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Ernte Dank - Eine Welt
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Ernte Dank - Eine Welt

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Heute wird an vielen Orten Erntedankfest gefeiert. Das lädt ein, über Dankbarkeit und über unser Essen nachzudenken. Viele Christen freuen sich heute über die Schöpfung und denken daran, dass Gott sie geschaffen und geschenkt hat. Sie erinnern sich dankbar, dass wir Menschen zwar viel produzieren, aber nichts erschaffen können.

Das große Geschenk der Schöpfung ist dem eigenen Leben immer einen Schritt voraus. Deshalb ist Essen aus christlicher Sicht nicht nur eine lebensnotwendige Kalorienaufnahme, sondern auch Teilhabe an Gottes Schöpfung. Dafür Gott, dem Schöpfer, zu danken, ist heute der Tag, Aber nicht nur. In vielen Gottesdiensten wird auch kritisch gefragt, was Menschen aus der Ernte machen, wie weltweit Essen erzeugt und gehandelt wird.

Dazu hat der Popsänger Sting allerhand zu sagen. Er kann heute übrigens ein ganz spezielles Erntedankfest feiern. Er wird 60 Jahre alt. 60 Jahre, da ist schon eine reiche Lebensernte zusammen gekommen. Sting wurde am 2. Oktober 1951 als Sohn eines Milchmannes in einem Vorort von Newcastle upon Tyne in England geboren. Der Mann mit der hohen, klagenden Stimme ist ein Weltmusiker geworden. Seine Musik überspringt viele Grenzen und verbindet sich mit vielen Kulturen.

Dabei ist die Welt nicht nur musikalisch Stings Zuhause, sondern auch menschlich und ökologisch. Seit vielen Jahren macht er sich dafür stark, den tropischen Regenwald in Brasilien zu erhalten und damit auch den Lebensraum der dortigen Indianerstämme.

Bei großen Hilfskonzerten wie Live8 im Jahr 2005 und Live Earth 2007 war er dabei. Mit einem seiner Lieder weitet Sting den Horizont des heutigen Erntedanktages. Es macht bewusst: Unser Essen kommt aus der ganzen Welt – und es geht in alle Welt.

Das Lied hat Sting 1981 mit der Band „The Police“ eingespielt. Es heißt „One world is enough – not three“.

Musik: Refrain aus One World – not three von The Police

„One world is enough – not three“ – Eine Welt ist genug für uns alle, nicht drei. Es gibt keine drei Welten, es gibt nur eine. Heute haben das viele verstanden, schon alleine wegen der ökologischen Debatten. Alles hängt mit allem zusammen in der einen Welt.

Das zeigen auch die Flüchtlinge, die in alle Welt gehen, um Elend und Tod in ihrer Heimat zu entkommen. Und nicht nur die Menschen strömen, sondern auch die Waren und mit ihnen das Kapital und die Arbeitsplätze. Alles ist unterwegs rund um die Welt.

Damals, als Sting das Lied erstmals sang, da war das durchaus noch nicht so. Da dachten viele noch, die Armenhäuser der Welt seien weit weg. Und man könne sie ignorieren. Oder, wenn man ein gutes Herz hat, könnte man ihnen ein paar Spenden geben. Dagegen hat Sting angesungen und er tut es bis heute. Seine Worte sind hart:

„Eine Welt, das ist genug für uns alle. Das ist ein Thema, das wir selten erwähnen. Aber wenn wir es tun, dann mit dieser kleinen Erfindung: wir tun so, als wäre ihre Welt weit weg von uns. Die Dritte Welt atmet morgen unsere Luft. Wir leben von der Zeit, die wir uns leihen. Aber in unserer Welt ist keine Zeit sich darum Sorgen zu machen. In ihrer Welt gibt es dagegen kein Morgen. Es mag so aussehen, als sei sie eine Million Meilen weit weg. Aber sie kommt jeden Tag ein Stückchen näher.“

Musik: Ausschnitt aus One World

Was Sting hier skizziert und anprangert, das begegnet einem in jedem Supermarkt. Viele Äpfel kommen aus Neuseeland nach Hessen, Erdbeeren aus Ghana, Pilze aus Osteuropa, Futtermittel aus Brasilien. Umgekehrt finden sich hessische Milchpackungen, Hähnchenfleisch und anderes zum Beispiel in afrikanischen Dorfläden. In Sachen Nahrungsmittel ist die EU sowohl der größte Exporteur als auch der größte Importeur der Welt.

Doch die scheinbare Balance stimmt nicht. Denn Europa führt Nahrungsmittel ein, für die viel Fläche benötigt wird. Und es führt Lebensmittel aus, für die wenig Fläche benötigt wird. Konkret: Es führt Futtermittel ein für die Viehzucht. Diese Anbaufläche steht dann den Menschen vor Ort für die eigene Ernährung nicht mehr zur Verfügung.

Dagegen führt Europa vor allem subventionierte Tiererzeugnisse aus wie Milch und Fleisch, das aus gedrängten Stallanlagen stammt. So eignet sich Europa die Erträge von landwirtschaftlichen Nutzflächen anderer Länder an. Und das vielfach auch noch für Fleisch, das eine schlechte Energie- und Umweltbilanz hat.

