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Was würde Jesus dazu sagen?

Was würde Jesus dazu sagen?

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Was würde Jesus dazu sagen? Für viele Christen ist die Frage wie ein Kompass, nach dem sie sich richten können. Was würde Jesus dazu sagen, wenn ich mich so verhalte, diese oder jene Meinung vertrete? Die Frage beschäftigt Christinnen und Christen spätestens seit der Geschichte in der Bibel, die dem Feiertag heute seinen Namen gegeben hat: Christi Himmelfahrt.

Die Bibel erzählt: Die Freundinnen und Freunde von Jesus erleben, was sie niemals für möglich gehalten haben. Jesus, der am Kreuz gestorben ist, lebt. Er ist von den Toten auferstanden. Er erscheint ihnen immer wieder. Sie können ihn anfassen, mit ihm sprechen. Der Auferstandene ist kein Geist, sondern aus Fleisch und Blut. Zum Beweis isst er einen gebratenen Fisch vor ihren Augen. Schließlich geht Jesus mit ihnen auf den Ölberg. Das ist eine Anhöhe gegenüber der Altstadt von Jerusalem. In der Bibel steht: Dort sehen die Jünger, wie Jesus zu schweben beginnt und in den Himmel aufsteigt. Eine Wolke nimmt ihn auf. Jesus ist weg.

Die Jünger schauen ihm hinterher. Da erscheinen zwei Männer in weißen Gewändern und fragen die Jünger: „Was starrt ihr in den Himmel?“ In der Frage steckt die Aufforderung: Ihr seid dran! Das, was ihr mit Jesus erlebt habt, geht weiter. Also auf in die Welt und lebt danach! Der Glaube an Christus ist kein blindes Hinterherlaufen hinter einem Guru, der mir jede Verantwortung abnimmt. Der Glaube an Christus zeigt: Da ist der Weg. Und nun geh ihn selbst. Keine Angst, du kannst das. Erinnere dich an das, was Christus gesagt und vorgelebt hat. Vertraue darauf und handle selber! Erwachsen und selbstständig werden im Glauben. Darum geht es heute an Christi Himmelfahrt.

Was würde Jesus dazu sagen? Die Frage fordert mich doppelt heraus. Zuerst muss ich herausfinden, was Jesus gesagt hat. Und dann muss ich selber entscheiden: Was ist heute im Sinne von Jesus? Welches Verhalten entspricht der Gottesliebe und der Nächstenliebe, die Jesus gepredigt hat?

Was würde Jesus dazu sagen? Einer, für den die Frage wie ein Kompass war, ist Martin Niemöller. Er war im Ersten Weltkrieg U-Boot-Kommandant. Dann wurde er evangelischer Pfarrer und ein Gegner von Adolf Hitler. Das brachte ihn ins Gefängnis und ins KZ. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er einer der prägenden Menschen in der evangelischen Kirche. Immer hat ihn die Frage begleitet: Was würde Jesus dazu sagen?

Der Mann zeigt Kante. Sein Kinn ist scharf geschnitten. Auf den Fotos, die es von ihm gibt, fallen seine großen Ohren auf, und die große Hornbrille unter buschigen Augenbrauen. Sein Blick ist scharf. Er könnte streng aussehen. Aber da liegt ein leises Lächeln auf seinen Lippen. Es macht das ganze Gesicht freundlich. Er war ein Pfarrer, der große Kirchen gefüllt hat und die Leute mit seinen Predigten packte. Eine Gottesdienstbesucherin schrieb fasziniert über ihn: Ein „asketisches, dunkles, sehr anziehendes Gesicht“.

Martin Niemöller ist einer der prägenden Menschen des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Als Gemeindepfarrer in Berlin-Dahlem gehörte er zu den wenigen in der evangelischen Kirche, die gegen Hitler Widerstand geleistet haben. Er war acht Jahre lang im Konzentrationslager als „Hitlers persönlicher Gefangener“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er der erste Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Im Ausland galt er als „der gute Deutsche“, er war der „Botschafter des anderen Deutschlands“ und ein „Prophet des Friedens“. Die nordamerikanischen Ponca-Indianer gaben ihm den Ehrennamen „Oo-duh-mah-thee-a“, übersetzt „Der auf dem rechten Weg wandelt“. Im damaligen Ostblock galt er, der Pfarrer aus der Bundesrepublik, als einer der „großen Sterne der Völkerfreundschaft“.

