl ist auch schnell wieder vergessen, wenn der Alltag wiederkommt mit den Belastungen und Problemen. Auch die aufgerichtete Frau, von der Lukas erzählt, wird fortan nicht nur mit erhobenem Haupt durchs Leben gegangen sein. Widerstände von außen und Zweifel von innen können uns immer wieder klein machen. Aber diesen Zuspruch: "Du bist ein Kind Gottes, aufrecht und frei! Ein Mensch mit Zukunft und Hoffnung!" - diesen Zuspruch können wir wie ein inneres Bild in uns tragen. Das uns begleitet im Auf und Ab unseres Lebens. Es ist gut, mich immer wieder daran zu erinnern. Anzuhalten in meiner Arbeit. Den Boden spüren, der mich trägt und den Himmel, dem ich entgegenwachse. Damit lösen sich nicht alle Probleme, die mir auf den Schultern liegen. Aber es wird dem, was ich tue eine andere Qualität geben.

Genauso spannend ist die Frage: Was muss die Geheilte selber tun, damit sie gesund bleibt?
Wie können wir für uns sorgen? Wo lassen sich Oasen schaffen im Alltag, wo wir ablegen, was uns bedrückt und wieder auftanken. Wo wir uns ausstrecken und aufrichten. Damit wir werden und bleiben, "wie Gott uns geträumt" hat.
Dorothee Sölle sagt das in einem Gedicht so:

Du hast mich geträumt Gott,
wie ich den aufrechten Gang übe
und niederknien lerne,
schöner als ich jetzt bin,
glücklicher als ich mich traue,
freier als bei uns erlaubt.
Hör‘ nicht auf, mich zu träumen, Gott.
Ich will nicht aufhören, mich zu erinnern,
dass ich dein Baum bin,
gepflanzt an den Wasserbächen des Lebens.
(Dorothee Sölle)

Gott träumt, wie wir den aufrechten Gang üben! Was für ein schönes Bild! Und wir? Wir üben es. Üben immer wieder von neuem, aufrecht zu sein und zu bleiben. Wir können und müssen selbst etwas dafür tun. "Ich will nicht aufhören, mich zu erinnern," – damit beginnt es. Dass wir uns erinnern, wozu Gott uns geschaffen hat, wozu Jesus uns befreit: Zu aufrechten Menschen mit freiem Blick. Und dann heißt es: losgehen. Allein oder auch zusammen mit anderen. Damit wir uns gegenseitig unterstützen und ermutigen.

Musik Ann-Helena Schlüter, Improvisation 9

Die Geschichte von der aufgerichteten Frau hat ein Happy End. Der Vorsteher der Synagoge kommt zur Einsicht und schämt sich über seine Engherzigkeit. "Alles Volk aber freute sich über alle herrlichen Taten, die durch Jesus geschahen," heißt es im letzten Vers. Die Frau hat sich aufgerichtet. Sie kann die Welt nun aus einer neuen Perspektive sehen. Aber auch die anderen haben einen neuen Blick bekommen. Ihre engen Vorstellungen sind aufgebrochen. Sie haben erlebt: Der Wert eines Menschen lässt sich nicht an seinem Äußeren ablesen. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: In jedem Menschen gibt es diesen Schatz. Das, was heil ist und ganz. Was sich entfalten und zur Welt kommen will. Jesus hat ihnen geholfen, das zu sehen: Die Perspektive zu wechseln.

Neue Perspektiven bringen neue Einsichten. Neue Einsichten ermöglichen neues Handeln. Wir haben in den letzten Wochen und Monaten gesehen, wer sich für uns "krumm" macht. Und wir haben gelernt, sie neu zu sehen: Die Frauen und Männer, die sich abrackern für uns. Die hohen Belastungen ausgesetzt sind. In der Pflege, in Kindergärten und Schulen. In der Landwirtschaft und in der Lebensmittelindustrie. Auch die weltweiten Verkrümmungen sind noch einmal neu in den Blick gekommen. Undurchsichtige Lieferketten, ungerechte Bezahlungen, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen. Und auch bei uns kommt Widerstand auf, wenn Menschen sich aufrichten oder sich einsetzen für "aufrechte", gerechte Verhältnisse. Aber: Wir können nicht mehr wegsehen. Und wenn wir anfangen, wie der Synagogenvorsteher zu argumentieren: "Das ist eben so in der Welt. Da können wir nichts ändern", dann müssen wir uns schämen wie er.

Denn: Wir können etwas ändern. "Wertschätzung" ist das Stichwort. Es wurde oft zitiert und bringt es auf den Punkt. Menschen, die unser System am Laufen halten, müssen Wertschätzung erfahren: Mit Worten und in barer Münze. Der Begriff "Wert" kommt eigentlich aus der Wirtschaft. "Es ist mir etwas wert", bedeutet: es ist mir kostbar. Was ist uns etwas wert? Was brauchen wir für ein gutes Zusammenleben in unserer Gesellschaft?
"Schätzen" meinte früher: einen Wert veranschlagen. "Du bist mein Schatz", sagen wir zu Menschen, die wir lieben. Welche Menschen wollen wir nicht nur vorübergehend neu sehen, sondern auch langfristig schätzen und neu bewerten, in dem, was sie sind und für uns tun? Darüber sind wir in den gesellschaftlichen Debatten ins Gespräch gekommen.
Wertschätzung richtet auf. Macht heil, was krumm ist und schief. Gegenseitige Wertschätzung. Denn Jesus sagt auch uns: "Wisst ihr nicht? Wisst ihr nicht, dass sie Töchter und Söhne Gottes sind? Menschen mit Zukunft und Hoffnung!"

Musik J.S. Bach, Kunst der Fuge, Contrapunctus 13 B 

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