Ein Beispiel: Um Hundert Kalorien Rindfleisch zu produzieren, braucht man mehr als Eintausend Kalorien pflanzliche Nahrung. Pro Jahr isst ein Deutscher im Durchschnitt 88 Kilo Fleisch. Wollte die gesamte Weltbevölkerung so leben wie die Europäer, dann müssten dafür 3,7 Erden zur Verfügung stehen. Aber wie singt Sting?: „Eine Welt ist genug für uns alle.“

Musik: Ausschnitt aus One World

Mit dem Lied macht Sting seinem Namen alle Ehre. Sting, das heißt Stachel. Diesen Spitznamen erhielt er schon als Jugendlicher. Bei einem Auftritt trug er einen schwarzgelb gestreiften Pullover und sah darin nach Ansicht seiner Bandkollegen aus wie eine Wespe. Stachel im Fleisch sein – das will Sting mit seinem Lied. Er spricht Wahrheiten an, die nicht gerne gehört werden. Mir geht es auch so.

Ja, ich weiß, dass es nur eine Welt gibt. Ja, ich weiß, dass die Weltwirtschaftsordnung den armen Ländern kaum eine Chance gibt. Ja, ich weiß, ich müsste daraus Konsequenzen ziehen. Aber welche? Wählen gehen, singt Sting. Aber wen denn?

Welche Partei kümmert sich ernsthaft um die Armen in anderen Ländern? Ich fühle mich hilflos. Und deshalb reagiere ich unwirsch, wenn ich darauf angesprochen werde.

Sting kennt das. Er singt, dass er kein Spielverderber sein möchte. Aber er fühlt sich dieser Botschaft verpflichtet: Eine Welt, das ist genug für uns alle. Stings Lied klingt streng, anklagend, trotzig.

Doch bei näherem Hinhören entfaltet sich sein Hoffnungspotenzial. Eine Welt ist genug für uns alle – das ist auch ein großartiger, geradezu biblischer Zuspruch: Ja, es reicht für euch alle, wenn es besser, also gerechter verteilt wird. Aber das geschieht derzeit eben nicht. Stings Kritik daran geht tief: Sie zielt auf den ganzen westlichen Lebensstil.

„Wir leben von der Zeit, die wir uns leihen. Aber in unserer Welt ist keine Zeit sich darum Sorgen zu machen.“

Damit trifft er auch mich, das spüre ich. Und nicht nur mein schlechtes Gewissen gegenüber den Armen und der Natur. Sondern bei einem anderen wunden Punkt. Bei der ewigen Eile, dem Schnell-Schnell, dem dauerhaften Zuviel, das heute viele erleben.

Keine Zeit mehr, dass ich durchatme, genieße, mich sorge und besonnen nachdenke in einem größeren Horizont. Diesen weiten Horizont eröffnet Sting mit seinem Lied.

Er schlägt den Bogen zu den anderen, die vermeintlich weit weg sind. Aber die dennoch mit betroffen sind. „In ihrer Welt gibt es kein Morgen.“, singt er. Unser Wohlstand ist geborgt, auch von ihnen. Zu ihren Lasten.

Sting will, dass jeder seine Verantwortung für sich und die Welt übernimmt. Dem kann ich als evangelischer Christ nur zustimmen: Ja, das ist unsere Aufgabe und unsere große Chance als Menschen.

Wie das gehen könnte, das sagen die Fachleute des Evangelischen Entwicklungsdienstes für Landwirtschaft und für gesunde Ernährung ganz praktisch in zehn Geboten. Sie lauten:

1. Betrachte die Nahrung nicht als Äußerlichkeit, sondern als Gabe des Schöpfers. Würdige sie.

2. Schau beim Einkaufen nicht nur nach dem Billigsten, sondern spüre, was du wirklich brauchst, um deinen Körper und deinen Geist gesund zu ernähren.

3. Informiere dich, wo und unter welchen Bedingungen deine Nahrung erzeugt wird.

4. Orientiere dich am Gemüse- und Obstangebot der Saison.

5. Bevorzuge Nahrungsmittel aus deiner Region, ihr Weg war kurz.

6. Iss so viel Fleisch wie nötig und so wenig Fleisch wie möglich.

7. Im Preis, den du für Fleisch bezahlst, soll die Würde des Tieres erkennbar sein.

8. Wenn du auf Reisen bist, dann iss die dortigen Angebote und nicht das, was du von zuhause gewohnt bist.

9. Freue dich auf das Essen und genieße es als Gabe der Schöpfung.

10. Überprüfe deine Wortwahl. Der Begriff Produktion reduziert die Nahrung zur Ware und dich zum Konsumenten. Sie ist aber Gabe des Schöpfers und du bist sein Geschöpf.

Diese Zehn Gebote eröffnen die tiefere geistliche Dimension des Essens. Möglicherweise merke ich durch sie, wie ich an Gottes Schöpfung teilhabe. Sie zu befolgen tut Leib und Seele gut.

 

Quellennachweis:
“Zehn Gebote einer praktischen Ernährungsethik” (von Jörg Hübner) in gekürzter Form aus: Lebenskraft – Gutes ernten und teilen. Arbeitshilfe zum Erntedankfest 2011. HG.: Der Evangelische Dienst auf dem Lande

One World aus der CD Ghost In The Machine von The Police

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