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Mein Wiedergefunden-Fest
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Mein Wiedergefunden-Fest

Ein Beitrag von Sabine Müller-Langsdorf, Evangelische Pfarrerin, Zentrum Oekumene, Frankfurt
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Ich habe ein schönes rotes Tuch. Aus leichter weicher Wolle mit kompliziertem Häkelmuster. Wenn die Sommerabende kühler werden, wärmt es meine Schultern. Im Winter nutze ich es doppelt um den Hals gewickelt als Schal. Wo ich hinreise, kommt das Tuch mit. Auch im letzten Urlaub hatte ich es dabei auf einer friesischen Insel. Weite Dünenlandschaften, das Rauschen der Nordsee, Sonne, Sand und immer ein frischer Wind.

Und dann war das Tuch eines Tages weg. Morgens hatte ich es zum Frühstück im Freien noch getragen. Dann für eine Wanderung in den Rucksack gepackt. Und am Nachmittag, schon auf dem Heimweg fiel es mir auf: Das Tuch ist nicht da. Ich wühle den Rucksack durch. Gehe in Gedanken alle Orte ab, an denen wir gewesen sind: War das Tuch noch da beim Stopp an der Eisdiele? Wo hatte ich es, als wir in den Dünen Rast gemacht haben? Habe ich es am Strand liegen lassen? Sollen wir jetzt etwa wegen eines Tuchs den ganzen Weg zurückgehen? Mein Mann sagt: Ja, wenn dir das Tuch wichtig ist, gehen wir und suchen.

Wir drehen also um. Auf dem Weg mit zunehmend müden Beinen denke ich an eine Geschichte aus der Bibel. Da erzählt Jesus das Gleichnis vom verlorenen Schaf: Einer hat 100 Schafe und verliert eines davon. Als er es merkt, lässt er die 99 anderen Schafe zurück und sucht das eine verlorene. Als er es gefunden hat, legt er sich das Schaf auf die Schulter, trägt es zurück zur Herde und feiert am Abend ein Fest mit Freunden und Nachbarn über das wiedergefundene Schaf. (Lukas 15,3-7)

Was für ein Aufwand, könnte man sagen. Warum geht einer, der 100 Tiere in seiner Herde hat, einem einzigen verpeilten Schaf nach? Und lässt die 99 anderen allein? Logisch ist das nicht. Genauso wenig wie meine Suche nach dem roten Tuch. Aber ich mag das Tuch. Und hänge an ihm. Darum gehe ich die Wege über die Insel doppelt.

Wie viel mehr ist die Liebe zu einem lebendigen Wesen. Jesus spricht im Gleichnis vom verlorenen Schaf von Gottes Liebe zu Menschen. Verpeilt sind sie alle manchmal. Gehen in die Irre, bauen Mist, sind in einer Sackgasse. Das Gleichnis sagt: Wo du auch bist und egal was du tust, du bist Gott nicht egal. Gott mag dich. Wenn du verloren bist, macht Gott sich auf und sucht. Dich. Möchte dich auf Schultern tragen. Zurückholen in die Gemeinschaft, zu sich. Keine und keiner soll verloren gehen. Diese Liebe passt in keine Kosten-Nutzen-Rechnung. Sie ist verblüffend und bedingungslos. Ich kann mir das manchmal nicht vorstellen: Dass da ein Gott sein soll, der mir nachgeht.

Mein Mann und ich kommen erst spät am Abend zurück von unserer Suche nach meinem roten Tuch. Die Füße tun mir weh. Nichts gefunden. Frustriert schäle ich mich aus den Schuhen und knalle den Rucksack in die Ecke. Wir essen etwas, danach packe ich den Rucksack aus. Und da finde ich das Tuch. Es war in eine doppelte Seitennaht des Rucksacks gerutscht. Das hatte ich nicht bemerkt. Ich lege es mir um die Schulter und feiere ein kleines inneres Wiedergefunden-Fest. Dabei stelle mir vor: So könnte die Freude Gottes über alle sein, die er wiedergefunden hat.

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