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Unbekanntes Terrain
Bild: pixabay

Unbekanntes Terrain

Dr. Marco Bonacker
Ein Beitrag von Dr. Marco Bonacker, Leiter Bildung und Kultur
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Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Bibel? Vielleicht hatten Sie eine Familienbibel zu Hause, die über Generationen weitergegeben wurde oder Sie haben ihre zur Kommunion oder zur Konfirmation bekommen? Meine Bibel, eine Einheitsübersetzung aus den 80ern, habe ich zur Einschulung am ersten Tag der Gymnasialzeit bekommen. Die Ausgabe, die mir der damalige Rektor der katholischen Stiftsschule St. Johann Amöneburg überreichte, war zugegebenermaßen etwas schmucklos. Der rotbraune Einband und die Gestaltung des Titelblatts versprachen nicht gerade das größte Lesevergnügen. Was mich an der Bibelausgabe aber sofort auch schon in der 5. Klasse begeisterte, waren die detaillierten Landkarten auf den letzten Seiten. Auf ihnen war der Alte Orient, Judäa, das Palästina des 1. Jahrhunderts, Jerusalem oder auch die Reisen des Paulus durch das Mittelmeergebiet dargestellt. 

Von Ikonion nach Antioachia?

An diese Karten musste ich kürzlich wieder denken, als ich einen Text aus der Apostelgeschichte hörte: Im 14. Kapitel wird die dramatische erste Missionsreise des Paulus geschildert, während der er fast gesteinigt wird, er einen gelähmten heilt und er gemeinsam mit Barnabas das Evangelium den Heiden verkündet. Sie starten ihre Mission in Ikonion, gehen nach Lystra, nach Derbe und Antiochia. Orte, die von Autoren mit Blick auf seine Leser eigentlich als bekannt vorausgesetzt werden - wir kennen Sie heute höchstens noch aus dem Geschichtsunterricht. Wenn wir die Orte hören, haben wir eher Fragezeichen im Kopf. 

Das frühe Christentum war in Bewegung

Der Leser taucht mit diesen Texten in eine zunächst andere Welt ein: Weithin unbekannte Orte, die schon lange anders heißen, Landschaften und Regionen der antiken Welt ziehen an ihm vorbei, die heute nicht mehr christlich sind und es damals noch nicht waren. Jene Orte und Landschaften, die gerade in den Texten der Apostelgeschichte vorkommen, verraten mir aber auch etwas. Durch sie wird mir deutlich, welche Ausdehnung und Mobilität das frühe Christentum hatte. Sie machen deutlich, wie klar es den Aposteln war, dass der Auftrag Jesu darin bestand, auf die Plätze und Straßen zu gehen, um seine Botschaft der Liebe, des Lebens und der Hoffnung auf Auferstehung zu verkünden. 

Nicht Mythos, sondern Geschichte 

Die Nennung der Orte und Landschaften zeigt mir aber auch: Das Christentum ist kein Mythos, keine abstrakte Idee, keine Lehre für den wissenschaftlichen Elfenbeinturm: Es ist eine Bewegung des Glaubens, die erschüttert und begeistert ist im wahrsten Sinne des Wortes davon, dass Gott Mensch geworden ist, und jeder ihm wirklich begegnen kann, in allen Städten und Regionen dieser Welt. Das Christentum ist eben kein Mythos, sondern wird Realität in konkreter Geschichte. So wie Gott wirklich Mensch wird um das Jahr 0, so wurde seine Botschaft eben auch wirklich verkündet in einer konkreten Welt, konkreten Menschen, in konkreten Orten. 

Das alles ist nun lange her und über viele Orte und Landschaften, die ich durch die Apostelgeschichte kennenlerne, hat sich der Schleier der Geschichte gelegt. Sie machen so auch deutlich, wie weit weg ich von den Texten und Autoren zu sein scheine. Ohne Landkarte komme ich kaum mit. 

Aber vielleicht liegt die Sache doch anders: Zwar sind die Orte untergegangen, sind verwüstet, neubesiedelt, umbenannt worden. Aber das Entscheidende sind gar nicht die Orte, sondern das, was sich in ihnen zugetragen hat. 

Unser Antiochien ist Kassel 

Genau deswegen sagen mir die Texte trotz allem Abstand etwas und ich lese sie zurecht noch heute: Sie geben nämlich Zeugnis vom Wachstum des Christentums, vom Tatendrang der Apostel, den Rückschlägen, Verfolgungen und Erfolgen einer Botschaft, die heute noch genauso gültig ist wie vor 2000 Jahren. Die Orte sind am Ende wirklich austauschbar, denn unser Perge und unser Antiochia sind heute eben Fulda, Offenbach, Stadtallendorf oder Kassel. Orte, Landschaften und Zeiten ändern sich: Die Botschaft der Liebe Gottes bleibt, und auch die Sehnsucht der Menschen danach in den Städten und Landschaften, in denen ich heute unterwegs bin. 

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