Das waren die freundlichen Beschreibungen für Martin Niemöller. Doch er hatte auch nach dem Nationalsozialismus, in der jungen Bundesrepublik, viele Gegner und Feinde. „Landesverräter“, so schimpfte Konrad Adenauer über ihn. Der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß zeigte ihn wegen Verleumdung der Bundeswehr an. Niemöller hat nach dem Zweiten Weltkrieg nicht aufgehört, seine Zeitgenossen moralisch zu nerven. Er war strikt gegen die Wiederbewaffnung. Die Atombombe war für ihn eine Sünde und Gotteslästerung, weil mit dieser Waffe der Mensch die ganze Menschheit auslöschen kann. Darum nannte Niemöller die Ausbildung zum Soldaten „die Hohe Schule für Berufsverbrecher“.
Mit solchen Sätzen macht man sich nicht nur Freunde. Aber Martin Niemöller war nicht dagegen, bloß um dagegen zu sein. Er hat gesagt, er kann sich nicht vorstellen, dass Jesus ihm auf die Frage „Was soll ich tun?“ geantwortet hätte: „Nimm und wirf eine Atombombe!“ Was würde Jesus dazu sagen? Diese Frage hat Niemöller immer umgetrieben und angetrieben.

Widerstandkämpfer und Pazifist – das war Martin Niemöller nicht in die Wiege gelegt. Im Gegenteil. Dem lutherischen Pfarrer Heinrich und seiner Frau Paula im westfälischen Lippstadt wird 1892 ein zweites Kind geboren, ihr Sohn Martin. Die Niemöllers verstehen sich als strenge Preußen, konservativ und kaisertreu. Der junge Martin kann es nach dem Abitur nicht erwarten, zur Marine zu kommen. Damals sagte man: „Ein guter Christ ist immer zugleich ein guter Soldat.“ Daran zweifelt Martin nicht.

Er ist mit Leib und Seele U-Boot-Kommandant. Nur einmal kommt er ins Grübeln. Sein U-Boot hat ein feindliches Schiff versenkt. Die Matrosen treiben im Meer. Die Deutschen verhindern, dass ein anderes französisches Schiff die Ertrinkenden rettet. Die könnten ja hinterher wieder auf unsere Leute schießen. Im Nachhinein schreibt Niemöller: „Mit einem Mal wussten wir (…) um die Tragik der Schuld, der zu entgehen der einzelne kleine Mensch einfach zu schwach und zu hilflos ist.“

Rebellion leistet sich der pflichtbewusste Marineoffizier Niemöller nur aus Patriotismus. 1919, der Erste Weltkrieg ist verloren. Niemöller soll sein U-Boot an den Sieger Großbritannien ausliefern. Er weigert sich und sagt: „Herr Commodore, ich melde gehorsamst, dass ich einen Befehl bekommen habe, den ich nicht ausführen werde.“ Ungehorsam aus Gehorsam. Einen Befehl verweigern, weil er sich etwas Anderem verpflichtet fühlt. Damals galt Niemöllers Verpflichtung noch bedingungslos dem Vaterland.

Der Traum vom Marineleben ist ausgeträumt. Nun will der 27-Jährige aufs Land und Bauer werden. Die Inflation macht ihm einen Strich durch die Rechnung, er kann es sich nicht leisten, Land zu pachten oder gar zu kaufen. Da studiert Niemöller Theologie und wird Pfarrer – wie sein Vater. Erst arbeitet er bei der Inneren Mission in Westfalen. Dann wird er 1931 Gemeindepfarrer in Berlin-Dahlem. Pfarrer zu werden bedeutet keinen Bruch. Niemöller wollte ein treuer Soldat sein. Jetzt dient er treu dem Evangelium. Und eben diese Treue bringt ihn in den Widerstand gegen Hitler. 1933 wählte er noch die Nationalsozialisten.

