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Lebenswege
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Lebenswege

Winfried Engel
Ein Beitrag von

Winfried Engel,

Ltd. Schulamtsdirektor i. K. i. R., Fulda
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„Gib mir einfach Deine Adresse, dann finde ich Dich schon!“, so reagiere ich auf die Einladung eines Bekannten. Ich hatte ihn lange nicht gesehen und jetzt unvermittelt getroffen. „Besuch mich doch mal“, hatte er gesagt, und da wollte ich die Gelegenheit auch gleich nutzen. Früher wären jetzt langwierige Wegbeschreibungen fällig gewesen. Doch heute genügt die Adresse, das Navi wird mich sicher hinführen. Wir haben uns an neue Techniken gewöhnt. Sie sind aus unserem Alltag kaum noch wegzudenken. Ob beim Autofahren oder im Haushalt, überall begleitet uns Elektronik und bietet uns Möglichkeiten, von denen frühere Generationen nicht einmal geträumt haben. Dazu gehören (auch) Navigationssysteme, in Autos eingebaut oder mobil auf dem Smartphone. Bei entsprechender Programmierung sagen sie einem immer, wo es lang geht. Auch ich habe ein solches in meinem Auto. Es ist für mich immer wieder faszinierend, wie eine sanfte und geduldige Stimme mich zuverlässig an das eingegebene Ziel leitet. Doch bevor sie das tut, will sie von mir ein paar Informationen haben. Ich muss zum Beispiel angeben, ob ich den schnelleren oder den kürzeren Weg zu meinem Ziel wählen will. Diese zwei Wege hat das System parat, und ich muss entscheiden, was mir wichtiger ist. Die Schnelligkeit oder die Sparsamkeit. Was das für meinen Weg konkret bedeutet, weiß ich nicht. Der schnellere Weg führt sicher über die Autobahn, doch ist dort einmal ein Stau, dann hänge ich fest. Der kürzere führt mich wahrscheinlich durch landschaftlich schönere Gegenden, ich brauche voraussichtlich mehr Zeit. Dafür kann ich aber unvorhergesehenen Hindernissen besser ausweichen. Ganz abgesehen davon, dass die langsamere Fahrweise die Umwelt schont und dass ich außerdem auch noch Benzin und damit Kosten spare. Wofür soll ich mich also entscheiden? Zwei Wege habe ich zur Wahl. Beide haben etwas für sich, es liegt an mir, wo ich die Priorität setze. – Ist das nicht in meinem übrigen Leben auch so? Gibt es nicht immer mehrere Möglichkeiten, sich zu entscheiden? Immer wieder mal habe ich beim Gang in die Stadt einen netten Menschen getroffen und mich mit ihm unterhalten können, weil ich nicht den kürzesten Weg gewählt, sondern einen kleinen Bogen geschlagen habe. Auch habe ich nicht selten mehr erreicht, weil ich nicht mit dem Kopf durch die Wand gegangen bin, wie man so schön sagt, sondern mich auf Teillösungen eingelassen habe. Das Ziel im Auge behalten, aber hier oder da einmal nachgeben, Zugeständnisse machen, das führt oft weiter als knallhart und schnell etwas durchsetzen wollen. „Viele Wege führen nach Rom“, sagt ein Sprichwort. Darin steckt die Erkenntnis, dass es fast immer mehrere Möglichkeiten gibt, sein Ziel zu erreichen. Welche Möglichkeit ich wähle, hängt von mir ab. Doch was hilft mir bei solchen Entscheidungen weiter? Woran kann ich mich orientieren?

Dass es im Leben meist mehrere Wege zum Ziel gibt, zwischen denen ich mich entscheiden muss, ist eine uralte Erkenntnis. Schon die Bibel berichtet von zwei Wegen im Leben des Menschen, der eine gereicht zum Segen, der andere zum Verderben. So spricht zum Beispiel Mose(s) zum Volk Israel: „Siehe, hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor, nämlich so: Ich selbst verpflichte dich heute, den Herrn, deinen Gott, zu lieben, auf seinen Wegen zu gehen und seine Gebote, Satzungen und Rechtsentscheide zu bewahren, du aber lebst und wirst zahlreich und der Herr, dein Gott, segnet dich in dem Land, in das du hineinziehst, … . Wenn sich aber dein Herz abwendet und nicht hört, … dann werdet ihr ausgetilgt werden; …“ (Dt 30,15 - 18) Und im nächsten Vers werden die Mahnungen an das Volk Israel noch deutlicher: „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“ (Dt 30,19) - Eine eindeutige Alternative! Hier ist eine Entscheidung gefordert!

