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Leben mit Rückspiegel
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Leben mit Rückspiegel

Monika Dittmann
Ein Beitrag von

Monika Dittmann,

Katholische Seelsorgerin im Altenheim, Flörsheim am Main
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„Jeden Samstagabend, bevor ich ins Bett gehe, schaue ich in den Rückspiegel,“ sagt mir eine junge Frau. Sie ist an den Rollstuhl gefesselt. Ich habe sie ein wenig verständnislos angeschaut. „Fährst du Auto?“ habe ich zurückgefragt.  „Ja, na klar fahre ich Auto; das ist für meine Behinderung extra umgebaut worden. Und mit Automatik geht das. Aber …“ – sie hat ein wenig innegehalten, dann hat ein kleines Lächeln ihren Mund umspielt und sie hat nachgesetzt: „Aber das mit samstags, das meine ich anders. Ich nehme mir samstagsabends Zeit und schaue mir die vergangene Woche an. Wie in einem Rückspiegel erkenne ich dann, was hinter mir liegt.“ „Und was siehst du da?“ habe ich sie neugierig gefragt und gehofft, dass sie mehr erzählt.

Und tatsächlich hat sie mir noch mehr erzählt. Sie entdeckt bei dieser Rückschau das Eine oder Andere, was ihr während der Woche kaum wichtig gewesen war; oder sie sieht am Ende der Woche: Das, was sie so sehr aufgeregt hat, das hat sich mittlerweile wunderbar gelöst. Über Vieles, das ihr Unruhe bereitet hat, kann sie am Samstagabend lächeln, oder sogar für etwas danken. Denn sie sieht die größeren Zusammenhänge.  „Und so,“ sagt sie, „kann ich die Woche gut abschließen und unbelastet in die neue Woche gehen. Da macht das Leben wieder Freude, auch, wenn die Woche schwer war.“

Ja, habe ich gedacht, das Bild mit dem Rückspiegel gefällt mir. Die Woche ist vorbei, aber ich kann noch mal, mit neuen Erfahrungen und zeitlichem Abstand wahrnehmen: was war denn da alles? So ähnlich mache ich es, wenn ich Tagebuch schreibe. Auch das Tagebuch ist wie ein Rückspiegel, der mir hilft, zu sortieren und noch mal neu zu verstehen, was mich in der Situation selbst so aufgeregt oder betrübt hat. Ich sehe auch noch mal all die Menschen, die mit mir in dieser Woche unterwegs waren. Und ich merke: ich habe viel zu danken – auch wenn mir das während der Woche nicht so bewusst war. Mit all den dankbaren Erinnerungen gehe ich dann sonntags in den Gottesdienst. Hier ist für mich der Ort, wo ich mit anderen zusammen das Leben feiern, danken und auch loslassen kann. Mit dem Gruß „Gehet hin in Frieden“ gehe ich dann zurück in den Alltag – und bin mit mir, der Welt und auch Gott im Frieden. So kann ich dann auch frohen Herzens nach vorne schauen.

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