Doch dann will der NS-Staat auch die Kirchen gleichschalten. Der Arierparagraph soll in der Kirche eingeführt werden. Das bedeutet: Christen jüdischer Herkunft dürfen keine Pfarrer mehr sein und sollen aus der Kirche herausgedrängt werden. Dagegen protestiert Martin Niemöller und gründet den Pfarrernotbund, der später zur Bekennenden Kirche wird. Im Januar 1934 empfängt Adolf Hitler eine Gruppe von leitenden Kirchenvertretern. Martin Niemöller ist als einziger Gemeindepfarrer dabei. Hitler herrscht die Kirchenleute an: „Die Sorge um das Dritte Reich überlassen Sie mir. Kümmern Sie sich um die Kirche!“ Da sagt Niemöller beim Abschied zu Hitler: „Die Verantwortung fürs deutsche Volk, die können wir nicht weggenommen bekommen, die hat Gott uns auferlegt, und kein anderer als Gott kann die von uns wegnehmen, auch Sie nicht.“ Es ist ein weiter Weg, den Niemöller zurückgelegt hat. Vom Offizier, der die Obrigkeit für gottgegeben hält, zu dem Pfarrer, der Hitler persönlich widerspricht. Der sich an den Bibelvers aus der Apostelgeschichte hält: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29)

Für Niemöller war das eine Lebenshaltung. Der Glaube an Gott und die Nächstenliebe gehen über alles. Die stehen über jedem Befehl, über jedem Machthaber. Die stehen auch über allen Kirchen und über jeder kirchlichen Lehre. Es kommt auf den gelebten Glauben an und auf das, was man für seinen Mitmenschen tut. Viel später, im Jahr 1960, sagt Niemöller: „Ein Mensch, der einem Befehl folgt, mit dem er einem anderen etwas antut, der hat den Menschen schon verraten. Es gibt keine Berufung auf den Befehl als Entschuldigung. Jeder ist für das, was er tut, auch verantwortlich.“ Und er fordert auf: „Leistet überall und immer tapferen Widerstand, wo es um den Menschen geht.“

Hitler merkt sich Niemöllers Widerspruch und Ungehorsam. Er tobt: „Der Pfaffe soll sitzen, bis er schwarz wird!“ Niemöller bekommt Predigtverbot. Ihm wird 1937 der Prozess gemacht. Der geht zwar glimpflich aus. Doch Hitler sorgt dafür, dass Niemöller ins Konzentrationslager kommt, als „Hitlers persönlicher Gefangener“ erst ins KZ Sachsenhausen, dann nach Dachau. Acht Jahre lang ist Niemöllers Frau Else mit sieben Kindern allein im Berlin-Dahlemer Pfarrhaus und bangt um ihren Mann. Die Alliierten befreien Niemöller 1945.

Er könnte sich als kirchlicher Widerstandskämpfer rühmen. Doch ausgerechnet er treibt voran, dass sich die evangelische Kirche zu ihrer Schuld bekennt. Niemöller formuliert und unterschreibt mit anderen das Stuttgarter Schuldbekenntnis. Darin sagen die evangelischen Kirchenvertreter: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. (…) Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Manche kritisieren heute: Das wäre viel zu allgemein und damit ein schwaches Schuldbekenntnis. Der Holocaust kommt gar nicht vor. Aber für viele Deutsche unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ist schon das viel zu viel. Ob sie es hören wollen oder nicht, Martin Niemöller spricht die Schuld aus. Im Hungerwinter 1945/1946 sagt er in einem Vortrag: „Es gibt viel Jammer über unser Elend, über unseren Hunger, aber ich habe in Deutschland noch nicht einen Mann sein Bedauern aussprechen hören (…) über das furchtbare Leid, das wir, wir Deutsche, über andere Völker gebracht haben, über das, was in Polen passierte, über die Entvölkerung von Russland und über die 5,6 Millionen toten Juden!“ Im Publikum Buh, Scharren, Zwischenrufe „Und die Schuld der anderen?“ Doch Niemöller lässt sich nicht beirren und setzt nach: „Das steht auf unseres Volkes Schuldkonto.“

Er geht auch mit sich selbst ins Gericht. Er bekennt, dass sein Widerstand gegen die Nazis erst begonnen hat, als es seine eigene Kirche betraf. Was Hitler den anderen antat, merkte er erst, als es ihm selbst an den Kragen ging. Martin Niemöller schreibt im Rückblick:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen;
Ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen;
Ich war ja kein Sozialdemokrat:
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.“

(Ostern 1976)

