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Das verwundete Herz

Das verwundete Herz

Monika Dittmann
Ein Beitrag von

Monika Dittmann,

Katholische Seelsorgerin im Altenheim, Flörsheim am Main
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Seit vielen Jahren trage ich in meiner Hosentasche ein kleines Herz aus Holz mit mir herum.

Ich habe es damals gekauft. Damals, als ich eine große Enttäuschung erlebt hatte, als mein Herz zutiefst verletzt war. Das Herz aus dunklem, rotbraunem Holz habe ich in einem Klosterladen entdeckt. Es hat mich regelrecht angesprungen – denn es hatte einen Fehler in der Maserung. Glatt, fast wie ein Handschmeichler, glänzend, und doch war da eine Macke im Holz. Eine Störung in der Gleichmäßigkeit des tiefbraunen Holzes.  Das passte zu meiner verletzten Seele.

In diesen Tagen habe ich mir das Herz wieder einmal genauer angesehen. Und siehe da: Der Fehler in der Maserung war nicht mehr da. Über 10 Jahre trage ich dieses Holzherz jetzt mit mir herum – und in dieser Zeit hat das Holz wohl gearbeitet; es war nachgedunkelt, die Macke ist verschwunden. Es ist wie ein Wunder!

„Ja“, dachte ich, „so ist es auch mit der Verletzung, die mir damals zugefügt wurde in einer lange bestehenden Freundschaft." Die Wunde ist verheilt; Neues ist in meinem Leben geworden, sodass die tiefe Verletzung mich nicht mehr bestimmt. In mir hat sich im Laufe der Zeit viel gewandelt – und Neues ist geworden. Ein kleines Wunder – so empfinde ich es.

Die Verletzung, die mir ein Mensch zugefügt hat, ist heil geworden: Aus dem Schmerz wurde neue Lebenskraft, aus Enttäuschung Mut für ganz neue Wagnisse; aus Trauer ist Zuversicht geworden.

Manchmal ist eine Verletzung, eine Wunde der Anfang für eine neue Stärke. In der Bibel habe ich damals einen Vers gefunden, der mich bis heute begleitet. Da heißt es: „Wenn ich auch sprach, mein Fuß ist gestrauchelt, so hielt mich doch deine Gnade.“ (Psalm 94,18) Durch das Dunkel und alle Enttäuschung hindurch habe ich gespürt: Gott hält mich, er führt mich auf neue Wege. Gott weiß um alles, was kaputt ist und kaputt geht in mir – und er heilt, damit ich das Leben ganz neu und auch anders leben kann.

Ich staune über mein schönes glattes, offenbar makelloses Herz aus Holz – und weiß doch um sein Geheimnis. Ich staune auch über das Wunder, das Geheimnis meines Lebens: Wunden können zu Wundern werden, weil Gott alle Wege mit mir geht und heiligt, was unheil ist.

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