Bei der religiösen Unterweisung der Taufkandidaten in der frühen Kirche war die Lehre von den zwei Wegen ein zentraler Inhalt. Die Didaché, eine Kirchenordnung aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, formuliert als Lernstoff für die künftigen Christen: „Zwei Wege gibt es, einen zum Leben und einen zum Tod; der Unterschied zwischen beiden Wegen ist aber groß. Der Weg des Lebens nun ist dieser: Du sollst deinen Gott lieben, der dich erschaffen hat, zweitens deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Did. 1,1.2) Alle diese Anweisungen und Ratschläge haben eines gemeinsam: sie zwingen zur Entscheidung, ja zur Entscheidung zwischen Leben und Tod, Segen und Verderben, Gedeih oder Untergang. Über diese beiden Wege hinaus gibt es keine Alternative, so sieht es die Bibel. Entscheide ich mich falsch, wird mir deutlich vor Augen geführt, was mich erwartet. Die Navigationsangaben der Bibel sind klar und eindeutig. Wer sich daran hält, wird in seinem Leben niemals auf den falschen Weg geraten.

Wie steht es mit meinem eigenen Lebensweg? Welche Vorgaben habe ich in mein inneres Navigationssystem eingegeben? – Ganz sicher will ich, dass mein Leben gelingt, dass ich den Weg gehe, der mir zum Segen gereicht, der zum Leben führt. Und ich bin davon überzeugt: Gott und seine Gebote helfen mir dabei, die richtige Richtung in meinem Leben zu bestimmen? Mit den Angaben, die das Navigationssystem in meinem Auto von mir verlangt, komme ich nicht weiter. Der kürzere oder der schnellere Weg sind keine wirklichen Alternativen. Entscheidend ist nämlich nicht nur, dass ich das Ziel erreiche, sondern auch wie ich das Ziel erreiche. - Eine Legende erzählt, dass sich zur Zeit der Geburt Jesu drei Könige aufmachten, das neu geborene Gotteskind in Bethlehem zu sehen. Ein vierter gesellte sich zu ihnen. Aber während die drei anderen in aller Eile dem Stern folgten und ihres Weges zogen, ließ sich der vierte von allerhand Menschennöten aufhalten: hier von einem hilflosen Kind, dort von einem Kranken, schließlich erkaufte er gar einem Familienvater die Freiheit und wurde an dessen Stelle Galeerensklave. Als er endlich wieder freikam, sah er plötzlich den Stern wieder. Nun folgte er ihm in großer Eile. Der Stern blieb stehen über einem Kreuz, und der daran hing, schaute den vierten König an. Eigentlich würde man jetzt erwarten, dass der vierte König tief enttäuscht über seine Verspätung von dannen geht. Doch die Geschichte endet mit dem Satz: Da wusste dieser, dass er den richtigen Weg gegangen war. - Was seine ursprüngliche Absicht betraf, so kam er tatsächlich zu spät. Aus dem Kind in der Krippe, das er gesucht hatte, war ein Mann geworden., Der hatte den Menschen die frohe Botschaft Gottes durch Wort und Tat verkündet und musste dafür nun am Kreuz sterben.. Doch was er in dem Kind eigentlich gesucht hatte, den Mensch gewordenen Gott, dem begegnete er nun. Der dringende Wunsch, das Ziel schnell zu erreichen, hatte die anderen Könige blind gemacht. Blind für die Herausforderungen, die sich ihnen an ihrem Weg stellten. Sie hatten ihr Ziel auch erreicht, aber sie bekamen nur den Anfang des irdischen Weges Gottes mit den Menschen zu sehen, das Kind in der Krippe. Die ganze Dimension der Menschwerdung Gottes blieb ihnen vorenthalten. Anders der vierte König. Er hat sein Ziel nie aus den Augen verloren, hat sich aber gleichzeitig den Herausforderungen gestellt, die an seinem Lebensweg standen. Das hat für ihn Umwege bedeutet, dafür wurde er aber am Ende belohnt mit dem Bewusstsein, den richtigen Weg gewählt zu haben.

Diese Feststellung würde ich einmal auch für mich gern treffen. Damit ich das erreiche, muss ich das, was Jesus selbst vorgelebt hat, in mein inneres Navigationssystem eingeben. Für ihn waren die Menschen an seinem Weg immer Grund genug, innezuhalten und sich ihnen zuzuwenden. Er hat keinen Umweg gescheut! Wenn ich in meinem Leben diesem Beispiel folge, kann ich dann am Ende wie der vierte König sagen: Ich weiß, dieser Weg war der richtige.

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