Niemöller bekennt, dass er selbst früher antisemitisch gedacht hat. Juden seien ihm nicht sympathisch gewesen. Sein Protest richtete sich am Anfang dagegen, dass der Nazi-Staat in die Kirche eingegriffen hat. Erst sehr viel später sei ihm aufgegangen, so sagt er: „dass ich als Christ nicht nach meinen Sympathien oder Antipathien mich zu verhalten habe, sondern dass ich in jedem Menschen, und wenn er mir noch so unsympathisch ist, den Menschenbruder zu sehen habe, für den Jesus Christus an seinem Kreuz gehangen hat genauso wie für mich, was jede Ablehnung und jedes Antiverhalten gegen eine Gruppe von Menschen irgendeiner Rasse, irgendeiner Religion, irgendeiner Hautfarbe einfach ausschließt.“

Sich für den Mitmenschen einsetzen. Kompromisslos. Ohne Vorbedingung. Grenzenlos. Ohne Rücksicht auf Bedenkenträger. Protestieren und Widerstand leisten, wo es um den Menschen geht. Das hat Martin Niemöller als erster Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau getan. Der kaisertreue Reaktionär wurde zum Revolutionär. Im Alter von 62 Jahren entwickelte sich der frühere U-Boot-Kommandant zum radikalen Pazifisten. Er hatte mit Otto Hahn und anderen Atomphysikern gesprochen. Er war seither überzeugt: Die Zeit, in der es so etwas wie einen gerechten Krieg vielleicht gegeben hat, ist vorbei. Mit Nuklearwaffen kann der Mensch die ganze Menschheit auslöschen.

Er machte viele Reisen in die USA, nach Australien und Afrika genauso wie in die Staaten des Ostblocks. Schon 1952 fuhr er auf Einladung der russisch-orthodoxen Kirche nach Moskau. Auch damit machte er sich viele Feinde. „Niemöller, zurück nach Moskau, dawai, dawai!“ Mit solchen Schildern wurde er bei seiner Rückkehr empfangen und als Vaterlandsverräter beschimpft. Martin Niemöller aber ging es darum, Löcher im Eisernen Vorhang zu finden, durch die der Friede schlüpfen kann.

„Evangelium ist Angriff“, hat er auf eine seiner Postkarten aus dem Konzentrationslager geschrieben. Da hört man deutlich den preußischen Soldaten. Aber das Vorzeichen hat sich entscheidend verändert. Niemöller predigte keinen heldischen Christus. Er sagte: „Der Herr (…) ist kein machtvoller Befehlshaber und kämpft nicht mit Waffen, sondern mit der Liebe.“ Die Kirche mit Martin Niemöller ist nicht kuschelig. Sie zeigt Kante, sie hat Haltung und sie protestiert, wo Menschen klein gemacht werden.
Niemöller war unbequem, eine moralische Nervensäge. Die Wahrheit, die er erkannt hatte, sagte er nicht sanftmütig, sondern klatschte sie seinen Zeitgenossen wie einen nassen Waschlappen ins Gesicht. Viele fanden den Kirchenmann zu politisch. Glaube umfasst für Niemöller alle Bereiche. Er sagte: „Für uns Christen geht es um das ganze Leben.“ Darum ist christliche Verantwortung auch politische Verantwortung. Niemöller war politisch und fromm. Sein Glaube war ganz und gar auf Christus bezogen.

Was würde Jesus dazu sagen? Martin Niemöller ist neun Jahre alt, als ihm die Frage das erste Mal begegnet. Der kleine Martin darf mitkommen, als sein Vater, der Pfarrer, einen Krankenbesuch bei einem Textilarbeiter macht. Und da steht die Frage als Sinnspruch mit Glasperlen auf Samt gestickt. Was würde Jesus dazu sagen? Man kann die Frage naiv finden. Als könnte man Jesus aus Galiläa über 2000 Jahre hinweg ins Heute beamen. Als müsste man nur das Neue Testament aufschlagen und nachblättern, was Jesus gesagt hat – zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, zur Feindesliebe für Terroristen, zum Flüchtlingsabkommen mit der Türkei oder zur aktiven Sterbehilfe. So naiv und einfach hat Martin Niemöller die Frage nicht gemeint und auch nicht angewendet. Es war für ihn eine bohrende Frage, sein ethischer Maßstab. Sie hilft, die Antworten von gestern zu überprüfen und zu sehen, was heute notwendig ist. Sie hat Niemöller darin bestärkt, nicht nachzuplappern und mitzumachen, was alle denken, sagen und tun. Sie war für Niemöller der Kompass, der ihm zeigt: Hier musst du Widerstand leisten. Weil es um den Menschen geht.

Was würde Jesus dazu sagen? Probieren Sie die Frage aus!

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