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Leben im Sterben
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Leben im Sterben

Eva Reuter
Ein Beitrag von

Eva Reuter,

Katholische Dekanatsreferentin, Dekanat Mainz-Stadt, Mainz
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Corona hat vieles in unserem Leben verändert und wird auch in der Gesellschaft nachhaltige Spuren hinterlassen. Eine Veränderung ist jetzt schon spürbar: Der Tod ist kein Tabu mehr.

Jeden Abend werden Todeszahlen in den Nachrichten genannt. Letzten Sonntag gab es in Berlin einen Gedenkgottesdienst für die Opfer der Corona-Pandemie. Fast 80 Tausend Menschen in Deutschland sind inzwischen an oder mit COVID-19 gestorben. Jedes einzelne Schicksal ist tragisch und für die Angehörigen und Freunde furchtbar. Viele Menschen haben in ihrem Bekanntenkreis oder sogar in der Familie jemanden zu beklagen oder kennen jemanden, der an den Folgen der Erkrankung leidet.

Corona hat vielen Menschen neu bewusst gemacht, dass das Leben endlich ist. Niemand kennt den Tag seines Todes. Das hat die Gesellschaft in den letzten Jahren oft verdrängt. Jetzt ist es viel präsenter, weil niemand vor einer Infektion sicher ist.

Auch die „Woche für das Leben“ ruft zum Nachdenken über Leben und Tod auf. Sie steht dieses Jahr unter dem Motto: „Leben im Sterben“. Die „Woche für das Leben“ ist eine Aktionswoche der evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland mit jährlich wechselnden Themenschwerpunkten. Sie wird seit 1991 begangen und geht auf eine Initiative des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) sowie der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) zurück.

In diesem Jahr geht es bei den Veranstaltungen und Beiträgen um die Würde und die Wünsche des Menschen am Lebensende. Auch hier hat die Corona-Pandemie grundlegende Dinge gelehrt. Das Wichtigste aus meiner Sicht: Es ist grausam und unzumutbar, Menschen im Sterben allein zu lassen. Die Hygienekonzepte in Krankenhäusern und Altersheimen haben aber zu oft genau das bewirkt. Angehörige konnten sich oft nicht verabschieden, weil sie das Haus nicht betreten durften. Pflegerinnen und Pfleger waren überfordert, weil sie aufgrund der Pandemie noch mehr Arbeit und noch weniger Zeit hatten. Viele Menschen wird das noch lange begleiten.

Umso wichtiger ist es, dass wir daraus für die Zukunft lernen: Es ist nicht egal, wie wir sterben und wie wir Sterbende begleiten. Alle Menschen brauchen fürsorgliche und kompetente Begleitung. Die Hospiz- und Palliativmedizin leistet hier hervorragende Arbeit. Aber Sterbebegleitung ist eben nicht nur die Aufgabe von Spezialisten. Alle Menschen sind aufgerufen, sich mit der Endlichkeit des Lebens zu beschäftigen und entsprechende Vorsorge zu treffen. Am Ende des Lebens kann noch viel getan werden, um das Sterben gut zu begleiten.

Im Leben steckt immer schon ein bisschen Sterben – wenn ich das annehmen kann, kann ich auch im Sterben noch Leben entdecken, das schön sein kann. Dazu braucht es Menschen, die die Augen nicht davor verschließen, die Mitgefühl zeigen können und die Realitäten klar aussprechen können.

Ich habe als Christin da vielleicht leichter reden als nicht-gläubige Menschen, denn der Glaube daran, dass wir nach dem Tod bei Gott geborgen sind, nimmt mir zwar nicht die Trauer und den Schmerz, aber er lässt mich Hoffnung schöpfen – über den Tod hinaus.

 

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